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Fürchte dich nicht!

Der unvergessliche Moment: Da steht doch tatsächlich ein Engel am Straßenrand! Mitten im Advent. Weiße Flügel, die Arme weit ausgebreitet. Und hat er nicht gerade»Fürchte dich nicht!« gerufen? Ich bin mir nicht sicher. Es war ja nur eine Sekunde, in der ich mit dem Auto an ihm vorbeifuhr. »Erwischt!«, denke ich. Denn ich fürchte mich manchmal schon sehr. Hat mir also jemand einen Engel geschickt?
von Britta Baas vom 18.12.2014
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Nur noch wenige Tage, dann ist Weihnachten: Was sich wohl hinter diesem Adventsfenster vom 18. Dezember verbirgt? Machen Sie´s doch einfach mal auf! Klicken Sie dafür auf das Wörtchen "mehr". (Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)
Nur noch wenige Tage, dann ist Weihnachten: Was sich wohl hinter diesem Adventsfenster vom 18. Dezember verbirgt? Machen Sie´s doch einfach mal auf! Klicken Sie dafür auf das Wörtchen "mehr". (Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)

»Fürchte dich nicht.« Wer sagt das noch mal zu wem in der Weihnachtsgeschichte? Während ich weiterfahre, auf dem Weg in die Redaktion, fällt es mir wieder ein: Es ist der Erzengel Gabriel, der Maria verkündet, dass sie Jesus auf die Welt bringen wird – und zwar unter etwas ungewöhnlichen Umständen. Der Engel erklärt die überraschende Schwangerschaft ganz einfach so: »Alle Dinge sind möglich bei Gott.« Und Maria? Sie antwortet: »Es soll geschehen, wie du mir gesagt hast.« So viel Ergebenheit! Das passt so gar nicht in mein Selbstbild als Frau. Maria war offensichtlich anders als ich.

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Schön am Weihnachtsevangelium nach Lukas ist, das alles so selbstverständlich erscheint. Gott ist gnädig, die künftige Mutter Gottes tief gläubig, und der Erzengel ist sich seiner Aufgabe sehr bewusst. Er vermittelt zwischen Welten, die eigentlich unvereinbar erscheinen: Dort der Himmel mit seinen großen Geheimnissen. Hier die Erde, auf der die Regeln der Biologie und gesellschaftlichen Ordnung gelten, die unumstößlich erscheinen. Doch Gott setzt diese Regeln außer Kraft. Maria wird schwanger, obwohl sie »keinen Mann erkannt hat«, wie es in alten Übersetzungen heißt. Und hochwohlgeboren wird der »Sohn Gottes« auch nicht sein, obwohl man es bei so einem bedeutenden Titel eigentlich erwarten dürfte. Ganz im Gegenteil ist seine künftige Mutter eine einfache Frau.

»Fürchte dich nicht.« Während ich schon einige Kilometer von meinem Engel entfernt bin und mit dem Auto vor einer roten Ampel stehe, ertappe ich mich dabei, wie ich diese Botschaft aus der Weihnachtsgeschichte vor mir hin spreche. »Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht...« Wovor um alles in der Welt fürchte ich mich eigentlich? Wohl vor mehr, als ich mir bewusst mache ...

Nebenher läuft das Autoradio. Es ist ein Dienstag, gerade kommen die Nachrichten. »...15000 Menschen nahmen gestern Abend an der Pegida-Kundgebung in Dresden teil...«, höre ich. »Schon wieder ein paar Tausend mehr als am Montagabend vor einer Woche«, denke ich. »Oh Gott! Wo soll das noch enden?«

In Dresden, das habe ich nun schon sehr oft im Fernsehen gesehen, rufen sie: »Wir sind das Volk!« Doch sie meinen damit, dass »die Anderen« nicht dazugehören sollen. »Deutsche Sitten, deutsche Bräuche« sollen gelten. Und so stören sich selbst ernannte »patriotische Europäer« aus der Mitte des Bürgertums an Menschen aus anderen Ländern. Dass diese Menschen oft Flüchtlinge sind, die Hilfe brauchen und neu anfangen wollen, scheint den Demonstranten egal zu sein. Ach, und einen Glauben – noch dazu einen muslimischen – darf man in den Augen dieser Demonstranten auch nicht haben. Sie brüllen an gegen eine »Islamisierung des Abendlandes« und fühlen sich sichtbar sauwohl dabei. Es wird gelacht und marschiert. Dresdens Innenstadt sieht aus, als ob die Welt der Masse gehörte. Und diese Masse ist zum Fürchten.

Wo nichts und niemand mehr geduldet wird – kein Ausländer, kein kritisches Medium, keine Politik und kein Friede – können Engel nicht unterkommen. »Fürchte dich nicht«!? »Falls in Dresden ein geflügelter Himmelsbote am Straßenrand stünde, würde wohl niemand auf seine Botschaft hören«, denke ich. Denn die Demonstranten wollen sich lieber fürchten. Es ist einfach zu wohlig, einen Feind zu haben, dem man alles Ungute aufbürden kann. Ob sich damit die viel beschworene Heimat retten lässt? Ich glaube es nicht.

Schon lange stehe ich nicht mehr an der roten Ampel, sondern bin mittlerweile fast angekommen bei Publik-Forum. Im Autoradio habe ich noch gehört, dass an diesem Montagabend auch 6000 Gegen-Demonstranten unterwegs waren in Dresden, und das hat mich wieder ein bisschen froh gestimmt. »Wahrscheinlich waren alle Engel bei dieser Gegen-Demo versammelt«,denke ich, »und ebenso wahrscheinlich haben sie dauernd ›Fürchte dich nicht‹ gerufen.«

Während ich die Treppe zur Redaktion hinaufsteige, denke ich kurz nach, wer von meinen Kolleginnen und Kollegen heute da sein wird. Wer einen freien Tag hat. Und wer auf Recherche unterwegs ist. Ob ich wohl jemandem von meinem Engel-Erlebnis erzählen kann? »Die glauben mir bestimmt nicht«, denke ich. »Wer trifft schon einen Engel am Straßenrand? Man müsste ihn fotografieren ...« Mit meinem Kollegen aus der Layout-Abteilung spreche ich dann tatsächlich über den Engel. Und der schickt eine Fotografin los. Wunderbar! Ich werde also einen Beweis haben.

Beweisen kann man die Existenz von Engeln natürlich ansonsten nicht. Aber andererseits ... vielleicht doch? Wie oft sagen mir Menschen Tag für Tag: »Fürchte dich nicht!« Natürlich benutzen sie nicht immer genau diese Worte. Aber wenn ich genau hinhöre, kann ich sie schon hören, die Botschaft. Die Engel meines Lebens vermitteln zwischen Welten. Sie sagen: »Freue dich!« Und sie breiten die Arme aus. Kollegen. Müllwerker. Nachbarn. Manchmal sogar der eigene Ehemann. Sie setzen die Regeln der Welt außer Kraft. Sie machen Mut, zu handeln, als hätte man gar keine Furcht. Man braucht solche Engel. Nicht nur in Dresden.

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Personalaudioinformationstext:   Britta Baas, Historikerin und Theologin, ist verantwortliche Redakteurin für Publik-Forum.de
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