Abheben!? – Unten bleiben!
Britta Baas: »Abheben!«
»Ja, Postkutschen sind im Rückblick eine romantische Sache. Kutschen waren vor 200 Jahren recht komfortabel – und so ziemlich das Schnellste, was es gab. Goethe reiste 57 Tage von Karlsbad nach Rom. Hätte er auf seinen Zwischenstopps nicht so lange herumgetrödelt, hätte er es auch in 16 Tagen geschafft. Das haben findige Leute errechnet. Für ihn aber hieß die Devise: Der Weg ist das Ziel. Der Mann wollte trödeln! Bei einem Schriftsteller zahlt sich das in Ideen und Texten aus.
Könnte man sich heute vorstellen, ähnlich langsam zu reisen? Ja! Es ist wieder im Trend. Die einen gehen zu Fuß durch Deutschland, die anderen radeln bis zum Kaukasus. Manche schreiben Bücher darüber, die zu Bestsellern werden. Die meisten Menschen aber reisen heute aus anderen Gründen und mit anderem Ziel. Viele wollen einfach schnell ankommen. Manche wollen es möglichst billig haben. Und wieder andere können sich gar nicht erst aussuchen, ob sie nun fliegen oder nicht: Der Job zwingt sie dazu. Die nächste Konferenz wartet schon, der nächste Deal. 244 Millionen Passagiere sind 2018 von deutschen Flughäfen gestartet oder sind dort gelandet. Vor zehn Jahren noch waren es nur die Hälfte.
Dass Fliegen so unverschämt billig sein kann, ist ein Problem. Der Staat verzichtet bei Auslandsflügen auf die Mehrwertsteuer, nicht aber beim Tanken und Bahnfahren. Eine Kerosinsteuer gibt es nicht, sehr wohl aber eine Mineralölsteuer. Städte befreien Fluggesellschaften von Gebühren, um ihre Flughäfen attraktiv zu halten. Touristinnen sollen kommen, Messebesucher. Ein Flughafen ist eine Jobmaschine. Fluggesellschaften wird deshalb der rote Teppich ausgerollt. Wer eine feine Nase hat, merkt allerdings, dass es dort nach Kerosin riecht und nach dem Schweiß der Mitarbeiter, die in einem auf maximalen Profit ausgelegten System oft zu kurz kommen.
Ich fliege trotzdem. Stinkt diese Entscheidung zum Himmel? Ich denke immer wieder darüber nach. Was bringt mich dazu, in ein Flugzeug zu steigen?
Manchmal ist es der Job. Vor allem aber sind es meine Freunde, meine Beziehungen in andere Teile der Welt. Ich fliege selten. Aber wenn ich es tue, dann weit. Auf Kurzstrecken bin ich nur aus triftigem Grund mit dem Flieger unterwegs. Im Herbst 2017 zum Beispiel hatte ein Sturm über Nacht sämtliche Bahnstrecken nach Berlin lahmgelegt. Dort aber waren ein Kollege und ich am folgenden Mittag zu einem Interview mit Leuten verabredet, die wir so nicht wieder zusammenbekommen hätten. Was tun? Wir sind in ein Flugzeug gestiegen. Publik-Forum leistete Ausgleichszahlungen an Atmosfair, Kompensation als Instrument des Klimaschutzes.
Über die Jahre haben sich in meinem Leben aber auch Menschen eingefunden, ohne die ich nicht sein möchte, die aber weit weg wohnen. Im Iran zum Beispiel. Meinem Sohn, 23, geht es ähnlich. Er hat enge Freunde in Australien, wo er für einige Monate arbeitete. Den Kontakt hält er über soziale Medien, über Skype und Mails. Aber niemanden von ihnen je wiedersehen? Das ist für ihn keine Option. Und ich verstehe ihn nur zu gut.
Die Welt ist ein Dorf geworden. Nicht nur für Leute wie meinen Sohn und mich. Es gibt wenige politische Entscheidungen, die keine globalen Auswirkungen haben. Klimapolitik muss international ausgehandelt werden, um erfolgreich zu sein. Migration ist ein Massenphänomen, das nicht ein Staat allein und still für sich bewältigen kann. Rund um die Welt gibt es immer mehr Menschen, die nicht einfach in »ihrem« Land bleiben, sondern mal hier, mal dort leben. Und immer weniger Unternehmen funktionieren einfach »deutsch« oder »französisch«: Sie sind grenzüberschreitend aufgestellt.
Wer seinen Radius erweitert, muss auch reisen. Das Flugzeug ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die das ermöglicht. Wir müssen reisen, um einander zu verstehen. Wir müssen reisen, um globale Probleme miteinander zu lösen. Wir müssen es tun, um den globalen Handel gerecht zu gestalten. Um für die Menschenrechte zu kämpfen. Und für das Überleben der Welt.
Kann man das nicht auch alles ohne Flugzeug tun? Wir sollten es so oft wie möglich versuchen. Aber langsam zu reisen können wir uns nicht immer erlauben. Die Geschwindigkeit ist ein Freund, wo es um Beziehungen geht. Liebe lässt sich nicht auf die lange Bank schieben. Freundschaft nicht. Und schon gar nicht Gerechtigkeit.
Die Postkutsche war das schnellste Vehikel, das Goethe vor 200 Jahren zur Verfügung stand. Vermutlich säße er heute in der Businessclass eines Fliegers. Nach Rom in zwei Stunden: Das hätte ihn sicher fasziniert.«
Eva-Maria Lerch: »Unten bleiben!«
»Es gab mal eine Zeit, da war Fliegen ein Ausdruck von Freiheit und Abenteuer. Wenn ich die Flugzeuge am Himmel aufsteigen und ihre Kondensstreifen hinter sich herziehen sah, löste das oft ein leises Fernweh in mir aus. »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein«, sang Reinhard Mey. In jener Zeit waren Flugreisen aber noch richtig teuer und deshalb seltene Highlights, die tiefe Eindrücke hinterließen. Für meinen ersten Flug von Düsseldorf nach London habe ich ein ganzes Jahr lang Nachhilfestunden gegeben – und noch immer ist mir diese himmlische Stunde in Erinnerung.
Doch in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich meine Einstellung zum Fliegen verändert. Flüge sind ja inzwischen sehr viel billiger als andere Verkehrsmittel. Und viele Leute, die ich kenne, fliegen nun ständig – privat oder geschäftlich – irgendwo in der Welt herum. Als ich letztens am Frankfurter Flughafen war, um meinen Bruder abzuholen, der seit Jahren in Chile lebt, sah ich die Menschenmassen mit ihren Rollkoffern durch die Terminals schieben und fragte mich: Ja, wo wollt ihr denn alle hin? Ist das noch Freiheit und Abenteuer, wenn Hunderttausende zu Dumpingpreisen nach Teneriffa, Thailand und auf die Malediven an die immer gleichen Strände und Hotelbars fliegen? Ist das die Verschwendung von Milliarden Litern Erdöl wert? Und warum fliegen so viele nach Berlin, Paris und München? Gibt es denn keine Züge, die dahin fahren? Allerdings bin ich letztes Jahr auch selbst noch mal geflogen. Nach Irland. Weil man ja sonst so schwer dahin kommt …
Dann kam Greta. Seit die junge Schwedin aus Verzweiflung über die drohende Klimakatastrophe freitags nicht mehr zur Schule geht und Jugendliche in aller Welt gegen die Zerstörung des Planeten protestieren, ist mir klar geworden, dass Fliegen tatsächlich eine der schlimmsten Klimasünden ist. Und dass ich jetzt besser mal unten bleibe.
Schlimm genug, dass ich täglich eine weite Strecke mit dem Auto zur Arbeit fahre und deshalb einen miserablen CO2-Abdruck hinterlasse. Doch schon ein einziger Langstreckenflug schädigt das Klima mehr als das ganze Jahr Pendeln. Und es gibt Alternativen: Kürzlich bin ich mit dem Zug nach London gefahren. Da gleitet man im Dunkeln fast traumhaft unter dem Ärmelkanal hindurch und taucht auf der Insel wieder auf. Die Fahrt von Frankfurt dauerte auch nur acht Stunden – kaum länger als der Flug, wenn man die Wartezeiten beim Einchecken und die Fahrt von Heathrow in die Innenstadt mitrechnet.
Auch die Zugstrecke nach Kopenhagen war beeindruckend: Am Ufer der Ostsee fuhr die Lok mit ihren Waggons direkt in den Bauch des Schiffes, das uns rüber nach Dänemark brachte. An Bord tranken wir einen Kaffee an der Reling, sahen aufs Meer – und rollten dann mit demselben Zug wieder hinaus aufs Festland.
Man muss auch kein Flugzeug besteigen, um fremde Kulturen kennenzulernen, wie oft behauptet wird. Denn diese Kulturen sind längst bei uns. Um menschliche und kulturelle Begegnungen zu machen, reicht ein Besuch in einer Moschee-Gemeinde oder einem Flüchtlingscafé. Man kann auch einfach seine Wohnungstür öffnen und fremde Gäste hereinlassen. Bei uns zu Hause haben wir im Laufe der Jahre einen rumänischen Austauschschüler, zwei Mädchen aus einer tschechischen Jugendgruppe zum Weltjugendtag, vier Frauen von einer Delegation aus Bangladesch und 2015 mehrere Monate eine syrische Flüchtlingsfamilie beherbergt. Die menschlich-kulturellen Abenteuer, die wir dabei durchlebt haben, sind auf zweiwöchigen Flugreisen nicht zu machen. Und wir mussten dafür nicht mal einen Fuß vor die Tür setzen.
Trotzdem bin ich mir bewusst, dass ich meinen Vorsatz, nicht mehr zu fliegen, nicht hundertprozentig einhalten werde. Das Angebot, an einer Journalistenflugreise durch Russland teilzunehmen, um über die gesellschaftlichen Entwicklungen in dem Land zu berichten, habe ich nach kurzem Zögern angenommen. Und wenn meine Nichte, die in Chile aufwächst und mir sehr am Herzen liegt, einmal heiratet, werde ich sicher hinfliegen und dabei sein wollen. Doch das Fliegen soll für mich künftig wieder eine seltene Ausnahme sein. Und im Urlaub werde ich jetzt ausschließlich mit dem Zug, der Fähre und dem Fahrrad verreisen.
Greta Thunberg hat es vorgemacht: Sie reist durch die Welt, spricht auf internationalen Konferenzen, lernt so viele Menschen kennen wie kaum jemand anders. Und besteigt dafür nicht ein einziges Flugzeug.«
Eva-Maria Lerch (de-de.facebook.com/evamaria.lerch), geboren 1957, ist Redakteurin im Ressort »Leben und Kultur« von Publik-Forum.
