Die Hoch-Zeit der Royals
»Wir sind so, wie wir sind, keine Royals, keine Kings«, singt die Gruppe Glasperlenspiel: »Wir sind frei!« Wenn heute Meghan und Harry heiraten, muss man folglich davon ausgehen, dass diese beiden Menschen nicht erst mit dem Ringtausch eine bestimmte Art von Freiheit verlieren. Ganz frei waren sie offenbar auch vorher nicht.
Falls jemand etwas anderes glauben sollte, klicke er sich durchs Internet: Man findet viel über die »strenge Queen«, die die Hochzeit der beiden erst mal genehmigen musste. Über Harry, der wahrscheinlich Null Chancen bei seiner Braut gehabt hätte, wäre er immer noch der Partyprinz früherer Jahre. Und über Meghan, die – seit sie als Amerikanerin auch emotional Britin zu werden versucht – mindestens mal »Zwölf strenge Royal-Regeln« befolgen muss. Damit kann man natürlich nicht erst am Tag der Hochzeit anfangen. Denn zu diesen unglaublich strengen Regeln gehört, dass die Dame »hautfarbene Strumpfhosen« zu tragen hat (also nicht einfach nichts), ihre Nagellackfarbe keinesfalls Rot oder Schwarz sein darf, die Beine in Fernsehstudios oder auf royalen Sesseln nicht übereinandergeschlagen werden dürfen, Räume in Anwesenheit der Queen nicht vor jener zu betreten sind – und dass Autogrammstunden zu unterbleiben haben.
Wunder und Wandel gehören zum Leben der Self-made-Frau
Letzteres dürfte für Meghan am schwierigsten zu befolgen sein. Ist sie doch Schauspielerin und über die Netflix-Serie »Suits« nicht nur in den USA, sondern auch in Europa seit Längerem bekannt. Eine Self-made-Frau, die Wunder und Wandel zum durchlaufenden Prinzip ihres Lebens gemacht hat. Ganz ohne Harry, der nun eigentlich »nur noch« die Krönung (!) ihres wundersam wundervollen Lebens wird.
Meghan stammt aus einfach Verhältnissen und hat sich ihren Aufstieg selbst erarbeitet. Für das englische Königshaus wäre sie in früheren Zeiten absolut inakzeptabel gewesen: Eine Amerikanerin. Eine geschiedene Katholikin (jetzt natürlich zur englischen Hochkirche konvertiert). Eine Schauspielerin. Eine Frau, deren Mutter »a person of colour« ist. Und deren vom Leben gebeutelter Vater sich offenbar vor einem offiziellen Auftritt als Brautführer durch eine Herzoperation rettete. »Knallharte Ärzte«, sagt das Internet, hielten den Mann von einer Flugreise nach Großbritannien ab. Da dürfte so mancher Royal hörbar aufgeatmet haben.
Wunder und Wandel: Es ist alles anders geworden, als es früher mal war. Das ist die Botschaft, die Meghan Markle mit sich bringt. Aber anders heißt nicht: schlechter. Das Brautpaar hat früh klargemacht, dass es einem eigenen Wertekodex folgt, in allen seinen Entscheidungen. Deshalb gab es keine Einladungen an die politische High-Society – sonst hätte man auch Donald Trump einladen müssen, aus dessen Land die Braut kommt. Die aber wollte auf keinen Fall, dass der ihr politisch inakzeptabel erscheinende US-Präsident dabei ist. Deshalb gab es auch Lockerungen im Protokoll. Und deshalb kann sich sogar die Kreateurin der Hochzeitstorte freuen, dass sie nicht nur eine schicke Süßigkeit abliefern darf, sondern sagen kann: »Das Paar teilt meine Werte.« Als da sind: Umweltverträglichkeit und eine gute Beziehung zu den Lieferanten frischer Zutaten.
Dies könnte die Hochzeit von Jederfrau sein ...
Wenn »alle Welt« die Werte des Brautpaars teilen kann, bedeutet das auch: Jene, die sich Gedanken um Werte machen – denen nicht einfach alles egal ist, die politisch denken, die Umwelt schonen, mehr Frieden und weniger Standesdünkel wollen –, sitzen zum Teil auch deshalb vor den Bildschirmen, weil der Hochzeitstag von Meghan und Harry nicht zuletzt dafür steht, dass alle ein Teil des Wandels sind. Sie nehmen Anteil an einer royalen Hochzeit, für die neue Regeln gelten. Natürlich abgefedert durch Old-fashioned-Style: Nach außen muss der Nagellack stimmen, die Strumpfhose und die verordnete Autogrammlosigkeit. Aber innendrin in den Menschen Meghan und Harry sieht es – so darf alle Welt vermuten – irgendwie anders aus. Ob die Vermutung richtig ist, ist dabei zweitrangig. Erstrangig ist, dass dank Meghan dies die Hochzeit von Jederfrau und Jedermann ist. Ein Tag voller Wunder und Wandel.
»Wir sind so, wie wir sind, keine Royals, keine Kings. Wir sind frei!« Diese Liedzeile singe ich leise vor mich hin. Denn trotz allen Wandels in der Welt unterscheidet mich noch immer sehr viel von der Braut – mal ganz abgesehen vom Alter und meiner Chancenlosigkeit, jemals royal durch die Zimmer des Buckingham Palastes zu schreiten. Mich unterscheidet, dass ich viel freier bin als beide es je sein werden. Ich kann gehen, wohin ich will, treffen wen ich will. Ich kann vor dem Fernseher sitzen und eine royale Hochzeit schauen. Mitmachen muss ich nicht. Und doch: Es ist ein bisschen auch die Hochzeit jener, die mit mir ihre Werte teilen wollen. Die über Strumpfhosen und Nagelfarben nur lachen können. Augenzwinkernd mitmachen. Und doch ganz anders sind.
