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Hunger nach Gerechtigkeit

Was lasse ich mir zu Herzen gehen? Was schiebe ich von mir weg? Wie lebe ich »richtig« in einer Welt, die voller Scheußlichkeiten und Ungerechtigkeiten ist? Diese Fragen stellen die Autorinnen und Autoren des aktuellen Publik-Forum EXTRA LEBEN. Darunter diesmal Bärbel Wartenberg-Potter, lange Jahre Bischöfin der Nordelbischen Kirche
von Doris Weber vom 19.12.2014
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Hungern nach Gerechtigkeit: Für viele Menschen hat die Ungerechtigkeit der Welt ganz konkrete Auswirkungen. (Fotos: pa)
Hungern nach Gerechtigkeit: Für viele Menschen hat die Ungerechtigkeit der Welt ganz konkrete Auswirkungen. (Fotos: pa)

Auf der Suche nach Antworten begegnen wir immer wieder Menschen, die es wagen, anders zu denken, zu sprechen und zu handeln. Ein Schutzschild gegen die Gleichgültigkeit ist das Mitgefühl, jene starke Kraft auf dem Weg zur Gerechtigkeit. Das lehren uns Ed, Vanessa, Klaus, Mandy und all die anderen Menschen, die uns mit ihren Geschichten Hoffnung schenken.

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Im Intercity von Frankfurt nach Hamburg nimmt ein Herr Platz. Er macht es sich gemütlich. Legt seine Füße auf den Sitz gegenüber. Eine ältere Dame fragt ihn: »Warum ziehen Sie nicht Ihre Schuhe aus? Wer weiß, wo Sie überall reingetreten sind, und derjenige, der nach Ihnen diesen Platz besetzen wird, hat dann den Schmutz an seinen Kleidern.« – »Mir doch egal«, sagt der Mann und verschwindet unter seinem Kopfhörer.

»Mir doch egal.« Für mich ist das ein schrecklicher Satz, der Inbegriff der Gleichgültigkeit. Was kümmern mich die Menschen in meiner näheren und ferneren Umgebung? Mir doch egal. »Nicht Hass ist das Gegenteil von Liebe, sondern Gleichgültigkeit«, sagte der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel. Mit der kraftlosen Gleichgültigkeit fängt das Unglück in der Welt an. Das lauwarme Gefühl, das sich weder zu einem Ja noch zu einem Nein aufraffen will, setzt alles Menschliche dem Kältetod aus. Gleichgültigkeit schützt vor unseren Nächsten und anderen Zumutungen. Sie schützt uns vor den Anfechtungen des Lebens. Was gehen mich die Arbeitslosen an, die Ausgemusterten, die Kranken, die Kriegsopfer, die Obdachlosen, die Trauernden? Man hat schließlich mit sich selbst genug zu tun!

Gleichgültigkeit ist eine Art seelischer Betäubung. Sie kann verschiedene Ursachen haben. Zum einen ein hohes Maß an Gefühlskälte, zum anderen zeugt Gleichgültigkeit auch von Hilflosigkeit und Resignation. Sie kann dort entstehen, wo zu viel Leid Ohnmachtsgefühle hervorruft. Gerade in Kriegs- und Krisenzeiten, die unsere Welt bedrohen, fallen immer mehr Menschen in lähmende Gleichgültigkeit und sagen: Ich kann ja doch nichts bewirken. Die da oben machen mit uns sowieso, was sie wollen. So flieht man in die schützende Distanz und wird zum unbeteiligten Beobachter. »Gleichgültigkeit ist das größte Laster unserer Zeit, die zivilisierte Form der Rohheit«, schrieb die lettische Dichterin Zenta Maurina in ihrem Werk Um des Menschen willen.

Wenn also Mitleben auch Mitleiden heißt, dann wird die Welt ein wenig menschlicher. Wie heißt es doch? Ein Schutzschild gegen die Gleichgültigkeit ist das Mitgefühl.

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