Kinotipp: »Vivaldi und ich«
Die Kraft der Musik

Kino. Das Musizieren in Gottesdiensten und Opern war Frauen im 18. Jahrhundert von der katholischen Kirche untersagt. Doch es gab in Venedig vier Waisenhäuser, in denen Mädchen musikalisch ausgebildet wurden und, maskiert oder versteckt, als Orchester auftreten durften. Das berühmteste war das Orchester des Waisenhauses Ospedale della Pietà. Sein Maestro war der Priester und Komponist Antonio Vivaldi.
Doch nicht er spielt die Hauptrolle in diesem atmosphärischen, im Jahre 1718 angesiedelten Musikdrama. Im Zentrum steht das – fiktive – Schicksal der begabten Violinistin Cecilia. Das stille Mädchen hofft immer noch auf einen Besuch seiner unbekannten Mutter, die es einst im Waisenhaus abgegeben hat. Außerdem hängt über Cecilia das Damoklesschwert einer Heirat. Sie ist einem der Mäzene der Einrichtung, einem Offizier, versprochen. Sie weiß, dass ihr in einer Ehe das Musizieren verboten werden wird. Doch ist eine Zwangsheirat in die Aristokratie nicht dem Eingesperrtsein im Waisenhaus vorzuziehen? Ihrem Mentor Vivaldi jedenfalls wächst seine zunehmend rebellische Schülerin bald über den Kopf.
Regisseur Damiano Michieletto bringt eigentlich Opern auf die Bühne und nun erstmals einen Film ins Kino. Angelehnt ist »Vivaldi und ich« an den Roman »Stabat Mater« von Tiziano Scarpa. Fein und gelegentlich humorvoll werden in diesem Coming-of-Age-Film die Rechtlosigkeit, das Leid und die oft grotesken gesellschaftlichen Zwänge eines Frauendaseins skizziert. Roter Faden ist aber die Kraft der Musik, dank der Cecilia ihre unterdrückten Gefühle erkennt und schließlich einen Befreiungsschlag wagt. Im Soundtrack klingen neben den »Vier Jahreszeiten« viele weniger bekannte Werke Vivaldis an. Leitmotiv ist aber jener Geigentriller aus dem »Frühling«, der Vogelgezwitscher imitiert: ein unwiderstehlich munterer Weckruf, sich ins Freie zu wagen.
Vivaldi und ich (I/F 2025).
Film von Damiano Michieletto,
111 Min. Ab 12 J.




