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Filmtipp
Meisterwerk mit Mitgefühl

Der Kinofilm »The Father« zeigt die fortschreitende Demenz des achtzigjährigen Anthony vor allem aus dessen Perspektive.
von Birgit Roschy vom 27.08.2021
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Zwiegespräch: Anne, gespielt von Olivia Colman, mit ihrem dementen Vater Anthony, gespielt von Anthony Hopkins (Foto: www.tobis.de)
Zwiegespräch: Anne, gespielt von Olivia Colman, mit ihrem dementen Vater Anthony, gespielt von Anthony Hopkins (Foto: www.tobis.de)

Kino. Der achtzigjährige Anthony lebt allein in einem riesigen, eleganten Apartment in London. Täglich bekommt er Besuch von seiner Tochter Anne. Die beiden geraten in Streit, weil Anthony wieder einmal eine Pflegekraft vergrault hat. Doch diese hat seine Armbanduhr gestohlen, da ist sich Anthony sicher. Unheimliche Dinge gehen vor sich; da taucht etwa ein Mann auf, der behauptet, mit Anne verheiratet zu sein und in dieser Wohnung zu leben. Auch scheint jemand fortwährend die Räume umzudekorieren. Und warum schaut Anne so traurig drein? Der verwitwete Ingenieur reagiert auf diese Rätsel mit Ungeduld, Wut und Paranoia. Sein Versuch, sich einen Reim darauf zu machen, führt ihn immer tiefer in die Verzweiflung. Wenn man vorab nichts vom Inhalt dieses Films weiß, wähnt man sich anfangs in einem Mystery-Krimi. Fast gänzlich aus der Sicht des alten Mannes erzählt, wird dessen Zustand fortschreitender Demenz quasi zu einer immersiven Erfahrung für den Zuschauer. Man erlebt Anthonys verdrehte Wahrnehmung, seine zunehmende Hilf- und Fassungslosigkeit, als wäre es die eigene. Der Film basiert auf einem gefeierten Theaterstück, das von dessen Autor, dem Franzosen Florian Zeller, selbst verfilmt wurde. Anthonys Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wird auch ästhetisch, durch die virtuose Manipulation kleiner Details in der Wohnung, die ein Eigenleben zu entwickeln scheint, erfahrbar gemacht. In der durchdachten Inszenierung gerät auch die Not der Angehörigen in den Fokus. Doch besonders der 83-jährige Sir Anthony Hopkins, der für diese Rolle seinen zweiten Oscar bekam, lotet eine ungeheure Bandbreite von Gefühlszuständen aus – und trifft mit seiner Kunst mitten ins Herz. So besteht das größte Verdienst dieses Meisterwerks vielleicht darin, Mitgefühl für Menschen zu erwecken, die nicht mehr Herr ihrer Sinne sind.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 16/2021 vom 27.08.2021, Seite 55
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