Weinerlich, verwöhnt, angepasst. Sind wir wirklich so?
»Wir Krisenkinder« - so nannte der Spiegel (Nr. 25/15. Juni 2009) seine Titelstory über die jungen Deutschen. Zu lesen war darin unter anderem Folgendes: Sie sind die Deutschen von morgen, die 20- bis 35-Jährigen - sie sind vernetzt, sie denken global, sie sind angepasst. Die Krise trifft sie härter als andere, aber nicht einmal das treibt sie zur Rebellion. - Sie schäumen lieber Milch auf, als auf die Straße zu gehen.
- Sie sind unsichtbar, weil sich ihr Leben so aufs Harmloseste einfügt in die Gesellschaft, in der sie leben.
- Die jungen Deutschen, so das Ergebnis einer Umfrage, sehen die Lage pessimistisch. 30 Prozent glauben, dass sie wegen der Wirtschaftskrise Probleme haben werden, einen Job zu finden oder zu behalten. 58 Prozent befürchten politische Instabilität.
- Das Lebensgefühl der Unsicherheit nimmt jetzt, in der Krise, noch zu.
- Ihre Träume sind klein. Sie wollen einen Job. Sie wollen dazugehören. Sie wollen irgendwann mal eine Familie.
- Sie wollen sich was leisten können.
- Diese Generation kennt kein »Wir«, sie kennt nur das »Ich«.
- Sie sind unpolitisch. Wenn man ihnen das sagt, empfinden es 83 Prozent nicht einmal als Beleidigung. Die Parteidemokratie interessiert sie nicht, und es fiele ihnen nun wirklich zuletzt ein, die Gesellschaft zu revolutionieren.
- Von den Älteren kriegen sie vorgehalten, sie seien zu weinerlich, zu verwöhnt, zu angepasst. »Traurige Streber« -
- Sicher ist, dass diese Generation wenig Lust verspürt, das System zu bekämpfen, sie hat große Lust, im System zu funktionieren.
- Sie lieben nicht die Utopien, sondern das Machbare.
- Sie haben keinen Entwurf von der Welt, wie sie sein sollte. Sie nehmen sie so hin, wie sie ist.
Die Antworten aus unserem Provo-Internetforum:
Roman: Ich denke, wir sind auch so. Eigentlich ist die soziale Marktwirtschaft ein gutes System, das im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr abgebaut wurde, als Stichwort nenne ich nur die Studiengebühren. Bildung sollte kostenlos sein und auch Menschen aus sozial schwachen Milieus einen Aufstieg ermöglichen. Gegen den Abbau des Sozialstaates wird nicht genug durch junge Menschen protestiert. Stattdessen ist Resignation und Desinteresse in der Generation der bis 35-Jährigen anzutreffen. Die politischen Parteien leiden an Überalterung, aber würden die Parteien idealistischen jungen Leuten eine Chance geben, sich politisch zu äußern und mitzuwirken? Oder wäre eine Außerparlamentarische Opposition (APO) wie zu 1968er-Zeiten hilfreicher?
Ave end: Viele sind so, aber der Untergrund lebt. Es gibt viele politische und politisierbare Jugendliche, die aber im Widerstand gegen die Resignation der Eltern und Freunde ihren Kampf aufgeben. In der deutschen Politik gibt es für viele Jugendliche zu wenig Alternativen, im Grunde sind alle Parteien gleich, so zumindest die Ansicht der meisten. Doch gibt es auch radikalere Strömungen, die aus Angst vor Sanktionen abwarten oder vielleicht auch nur den richtigen Zeitpunkt abpassen wollen. Irgendwann wird die Hoffnungslosigkeit groß genug sein, dass es wieder Menschen auf den Straßen gibt, die etwas bewegen wollen. Solange regiert die Wohlstandsfaulheit. Vielen Menschen fehlt der Blick auf die Umgebung, sie leben/vegetieren vor sich hin und sehen nur sich selbst. Würden die Unpolitischen sich nicht nur um sich, sondern um die Gemeinschaft kümmern und erkennen, welchen Wert es bedeutet, den Schwächeren Hilfe zukommen zu lassen, dann würde es mehr Beteiligung am Leben und auch an der Politik geben. Solange aber Moral und Tugend Beleidigungen und Ausgrenzungsgründe sind, wird sich wenig ändern und die Politik wird ihre diktatorische Alleinherrschaft fortsetzen.
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