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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2017
Wie viel Religion verträgt die Kunst?
Eine Spurensuche auf der documenta
Der Inhalt:

Maria und ich

von Gunhild Seyfert vom 21.07.2017
Spiritprotokoll: Unsere Autorin bummelt im Urlaub durch das heiße Venedig, sucht Kühlung in einer Kirche – und trifft eine besondere Madonna

Wenn es heiß ist in Venedig, die Luft feucht und schwer in einer Dunstglocke über der Lagune liegt und das Sommerkleid nass am Körper klebt, dann gibt es kaum Schöneres, als in eine kühle, hohe Kirche zu gehen. An diesem Tag im Juli sind die Kinder, unternehmungslustig wie immer, mit ihrem Papa zum Lido unterwegs, sie wollen baden. Mitten im quirligen Familienurlaub bin ich einen Tag glücklich allein. Ich kann tun und lassen, was mir in den Sinn kommt.

So lasse ich mich treiben und komme schließlich an der gotischen Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari vorbei. Ihre Fassade wirkt schlicht und bescheiden, aber ich habe gelesen, dass sie innen überraschend reichhaltig ausgestattet sein soll und die Grabstellen Tizians und einiger Dogen der Republik Venedig hier sind. Mehr auf der Suche nach einem schattigen Platz als aus echtem Interesse an sakraler Kunst gehe ich hinein. Ja, da ist das berühmte, Maria glorifizierende Altarbild von Tizian, auf dem sie, umrahmt von dicklichen Engeln, gen Himmel fährt. Da sind die pompösen Marmorgrabmäler der Dogen, mit denen diese posthum in der Kirche ihre weltliche Macht demonstrieren wollten. Na ja. Etwas gelangweilt gehe ich weiter.

Überraschend tut sich in der Basilika noch ein Seitenraum auf. Mildes Licht fällt durch gotische Fenster, in den Strahlen ein Altar, ein Triptychon. Links und rechts stehen je zwei Heilige, und in der Mitte sitzt, ganz weich und gelöst, eine junge Frau. Sanft hält sie das Kind, das auf ihren Oberschenkeln steht.

Meistens mag ich Madonnen nicht. Die Bilder holder Weiblichkeit und überhöhter Mütterlichkeit sind mir eher unsympathisch. Aber diese junge Frau ist anders. Ruhig, sanft und selbstbewusst sitzt sie da. Unter ihrem tiefgründig blauen Schutzmantel trägt sie ein rotes Gewand. Das Kind stützt sie locker, gleich wird es seine ersten Schritte tun. Ich schaue der jungen Maria ins Gesicht – und da, was ist das? Sie schaut zurück! Mir stockt der Atem, wie festgenagelt bleibe ich stehen. Ich bin baff. Dann schwirren Gedanken durch meinen Kopf. So etwas gibt es doch nicht – oder? Fange ich an zu halluzinieren? Sind das Visionen?

Die Madonna schaut jedes Mal ruhig und mild zurück, wenn ich sie – unsicher und verwirrt – betrachten will. Aber allmählich werde auch ich ruhiger, setze mich auf eine der Holzbänke, Maria gegenüber. Nur wir zwei sind hier an diesem schwülen Hochsomm

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