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Maskenspiel

Pfarrer werden pausenlos eingeladen. Zum Beispiel zum Feuerwehrball. Zur Dorfkirmes. Zum Vereinsjubiläum der Gnu-Züchter. Zu den neckischen Empfängen der Parteien. Zum Richtfest des Kindergartens. Zur Eröffnung des Bio-Supermarkts. Oder zur Jahreshauptversammlung der Anonymen Eintracht-Fans (AEF). Immer heißt es: »Gell, Herr Pfarrer, Sie kommen doch auch?« So viele Ausreden gibt es gar nicht, wie man sie da bräuchte. Und es macht nun mal einen guten Eindruck, wenn die Kirche Präsenz zeigt. Will ich ja auch selbst. Nur nicht, wenn wieder die Karnevalszeit anbricht …
von Fabian Vogt vom 15.02.2015
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"Ja, ich habe die ganze Zeit überlegt, ob ich nicht einfach als Pfarrer zur Faschingssitzung gehen soll. So im Talar. Den habe ich ja ohnehin. Wär doch ein cooles Kostüm ..."
"Ja, ich habe die ganze Zeit überlegt, ob ich nicht einfach als Pfarrer zur Faschingssitzung gehen soll. So im Talar. Den habe ich ja ohnehin. Wär doch ein cooles Kostüm ..."

... und jeder Jecken-Club der Region mich anruft. Meist mit den verlockenden Worten: »Unsere männlichen Funkenmariechen dürfen Sie auf keinen Fall verpassen. Außerdem sind Sie doch selbst so’n komischer Vogel. Wollen Sie nicht direkt in die Bütt? Ist fast das Gleiche wie sonntags auf der Kanzel.« Was – im Prinzip – ja stimmt.

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Nur weiß ich nie, als was ich gehen soll. Mal ganz im Ernst: Als was kann ein Pfarrer, den alle im Ort kennen, sich verkleiden, ohne lächerlich auszusehen? Also steh ich jedes Jahr da: Cowboy? Zu unkreativ. Samurai? Zu militant. Troubadour? Zu nah an der Inquisition. Zauberer? Geht gar nicht. Jesus? Wofür hält der sich? Meine Familie ist mir bei der Entscheidung übrigens keine große Hilfe. Mein Sohn meinte trocken: »Geh doch als Monster, da sparst du dir das Kostüm!« Seitdem frage ich ihn lieber nicht mehr.

So habe ich mich an mein soziales Netz geklammert und gedacht: Ich bitte die Jungs vom Männerkreis um Rat. Quasi um einen Elfer-Rat: »Als was soll ich mich verkleiden?« Aber das hätte ich auch besser gelassen. Denn gegen deren Ideen war die von meinem Sohn noch harmlos: »Wie wär’s mit Pippi Langstrumpf?« – »Oder Hägar, der Schreckliche?« Einer meinte: »Hey, geh als Glöckner von Notre-Dame! Das passt zur Kirche.« Wer solche Freunde hat, möchte lieber gleich ein Monster sein.

Aber dann stellte Joachim eine richtig schlaue Frage: »Wer möchtest du denn gerne sein?« Hä? »Ja, Fasching, da verkleidet man sich doch, weil man mal jemand anderes sein möchte. Also: Wer möchtest du gerne sein?« Danach waren wir ganz schnell weg vom Thema Maskerade und fragten uns: Welche Figur, welche Persönlichkeit, welchen Charakter würden wir uns wünschen, wenn wir wählen könnten? Was wäre, wenn es keine Standesgrenzen, keine Traditionen und alle Freiheiten gäbe? Denn so war das bei der Erfindung von Karneval ja ursprünglich mal gedacht.

Schon waren die Kalauer vergessen. Heiter war das Gespräch dann zwar immer noch. Aber irgendwie auch existenziell. Und dann sagte Peter etwas, das mich seither nicht mehr loslässt: »Mich interessiert gar nicht, wer ich gern sein würde. Ich möchte viel lieber wissen: Wie kann ich gerne der sein, der ich bin? Das gelingt mir nämlich nur selten.«

Natürlich hätte ich jetzt als Theologe sofort erwähnen müssen, dass doch genau das ein Teil der christlichen Botschaft ist: Dass Gott uns so liebt, wie wir sind. Hab ich aber nicht. Ich war abgelenkt. Ja, ich habe die ganze Zeit überlegt, ob ich nicht einfach als Pfarrer zur Faschingssitzung gehen soll. So im Talar. Den habe ich ja ohnehin. Wär doch ein cooles Kostüm.

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Personalaudioinformationstext:   Fabian Vogt, geboren 1967, ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde Oberstedten im Taunus, Kabarettist im »Duo Camillo« und Schriftsteller. Die Kolumne schreibt er im Wechsel mit Anne Lemhöfer.
Schlagwörter: Identität Karneval
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