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Empört Euch!

Zum Frieden gehört der Glaube, die Dinge zum Guten verändern zu können. Horst-Eberhard Richters Aufruf zum friedlichen Aufstand und zu mehr Engagement für eine humanere Gesellschaft.
von Horst-Eberhard Richter vom 06.05.2011
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Horst-Eberhard Richter: »Warum rafft sich das Volk nicht zum Widerstand auf?«
Horst-Eberhard Richter: »Warum rafft sich das Volk nicht zum Widerstand auf?«

Ein Hoffnungszeichen dieser Tage möchte ich erwähnen. Der 93-jährige französische Menschenrechtler und Schriftsteller Stéphane Hessel fasziniert momentan Millionen seiner Landsleute mit einem Büchlein vom Umfang eines größeren Heftes. Empört euch! lautet der Titel. Hessel schöpft immer noch Kraft aus den Ideen der Résistance, die ihn geprägt haben. »Wir alle sind aufgerufen«, schreibt er, »unsere Gesellschaft so zu bewahren, dass wir auf sie stolz sein können. Das ist aber keine Gesellschaft der in die Illegalität Gedrängten, des Misstrauens gegen Zuwanderer (…), in der die Reichen die Medien beherrschen …Wir müssen den Weg der Gewaltlosigkeit zu gehen lernen. Die Zukunft gehört der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung, davon bin ich überzeugt.« Hessel plädiert für einen Zorn, der stets die Hoffnung im Hintergrund behält. Friedlicher Aufstand ist angesagt.

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Von sich selbst sagt er: Es sei sein natürlicher Optimismus, der ihn alles Wünschenswerte auch für möglich halten lasse. Ich denke, dass auch wir in unserer ärztlichen Friedensarbeit einiges von solcher Zuversicht auszustrahlen versuchen sollten. Das gelingt uns kaum allein durch ewiges Anprangern und Aktionen gegen das Falsche, also durch ein bloßes Anti. Die Menschen brauchen ein Pro, den Glauben an eine Humanisierung unserer Gesellschaft. Angetreten sind wir Ärzte mit der Botschaft, die Herzforscher Lown und Herzforscher Tschasow durch ihren symbolischen Handschlag über den Eisernen Vorhang hinweg ausgedrückt haben.

Helfen wir den arabischen Flüchtlingen?

So wie wir Ärzte unterschiedslos allen Menschen gegenüber zur Hilfe verpflichtet sind, müssen wir auch die anderen zu ungeteilter Verantwortung füreinander und zur Überwindung von Gleichgültigkeit aufrufen. Wir können die Welt ein Stück menschlicher machen, also im Anti immer den Glauben an das Pro der Versöhnung wachhalten. Wer hätte noch vor einem halben Jahr gedacht, dass ausgerechnet in den arabischen Diktaturen ein Aufstand der Schwachen für soziale Gerechtigkeit und für politische Mitbestimmung losbrechen würde? Also ein Kampf für uns vertraute westliche Werte. Dass wir uns dafür schämen würden, vom Westen aus die unterdrückenden Diktatoren unterstützt zu haben? Aber wie viel Verlass ist auf unser Mitgefühl mit den Opfern arabischer Herrschaftsgewalt? Wir wollen helfen – aber auch dann noch, wenn uns Scharen von Flüchtlingen vor unseren Toren bedrängen? Wird dann nicht vielen der rassistische Thilo Sarrazin näher sein als Hessel?

Wird uns vielleicht sogar unser eigenes Defizit an politischer Teilhabe bewusster? Unsere eigene politische Ohnmacht zwischen den Wahlen in der repräsentativen Demokratie? Die Teilnahme am Irakkrieg konnten wir Deutschen gerade noch verhindern, weil die Entscheidung glücklicherweise mit einer Bundestagswahl zusammenfiel. Wir wählten den zunächst weniger aussichtsreichen Kandidaten, weil er diesen Krieg und erst recht deutsche Beteiligung ablehnte. Seit Jahren verlangen mehr als zwei Drittel der Deutschen in repräsentativen Umfragen den Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan – vergeblich. Es ist, als redeten sie gegen den Wind. Protestieren wir Friedensärzte, ergeht es uns genauso. Da bewundern wir nun den Kampf der Araber um politische Teilhabe, aber lassen uns die eigene Verwicklung in einen sinnlosen Krieg gefallen und obendrein die Warnung von oben, den Soldaten nicht in den Rücken zu fallen. Dass dabei die Regierung dem eigenen Volk in den Rücken fällt und die Soldaten ihr Leben für eine Sache aufs Spiel setzen lässt, die das Volk nicht will, ist doch ungeheuerlich.

Es beginnt in Deutschland zu rumoren

Warum rafft sich das Volk nicht zum Widerstand auf, auch nicht, wie noch zu Brandts Zeiten, gegen Nato-Atombomben auf deutschem Boden? Gerade mal 3000 Menschen brachten wir auf die Beine, als wir Ärzte 2008 gegen die Nato-Atombomben in Büchel an der Mosel zu friedlicher Demonstration aufriefen, gestützt auf eine erfragte große Volksmehrheit. An leiser Zustimmung hat es uns nicht gefehlt, wie auch im Falle unserer verschiedenen Afghanistan-Proteste. Gefehlt aber hat uns unterstützende Empörung. Ich meine, das ist weniger Feigheit als Ausdruck der gleichen Resignation, die zur Unterwerfung unter die Totrüstungs-Theorie führte. Immerhin findet Hessels Aufruf Empört euch! auch hierzulande aufmerksames Gehör. Und es beginnt hier ebenfalls zu rumoren. Stuttgart 21 und Gorleben signalisieren das.n

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