»Für mich ist es ein Rückhalt«
Das Losungsheft liegt immer griffbereit in der Küchenschublade. Morgens, wenn ich meine Tasse Kaffee trinke, schaue ich, was in der Losung steht. Das lese ich nicht laut vor – um Gottes willen! Meine Kinder und mein Mann lachen zwar nicht, aber sie würden es nicht lesen. Nicht, weil sie nicht an Gott glaubten, sondern weil das einfach nicht ihr Ding ist, es so zu tun. Für mich ist es ein Innehalten. Im Alltag bin ich ja eher eine Planerin und Macherin, eine, die alles unter Kontrolle haben will. Aber durch die Verse aus dem Alten und dem Neuen Testament, die ich in den Losungen lese, bekomme ich immer wieder gesagt: ›Du musst das alles nicht alleine schaffen.‹ Das ist ein ziemlich gutes Gefühl. Ich erfahre Mal um Mal, dass es da eine Menge Dinge gibt, über die ich nicht verfügen kann. Genau genommen ist es eine sehr verlockende Vorstellung, dass da jemand ist. Wer nicht an Gott glaubt, kann auch innehalten und seine Kaffeetasse anschauen. Aber diese Verse gehen immer weit darüber hinaus. Zeigen mir jenes Unverfügbare – ich nenne es Gott. Für mich ist es ein Rückhalt. Den habe ich oft gebraucht. Durch die Krankheit meines Sohnes Hans – er hat Muskelschwund, kann immer weniger aus eigener Kraft – haben wir oft gebangt. Ihm wurde keine hohe Lebenserwartung zugeschrieben. Jetzt ist er 22 und durch viele technische Hilfsmittel, ein persönliches Budget und seine Betreuer selbstständig. Mir ist es gelungen, dies alles in dem Auf und Ab als meinen Weg zu sehen. Natürlich hatte ich viele Momente, in denen ich dachte, es geht nicht weiter. Christian, mein Mann, sagt dann manchmal ironisch – aber ich weiß, er meint es auch sehr ernst: »Der Herr wird’s schon richten.« Und das denke ich auch.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Rosemarie Lühmannist Lehrerin für Deutsch und Kunst an der Montessorischule in Erfurt. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. In ihrer Freizeit singt sie in der Augustinerkantorei Erfurt.
