Geist und Sinn
Pieter Breughel: Sieh, wie absurd
Fressen und gefressen werden – das ist ein Naturgesetz; glücklich, wer in der Nahrungspyramide ganz oben rangiert. Er verleibt sich alles ein, ohne selbst anderen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Alles, was lebt, will leben; was leben will, muss Lebendiges töten, um zu überleben. Selbst die Stärksten werden einst schwächeln. Dem Geschwächten tun die Erstarkten das an, was er ihresgleichen zu Lebzeiten hat widerfahren lassen: er wird als Speise aufgetischt. In dieser Logik richten sich alle ein: Grandibus exigui sunt pisces piscibus esca – Die kleinen Fische dienen den großen als Speise, so heißt der Kupferstich von Pieter Breughel dem Älteren (1525-1569). Der Untertitel lautet übersetzt: Sieh, Sohn, das habe ich schon lange gewusst, dass die großen Fische die kleinen essen. Dazu passt ein Spruch von Erasmus von Rotterdam in seiner Sammlung Adagia: »Das Wasser ist so fruchtbar, dass ich, wenn Frieden herrschte unter den Fischen, die es hervorbringt, nichts dabei fände, wenn es eine große Menge von ihnen täglich an Land spülte. Da aber dabei der Hang zur Fresssucht erwacht, versucht ein jeder noch in seinem Todeskampf, den anderen zu verschlingen: und dabei pflegen die Großen die Kleinen lebendig hinunterzuschlucken.«
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Stefan Scholz ist Referent für Kunst und Kultur der Akademie Rabanus Maurus und Priester am Dom in Frankfurt am Main.

