Immer ist Anfang
Manchmal ist es entscheidend, von welcher Seite man eine Sache betrachtet. Das Leben zum Beispiel. Man kann es verstehen als Leben zum Tode. Dann wird man Grenzen sehen, die enger werden mit den Jahren. Man wird wahrnehmen, wie an jedem Tag die Lebenszeit etwas mehr schwindet. Man kann es jedoch auch andersherum sehen und das Leben – egal in welchem Alter – mit den Augen eines Anfängers betrachten. Dann wird man noch in Krisen, in Abbrüchen und Enttäuschungen Möglichkeiten entdecken, Chancen, sich neu in eine Richtung zu entwerfen, die vorher nicht denkbar war. Solange wir leben, bietet uns das Leben solche Aufbrüche an. Immer ist Anfang.
Die Religionen behaupten, dass sogar das große Ende, der Tod, ein Anfang ist. Jesus aus Nazareth lebte ganz von dieser offenen Zukunft her, die er Reich Gottes nannte. Jene Menschen, die sich »am Ende« fühlten, lud er ein, Anfänger dieses Reiches zu werden: »Gott hat sogar anderes, Größeres mit dir vor, steh auf und suche es.«
Werdet Anfänger! Diese Einladung gilt bis ins hohe Alter. Das ist die Erkenntnis der Hirnforschung. Unser Hirn bleibt »plastisch«, also formbar bis zum Schluss. Und das ist auch die Erkenntnis unserer Autorinnen und Autoren in diesem EXTRA. Wenn das Herz seinen Anfängergeist nicht verliert, kann man im Alter sogar noch in ein anderes Land aufbrechen. Oder eine neue Liebe finden: Dreißig Jahre nach seinem ersten Kind wird der fast sechzigjährige Witwer noch mal Vater und knüpft nun unverhofft neue Fäden in sein Lebensnetz.
Anfänge haben eine tiefe Faszination: Jeder kennt die spontane Rührung, die der Anblick eines Neugeborenen weckt. »Da ist etwas Heiliges im Raum«, sagt die Hebamme in unserem EXTRA-Gespräch. Besonders zum Jahreswechsel berührt uns der Geist des Anfangs und weckt Lust auf Veränderung. Wir stellen eine kreative Methode vor, wie wir die Spur der eigenen Wünsche und Träume finden.
Das Leben ist offener, als wir denken, wenn wir es von seinen Möglichkeiten und nicht von den Grenzen her angehen. Und es öffnet sich in dem Maße, wie wir selber offen bleiben, mit Neugier und Lebenslust. Immer ist Anfang.
In diesem EXTRA erzählen wir von Anfängen und Aufbrüchen und wie die Sehnsucht nach dem Leben drängt, wenn sich zu viel Ungelebtes aufgestaut hat. »Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich mir selbst treu wäre?« Solch eine Frage kann einen neuen Anfang einleiten. »Zur Morgenstunde liegt der Tag wie eine Verheißung da«, erzählt ein Mönch, der so gern ein Frühaufsteher ist. Im Buddhismus ist solcher »Anfängergeist« sprichwörtlich geworden. Für den Zen-Meditierenden ist jeder Augenblick der erste Schöpfungsmorgen der Welt, also Anfang. Aber auch Menschen, die kein Ende finden, kommen zu Wort und andere, die keinen Neuanfang setzen und immer alles aufschieben.
Die Kunst des Aufhörens sollte beherrschen, wer ein wirklicher Anfänger werden möchte. Darum heißt es am Ende in diesem EXTRA: »Schluss jetzt.«
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Foto: photocase/Fotoline
