Der Boom der Genossenschaften
Es steht Spitz auf Knopf: Nur wenn der Regensburger Stadtrat grünes Licht für einen Grundstücksverkauf gibt, kann sich das Leben von 19 Familien mit ihren schwerbehinderten Kindern grundlegend verändern. Sie wollen auf dem begehrten Areal eine inklusive Wohnanlage bauen. Ziel ist eine bunte Hausgemeinschaft für Jung und Alt, mit und ohne Handicap. Eine extra gegründete Genossenschaft will das ambitionierte Projekt realisieren – laut Experten die ideale Gesellschaftsform für ein so mutiges Vorhaben.
Es geht um 3.800 Quadratmeter in der verlassenen Nibelungenkaserne, aus der nach und nach ein neuer Stadtteil entsteht. Das citynahe Areal südlich des Regensburger Hauptbahnhofs ist städtisches Eigentum – und sehr begehrt: »Alle wollen dahin. Ein zentraleres Grundstück gibt es hier nicht«, sagt Annette Fischer, Vorstand der Genossenschaft W.I.R. Wohnen Inklusiv Regensburg eG, und Mutter eines erwachsenen behinderten Sohnes. Die Wohngenossenschaft mit sozialem Zweck will ein Projekt realisieren, das Strahlkraft weit über die Oberpfalz hinaus entwickeln kann: Eine Wohnanlage für 90 Personen, in die drei Wohngruppen für je sechs behinderte Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf integriert sind.
Annette Fischer ist vorsichtig: »Scheitern kann alles im Leben«
Noch ist das Rennen um das Grundstück nicht gelaufen. Die Mitgründerin der Genossenschaft gibt sich vorsichtig optimistisch, dass das geschätzte zehn Millionen Euro teure Projekt am vorgesehenen Standort Realität wird. Und doch will die Genossin den Tag nicht vor dem Abend loben: »Scheitern kann alles im Leben.«
Genossenschaften seien hervorragend geeignet, wenn Bürger die soziale Infrastruktur verbessern wollen, »indem sie die Dinge selbst in die Hand nehmen. Man muss nicht immer gleich nach dem Staat rufen«, sagt Theresia Theurl, Professorin und Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen der Universität Münster. Der starke Zusammenhalt einer Genossenschaft mache selbst die Finanzierung von sehr teuren Projekten möglich – und zugleich renditeorientierte Investoren überflüssig, betont Theurl. Weitere Vorzüge liegen Experten zufolge in der Haftungsbeschränkung für die Mitglieder, dem relativ einfachen Ein- und Austritt und der großen Satzungsfreiheit, die Aktivitäten auf vielen unterschiedlichen sozialen Feldern ermöglicht.
Viele Wohlfahrtsverbände waren anfangs scharfe Gegner
Dank einer Gesetzesreform 2006, die Genossenschaften auch zu kulturellen oder sozialen Zwecken möglich machte, hält der Trend zur Gründung von Genossenschaften an. Für das laufende Jahr rechnet der Bundesverband mit über 300 neuen Initiativen. Dann wird es deutschlandweit 7.900 genossenschaftliche Unternehmen geben.
Thomas Beyer, SPD-Landtagsabgeordneter in Bayern und Vize-Vorsitzender des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt: »Immer mehr Bürger erkennen die Potenziale, die im Miteinander von Genossenschaften liegen.« Es gebe viel mehr Verbindendes und als Trennendes, »wenn man den Selbsthilfegedanken ernst nimmt«, sagt Beyer, der wie Theurl dem Expertenrat »Sozialgenossenschaften« des Bayerischen Sozialministeriums angehört. Er betont, dass die Wohlfahrtsverbände ihre anfänglich ausgeprägte Skepsis gegenüber Sozialgenossenschaften als mögliche Konkurrenten auf dem Sozialmarkt überwunden hätten. Längst seien die etablierten Träger bereit, ihre Fachkenntnisse in die Zusammenarbeit mit Genossenschaften so einzubringen, dass »Win-win-Situationen« entstünden.
Für die W.I.R-Genossenschaft als Träger des Regensburger Projektes anstelle etwa eines Vereins hat Annette Fischer starke Argumente: »Unsere Kinder werden selbst Mitglieder der Genossenschaft. Damit haben sie eine starke Rechtsstellung und lebenslanges Wohnrecht.« Und: »Sie bleiben auch nach unserem Tod unabhängig von einem Vermieter.«
Urs Bükles Projekt in Freiburg ist den Regensburgern Vorbild
Fischer verweist auf Urs Bürkle, der in Freiburg ein ähnliches Wohnprojekt realisiert hat. Bürkle hat eine barrierefreie Anlage konzipiert, die Menschen mit Handicap ein möglichst selbstständiges Leben mit individueller Betreuung bietet. Das funktioniere jedoch nur, wenn die Bewohner der Gemeinschaftsanlage aktiv füreinander da seien, den Willen zur nachbarschaftlichen Unterstützung hätten und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten auch einbrächten, betont der Vordenker.
»Ein so anspruchsvolles Konzept kann nur eine Genossenschaft verwirklichen«, ist Bürkle überzeugt. Er ist Vorstand der Vaubanaise eG, die derzeit 166 Mitglieder aus ganz Deutschland zählt. Neben den Genossenschaftsmitgliedern stehen viele private Geldgeber hinter dem trägerunabhängigen Projekt, bei dem auf einer Fläche von ca. 3.500 Quadratmetern 40 Wohn- und Gewerbeeinheiten entstanden und fast vollständig belegt sind.
Im Juni bezogen die ersten Bewohner das bunte, fünfstöckige Gebäude im Freiburger Modellstadtteil Vauban. Ein fast acht Millionen Euro teures Projekt, das dank des innovativen Finanzierungskonzeptes ganz ohne staatliche Unterstützung Wirklichkeit wurde. Die Medien waren voll des Lobes: »Es ist ein Modell von inklusivem Wohnen, wie es in seiner Radikalität in Deutschland einzigartig sein dürfte.«
Selbstbestimmt sein – das zählt in allen Genossenschaften
Dabei müssen es nicht immer millionenschwere Projekte sein, mit denen tüchtige Genossen Lücken in der sozialen Infrastruktur schließen, wie erfolgreiche Beispiele aus Bayern zeigen. So entstand 2011 in Dachau eine Genossenschaft zur »Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung« (SAPV Dachau eG). Sie ermöglicht schwerstkranken Menschen ein würdiges Sterben in den eigenen vier Wänden – inzwischen mit Anerkennung der gesetzlichen Krankenkassen durch einen Versorgungsvertrag.
In München erwirtschaften die Mitglieder von HausGemacht eG ihre Löhne selbst: Frauen, die kaum Chancen auf reguläre Jobs am Arbeitsmarkt haben, werden hauswirtschaftlich geschult und anschließend stundenweise in Privathaushalten eingesetzt. Durch diese Tätigkeiten nimmt die Genossenschaft rund 400.000 Euro im Jahr ein – von denen der größte Teil in die Löhne der Mitarbeiterinnen fließt.
Falls der Kauf des ersehnten Grundstücks in Regensburg doch scheitert, müssen sich die W.I.R-Genossen neu sortieren. Einen »Plan B« haben Fischer und die anderen Unterstützer aus den Reihen von drei Vereinen der Behindertenselbsthilfe bislang nicht. Aber, so betont Fischer: »Wir haben den Willen, nicht aufzuhören.« Und das unverrückbare Ziel, ihren Kindern ein selbstbestimmtes Leben im Quartier zu ermöglichen. »Die wollen integriert und aktiv leben wie ihre Altersgenossen, und nicht bei uns Eltern alt werden.«
Für Bürkle ist diese Sicht auf die Dinge der erste Schritt zur Tat. Durch gemeinschaftliche Wohnkonzepte bekämen behinderte Menschen eine echte Chance, möglichst eigenständig zu leben und sich aus der noch immer verbreiteten Bevormundung durch Träger der Behindertenhilfe zu lösen. Wer bei der Vaubanaise Unterstützung benötige, nutze professionelle Hilfsdienste, die mit dem Geld des Persönlichen Budgets bezahlt werden. »Das funktioniert bei uns, weil wir Wohnen und Betreuung voneinander trennen«, erläutert Bürkle, der eng mit der Lebenshilfe Breisgau kooperiert. Als Mieter seien alle gleich; die behinderten Bewohner sind für ihre maßgeschneiderte Assistenz im Alltag selbst verantwortlich – und kaufen diese Dienstleistungen am Markt ein.
Große Träger der Behindertenhilfe müssten umdenken, mahnt Bürkle. Die von ihnen in der Vergangenheit angebotenen vermeintlichen »Rundum-Sorglos-Pakete«, bei denen mit einer Unterschrift Wohnen und Betreuung geregelt wurden, seien mit Blick auf die Inklusion der falsche Ansatz. Deshalb gehe die Vaubanaise anders vor. Wenn Mieter mit Handicap den Anbieter von Assistenzleistungen wechseln wollen, sei das kein Problem: »Sie kündigen einfach den Vertrag, bleiben aber in der Wohnung.«
Bürkle zufolge wächst das Interesse am gemeinschaftlichen Wohnen nicht ohne Grund: Immer mehr Eltern wollten verlässlich verhindern, dass ihre behinderten Kinder nach dem eigenen Tod nicht in ein Heim kommen. »Dazu müssen sie die Kinder loslassen und Verantwortung abgeben.« Vor allem aber müssten Eltern selbst aktiv werden«, sagt der Projektleiter. Denn: »Kinder mit Assistenzbedarf verlassen die gemeinsame Wohnung nicht von alleine.« Das genossenschaftliche Konzept der Vaubanaise sei auch deshalb so attraktiv, weil die Kinder auf Dauer in den gewohnten vier Wänden bleiben können. Sonst gebe es oft nur eine Alternative: »Das Kind muss mit 50 Jahren erstmals ins Heim.«
