Alles hat seine Zeit
Ich mag Tagungsstätten nicht besonders. Das liegt vor allem an den Gästezimmern. Darin komme ich mir verloren vor. Unlängst in der Evangelischen Tagungsstätte Hofgeismar hätte ich meine Tasche am liebsten erst gar nicht ausgepackt. Kaum stand ich im Zimmer, überkam mich das Gefühl von Fehl-am-Platz-Sein. Diesmal besonders. Denn mich beschäftigten bevorstehende berufliche Veränderungen und damit verbundene Entscheidungen. Ich war voller Sorge um meine Zukunft und hatte eigentlich keinen Elan, als Referentin auf dem Seminar mitzuwirken, zu dem mich das Hessische Kultusministerium eingeladen hatte. Trübsinnig stand ich da im lichtarmen Zimmer, fragte mich, was ich hier eigentlich sollte, schaute mich um – und entdeckte auf dem Schreibtisch ein Buch mit orangefarbenem Einband. Ich griff danach: Dass es die Bibel sein würde, hatte ich nicht vermutet.
Dieser Satz machte mich neugierig
Aufs Geratewohl schlug ich das poppig aufgemachte Buch auf. Mein Blick glitt über die linke Seite und blieb hängen an der gefetteten Zeile. Ich las: »Alles hat seine Zeit.« Dieser Satz machte mich neugierig, ich setze mich hin und las weiter:
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit (...)
Tränen auf den Wangen
Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben (Kohelet, 3. Kapitel).
Ich las diese Zeilen und nahm wahr, dass ich weinte. Ich wischte mir die Tränen und las weiter. Ich war so ergriffen von dem, was ich las. Gleichzeitig war ich aber auch irritiert darüber, dass sie mich so berührten, diese Sätze aus der Bibel, nach der ich instinktiv gegriffen hatte – ich, die als Muslima aufgewachsene Mittvierzigerin, die die Bibel erstmals nicht zu Recherchezwecken in der Hand hielt; ich, die sich in den vergangenen Wochen schwergetan hatte mit anstehenden Entscheidungen; ich, die Ratlose, hatte in dieser Situation das Gefühl, dass mir ein Zeichen gegeben wurde »von dem da oben«. Ich, die keine Scheu gehabt hatte, die Bibel zu lesen, war beschenkt worden mit einer Botschaft, deren Wirkung noch immer anhält. Im Nachhinein stelle ich nämlich fest: Es war gut, dass ich in Hofgeismar war. Alles hat seine Zeit! Diese Tagungsstätte ist mit einem spirituellen Erlebnis verbunden, wie ich es zuvor noch nicht hatte. Sie half mir aus der Klemme: Ich konnte mich entscheiden, genährt aus der Kraft, die ich nach der Lektüre der Bibelverse gewann.
Ein spirituelles Erlebnis
»Alles hat seine Zeit!«: Seitdem mich diese Erkenntnis durchdrungen hat, fühle ich mich beflügelt; ich habe die Last abgelegt, die mich plagte. Meine Angst vor beruflichen Veränderungen hat sich aufgelöst, ich sorge mich nicht mehr, sondern bin zuversichtlich. Ich habe die Verse aus der Bibel abgeschrieben und trage sie bei mir. Ab und an, wenn sich Zweifel anbahnen, lese ich das Zeitgedicht des Kohelet.
Apropos Lesen: Ein paar Tage nach diesem Erlebnis las ich in dem Buch »Beten wir alle zum gleichen Gott? Wie Juden, Christen und Muslime glauben« von Andreas Renz: »Beim Monotheismus dieser drei Religionen geht es nicht um eine abstrakte Reflexion über das Wesen Gottes, nicht um das bloße Für-wahr-Halten von Glaubenssätzen, sondern um die konkret erfahrbare Beziehung zu dem einen, lebendigen Gott, der uns anspricht, uns im Wort nahekommt.«
Bei all den Diskussionen, die hierzulande um den Islam und das Christentum geführt werden, geht es viel zu wenig um das Spirituelle, um das persönliche Erleben und das Verhältnis zu Gott.
Gott spricht uns an. Wir hören ihn, wenn wir uns darauf einlassen. Und dies auch als Muslima via Bibel.n
