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Luxus

Wie das Leben so spielt: Die einen finden eine Feinstrumpfhose für 45 Euro luxuriös, die anderen ein stilles Bergdorf und das Leben als Volksschullehrer, wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Wer ist nun glücklicher?
von Doris Weber vom 09.08.2011
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»Welch ein Luxus«, sagt sie und kann sich bis heute nicht über ihre sündhaft teure Feinstrumpfhose freuen
»Welch ein Luxus«, sagt sie und kann sich bis heute nicht über ihre sündhaft teure Feinstrumpfhose freuen

Den Luxus gönne ich mir«, sagt eine Bekannte immer dann, wenn sie sich, wie sie weiter sagt, »eine persönliche Kleinigkeit« kaufen möchte. – Und dann gönnt sie sich etwas Schönes. Es handelt sich um eine sehr wohlhabende Bekannte, und ich habe den Satz »Den Luxus gönne ich mir ...« aus ihrem Mund nie so recht verstanden, bis ich bei entsprechender Gelegenheit erlebte, dass die Ärmste zwar über ein dickes Bankkonto verfügt, jedoch zugleich auch über eine gehörige Portion Geiz. Also bedeutet für sie jede noch so kleine Anschaffung eine ziemliche Quälerei. Soll ich, oder soll ich nicht? Eigentlich brauche ich das doch gar nicht. Lass lieber dein Geld auf dem Konto liegen, pocht ihr Gewissen. Denn eine Alternative kennt die gute Bekannte nicht. Den Reichtum für andere Menschen, gar für soziale Zwecke einzusetzen käme ihr niemals in den Sinn.

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Also hat sie sich neulich eine Feinstrumpfhose mit Seidenglanz für 45 Euro gegönnt. »Welch ein Luxus«, sagt sie und kann sich bis heute noch nicht darüber freuen. Ich an ihrer Stelle würde die Strumpfhose aus dem Haus schaffen. Vielleicht umtauschen? Aber was sollte sie mit der Gutschrift anfangen? Die Lage ist vertrackt.

»Man versehe mich mit Luxus«, sagt Oscar Wilde

Ich dachte immer, Luxus sei etwas, worüber man sich freut. Nun komme ich ins Grübeln: Was ist überhaupt Luxus? Ich frage das Lexikon: »Luxus ist jeder persönliche Aufwand, der eine von der sozialen Umwelt als normal empfundene Lebenshaltung übersteigt«, erklärt mir die Brockhaus Enzyklopädie. Und was eine »normal empfundene Lebenshaltung« ist, das kann sich ändern, von Zeit zu Zeit, von Epoche zu Epoche.

Luxus ist relativ, erfahre ich durch die Literatur. »Man versehe mich mit Luxus«, sagte Oscar Wilde, »auf alles Notwendige kann ich verzichten.« Doch was ist das Notwendige? Vielleicht ist gerade das Notwendige, auf das man heute verzichten muss, purer Luxus. Der Duden deutet Luxus schnöde mit den Worten »Verschwendung, Prunksucht«. Als wäre er in der Zeit Rousseaus geschrieben worden, der behauptete: »Luxus verdirbt alle, sowohl die Reichen wie die Armen.« Einspruch, denke ich: Luxus beruhigt – ebenso wie Reichtum. Aber ist nicht auch Reichtum genauso relativ wie Luxus? Für Aristoteles Onassis war ein Millionär vielleicht nur ein armer Mann.

Was soll ein Asket mit so viel Geld?

Jenem schrecklichen Schicksal wollte der Philosoph Wittgenstein entgehen. Nach dem Tod seines Vaters wurde er ein steinreicher Erbe. 1914 verfügte er über ein Einkommen von rund 300 000 Kronen. »Was soll ein Asket mit so viel Geld?«, fragte er und spendete ein Drittel an mittellose Künstler wie Rilke, Kokoschka und den armen kranken Georg Trakl, der vor lauter Glück über jene luxuriöse Segnung einen Nervenzusammenbruch erlitt. Den Rest schenkte Wittgenstein seinen Geschwistern, er selbst wurde Volksschullehrer in dem Bergdorf Trattenbach.

Solche Geschichten gefallen mir, denn sie bringen den modernen Menschen ins Grübeln. Ihn, den rastlosen Jäger und Sammler einer pulsierenden Wirtschaftsgesellschaft, im unermüdlichen Streben nach Geld und geplagt von der Sorge um den Erhalt des erworbenen Besitzes. Im alltäglichen Kampf um Anerkennung und Erfolg, so wird ihm nachgesagt, habe er das Wesentliche, sein Leben und die Freude daran, verloren.

Es dämmert mir, dass es so nicht weitergehen kann. Und schon ist die Idee für den nächsten Luxusurlaub geboren: Abhängen à la Wittgenstein. Im kleinen Bergdorf – oder auf einer griechischen Insel. Den ganzen Tag in der Sonne sitzen, das Spiel der Kinder beobachten, Kreise in den Sand malen und bärtigen Männern beim Sortieren ihrer Netze zuschauen.

Die geizige Bekannte, von der ich eingangs berichtete, besitzt ein Haus auf Capri und eine mondäne Skihütte in Vorarlberg. Dort verbringt sie ihre Ferien. Ihre Freunde, von denen sie nur sehr wenige hat, lädt sie nicht ein. Die kosten zu viel Geld, Strom, Wasser, und dann holen sie immer den besten Wein aus dem Keller und was sonst noch alles zusammenkommt. »Da bin ich lieber für mich alleine«, sagt sie. Der Luxus sei ihr vergönnt.n

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