Demografischer Wandel: Die sorgende Stadt
Rosa-Maria Fischer spült in der Küche das Frühstücksgeschirr. Das Ehepaar Steinhart sitzt derweil auf dem Sofa im Wohnzimmer der 60-Quadratmeter-Wohnung und schaut durch die geöffnete Terrassentür hinüber auf die Riedlinger Altstadt. Es ist ein Morgen wie viele im Sommer 2012. »Dass ich mal so alt werde, hab ich nicht gedacht«, sagt Willi Steinhart. Vor Kurzem feierte er seinen neunzigsten Geburtstag. Fünf Jahre ist es nun her, dass er gemeinsam mit seiner Frau Paula, 83, vom eigenen Haus in die barrierefreie Wohnanlage der Riedlinger Seniorengenossenschaft gezogen ist.
Seit drei Jahren werden die beiden bei der Hausarbeit von Rosa-Maria Fischer unterstützt. Die Mitarbeiterin der Genossenschaft kommt täglich vorbei und macht die Betten, bügelt oder hilft in der Küche. Im ersten Jahr mussten die Steinharts für diese Hilfe keinen Cent bezahlen, denn Paula Steinhart war vor mehr als zwanzig Jahren selbst Mitarbeiterin der ersten Stunde, als die Seniorengenossenschaft 1991 gegründet wurde. Die damals geleisteten Stunden hat sie »angespart« und konnte sie nun, selbst alt und bedürftig, gegen Hilfe eintauschen.
Was vor 21 Jahren in der oberschwäbischen Kleinstadt Riedlingen als Modellprojekt der baden-württembergischen Landesregierung an den Start ging, gilt heute bundesweit als Vorzeigeprojekt in Sachen bürgerschaftliches Engagement und demografischer Wandel: Unter dem Motto »Bürger helfen Bürgern« ist es heute in der 10 000-Einwohner-Stadt möglich, in den eigenen vier Wänden alt zu werden und dabei bezahlbare Hilfe in Anspruch zu nehmen. Angesichts großer Sorge und Ratlosigkeit darüber, wie alte Menschen in Zukunft angemessen gepflegt, versorgt und begleitet werden können, birgt die Riedlinger Initiative ein vielversprechendes Konzept. Für Josef Martin, Gründer und Geschäftsführer der Seniorengenossenschaft, liegt die Ursache für den Erfolg des Projekts auf der Hand: »In Riedlingen ist es gelungen, für alle eine Win-Win-Situation herzustellen«, sagt er.
Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich erfahren, begleitet man die 51 Jahre alte Rosa-Maria Fischer weiter durch ihren Tag: Mittlerweile ist sie bei einer alleinstehenden Dame in einem Riedlinger Wohngebiet eingetroffen; die 76-Jährige ist schlecht auf den Beinen und wohnt allein im großen Haus mit Garten. Es ist Mittagszeit. In diesen Minuten klingelt Karl Sander, bringt das Essen in der Thermobox. Der 73-jährige ehemalige Außendienstler fährt noch immer gerne Auto, zweimal im Monat ist er für die Seniorengenossenschaft im Einsatz: Zweieinhalb Stunden dauert seine Tour, dreißig Essen von mittlerweile täglich 120 Bestellungen fährt er im Großraum Riedlingen aus. 400 Stunden hat er schon angespart, davon »bezahlt« der Witwer bereits heute eine Haushaltshilfe.
Rosa-Maria Fischer verbringt täglich ein bis zwei Stunden bei der älteren Dame. Sie kümmert sich in dieser Zeit um die Wäsche, spült Geschirr, erledigt kleinere Arbeiten im Garten und hat vor allem Zeit zum Reden und Zuhören. Die vierfache Mutter ist, ebenso wie alle Mitarbeiter und alle Betreuten, Mitglied in der Riedlinger Seniorengenossenschaft. Viele hundert Stunden hat Fischer schon bei der Genossenschaft angespart, im Moment allerdings lässt sie sich die Aufwandsentschädigung von 6,80 Euro je Stunde auszahlen. »Drei meiner Kindern sind gerade in der Ausbildung, da tun ein paar Euro zusätzlich schon gut«, sagt sie und hat fast schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen: »Ich würde auch ohne Entgelt arbeiten«, sagt die ausgebildete Grund- und Hauptschullehrerin, »die Begegnungen mit den älteren Menschen sind so bereichernd.«
Anfangs waren die Bedenken groß
Mit dieser Entscheidung, auf Wunsch Geld für geleistete Stunden zu zahlen, machte sich die Riedlinger Seniorengenossenschaft in ihrer Gründungszeit nicht sehr beliebt im Stuttgarter Sozialministerium. Dort befürchtete man zum einen Konkurrenz für die rein ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe, und zum anderen sah man die Gefahr, dass sich untere Einkommensbezieher bezahlte Hilfe nicht leisten könnten. Josef Martin hatte sich damals durchgesetzt und argumentiert nach wie vor für dieses Vergütungssystem: »Durch die Gewährung von Entgelt war und ist es uns immer gelungen, ausreichend Helfer zu finden«, sagt der mittlerweile 76-Jährige. Geld erhöhe zudem den Verbindlichkeitscharakter. Und Verlässlichkeit sei in diesem Dienstleistungsbereich, wo Menschen auf regelmäßige und pünktliche Versorgung angewiesen seien, unabdingbar. Der Erfolg des Riedlinger Modells sollte Josef Martin recht geben: Anders organisierte Modellprojekte der 1990er-Jahre wurden großenteils eingestellt, für neu gegründete wurde die Möglichkeit der Aufwandsentschädigung zum entscheidenden Faktor.
Die Riedlinger Seniorengenossenschaft verfügt mittlerweile über einen Jahresetat in Höhe von 750 000 Euro, den größten Anteil davon bringen die Einnahmen aus der Tagespflege ein. Die Beiträge der knapp 700 Mitglieder machen nur etwa 15 000 Euro aus. Gleichzeitig seien die Sätze in der Tagespflege mit 35 bis 60 Euro, je nach Pflegestufe, dennoch bezahlbar, sagt Martin. Eine qualifizierte Betreuung werde durch die hauptamtlichen Pflegefachkräfte sichergestellt.
Auf den ersten Blick scheint es, als habe man in Riedlingen das Modell zur Bewältigung des demografischen Wandels gefunden: Aktuell engagieren sich gut 120 Mitarbeiter in der Seniorengenossenschaft, mehr als die Hälfte aller über 65-jährigen Riedlinger ist dort Mitglied. Bis auf Schwerstpflegefälle werden Hilfsbedürftigen alle Dienstleistungen angeboten, um im eigenen Wohnumfeld bis zum Lebensende zu bleiben. Doch trotz dieser funktionierenden Struktur und einer gelungenen Zusammenarbeit mit anderen Anbietern sozialer Dienste im »Sozialen Netzwerk Verwaltungsraum Riedlingen« hat Josef Martin noch immer Sorgenfalten auf der Stirn: Zukunftsfähig sei all dies nur, wenn sich von politischer Seite endlich die Rahmenbedingungen änderten.
»Wir arbeiten auf vielen Gebieten noch immer im rechtlichen Graubereich«, sagt der Kommunalpolitiker, der seit vierzig Jahren für die SPD im Gemeinderat sitzt. Was damit gemeint ist, erklärt er an einem Beispiel aus der Tagespflege: »Wir betreuen in unseren Räumen täglich bis zu dreißig Personen. Die meisten von ihnen holen wir morgens ab und fahren sie abends wieder nach Hause.« Denn die tägliche Fahrt mit einem Taxi wäre im ländlichen Raum kaum finanzierbar, da kämen schnell Dutzende Kilometer zusammen. Diese von der Seniorengenossenschaft durchgeführten Personentransporte könnten vom Landratsamt aber offiziell nur genehmigt werden, wenn dahinter ein Reiseverkehrskaufmann stünde, so schreibe es das Personentransportgesetz vor, erklärt Josef Martin. Auch dies ist nicht finanzierbar – so habe man sich die vergangenen zwanzig Jahre irgendwie »durchgemauschelt«. »Ich bin seit Langem hinter diesem Thema her, bin immer wieder im Gespräch mit dem Bundesinnenministerium und unserer Sozialministerin«, sagt Martin. Noch hat er nichts erreicht.
»Höchste Zeit, dass etwas passiert«
Vor einer ähnlichen Problemlage stehe man im Bereich der körperlichen Pflege, auch da ist die Rechtslage unklar: »Nägel schneiden oder beim Duschen helfen ist auf Nachbarschaftsbasis genauso in Ordnung wie als Familienangehöriger«, sagt Josef Martin. Doch für Mitarbeiter eines Vereins – und als solcher ist die Seniorengenossenschaft rechtlich organisiert – ist dies eigentlich nicht erlaubt. Auch hier sieht der 76-Jährige dringend Handlungsbedarf, vor allem in den Bereichen der Pflege, wo nicht mit dem Gesetzgeber abgerechnet werden kann.
Noch geht Josef Martin die Puste nicht aus, weit über tausend Stunden jährlich ist der langjährige Leiter des Riedlinger Landwirtschaftsamtes für die Seniorengenossenschaft im Einsatz. Jetzt will er dranbleiben; denn so langsam ist die große Politik auf das Riedlinger Modell aufmerksam geworden: bundesweit ist Martin zu Vorträgen unterwegs, als Berater des bayerischen Sozialministeriums gab er in den vergangenen Jahren seine Erfahrung weiter, und zuletzt, im Frühjahr 2012, stellte er im Kanzleramt bei einer Veranstaltung zum Thema »Demografischer Wandel« die Seniorengenossenschaft vor. »Es wird höchste Zeit, dass auf diesem Feld etwas passiert«, sagt er. Denn, so ist Martin sich sicher, »die einzige Möglichkeit, dem demografischen Wandel zu begegnen, sind flächendeckende Systeme, die nur aus Bürgerinitiativen heraus entstehen können.« Alles andere sei niemals finanzierbar. Und noch etwas gibt er in Richtung Kommunalpolitik zu bedenken: In den vergangenen Jahren seien in Baden-Württemberg rund zwanzig bürgerschaftliche Einrichtungen ähnlich der Riedlinger entstanden. »Aber nur dort, wo die Kommunen mit einer Anschubfinanzierung den ersten Schritt gemacht haben.«
Für Rosa-Maria Fischer endet ihr Einsatztag für die Riedlinger Seniorengenossenschaft kurz nach 20 Uhr. Jeden Abend, wenn ihre eigenen Kinder versorgt sind, bringt sie eine neunzigjährige Dame ins Bett. Josef Martin ist am selben Abend unterwegs in schwieriger Mission: Möglicherweise könnte Riedlingen noch einmal zur Modell-Region werden, denn aktuell ist die Kleinstadt von der Schließung ihrer Klinik bedroht. Eine medizinische Versorgung wäre dann für die Stadt und etliche Gemeinden im weiten Umkreis nicht mehr gewährleistet, so Martin. Ihm schwebt bereits vor, wie diese Versorgung unter Einbindung des aufgebauten Netzwerks rund um die Riedlinger Seniorengenossenschaft sichergestellt werden könnte. Eine Entscheidung darüber wird im Herbst erwartet. Bis dahin will sich aber auch der aktive Ruheständler Josef Martin eine Sommerpause gönnen, denn in der Ferienzeit erwartet er Besuch von den Enkeln. Diese sind, wie so viele junge Leute und Familien, schon lange aus Riedlingen weggezogen.n
