Armenien
Armeniens Kirchenoberhaupt Karekin II. steht vor Gericht
Armeniens Kirchenoberhaupt Karekin II. steht vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und sechs Bischöfen vor, gegen eine Gerichtsanordnung verstoßen zu haben: Sie hätten einen entlassenen Bischof wieder einsetzen müssen, taten dies aber nicht. Die Kirchenleitung hatte den Bischof Geworg Sarojan im Januar abgesetzt, nachdem er den Rücktritt Karekins gefordert hatte. Er ging gegen die Abberufung vor und erhielt Recht.
Bei dem ungewöhnlichen Gerichtsprozess gehe es »um den Sieg von Säkularismus gegenüber einer historisch geprägten Kooperation zwischen dem Staat und der nationalen Kirche«, sagte der armenische Theologe Harutyun Harutyunyan im Interview mit katholisch.de. Im Gerichtssaal stehe das Kirchenoberhaupt nun wie ein normaler Bürger. Es geht aber auch um einen geopolitischen Konflikt: Karekin, der seit 1999 an der Spitze der Kirche steht, lehnt die prowestliche Haltung von Regierungschef Nikol Paschinjan ab und orientiert sich an Russland. Im Dezember 2022 erhielt er die Ehrenmedaille von Wladimir Putin. Paschinjan bezeichnete Karekin als Agenten Russlands. Laut Regierung sollen externe Kräfte daran gehindert werden, die Kirche als »Stützpunkt für hybride Kriegsführung« zu nutzen.
In Bezug auf den aktuellen Gerichtsprozess sprach Karekin von »illegalen und fabrizierten Anklagen« gegen Kirchenvertreter und Gläubige. Er stelle mit Schmerz fest, »dass unsere heilige Kirche und die Geistlichkeit seitens des Staates mit Verfolgung überzogen werden«. Der 74-Jährige könnte mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden. Nach Prozessbeginn erklärte sich der vorsitzende Richter für befangen und vertagte die Verhandlung. In Armenien ist das Christentum seit über 1700 Jahren Staatsreligion. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung gehören der armenisch-apostolischen Kirche an.

