Das große Rätsel Zeit
Wie frei sind wir, unsere Zukunft zu bestimmen?

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Schon der Heilige Augustinus bemerkte treffend, dass man die Zeit eigentlich nur versteht, wenn man nicht allzu genau über sie nachdenkt. Man gerät schnell an Grenzen des Verstehens. Auf den ersten Blick erscheint es so, als ob die Vergangenheit nicht mehr existierte und die Zukunft noch nicht existiert. Über die Zukunft machen wir uns viele Gedanken, obwohl sie noch gar nicht existiert. Aber über was machen wir uns dann Gedanken? Eine mögliche Zukunft? Und wo existiert diese? Es gibt nämlich keine Realität »da draußen«, die den Satz: »Im Jahre 2100 wird die globale Durchschnittstemperatur drei Grad höher sein« wahr oder falsch macht. Das Jahr 2100 und alles, was in ihm geschieht, existiert eben noch nicht. Aristoteles meinte deshalb, dass alle Sätze über die Zukunft weder wahr noch falsch sind. Vielleicht sind aber auc
Godehard Brüntrup ist Jesuit und lehrte als Professor für Metaphysik, Geistes- und Sprachphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München. Er ist Visiting Professor an der Saint Louis University in Missouri/USA.




Gott neu denken
Kuno Füssel 13.02.2026:
Zu dem Beitrag von Godehard Brüntrup möchte ich anmerken, dass die Argumentation meines Erachtens einen gravierenden Fehlschluss enthält. Unterstellen wir, a) dass wir unsere Erfahrungen auf einer Zeitachse eintragen, b) dass im gesamten Universum das Kausalitätsgesetz gilt und c) dass die im Artikel unterstellte abstrakte Konstruktion eines allwissenden »Gottes« sinnvoll ist, dann gilt Folgendes: »Gott« weiß, was wir tun, weil er alle Bedingungen des Handelns, alle Entwicklungsstadien des Kosmos et cetera kennt und daher jedes Ereignis und jeden Zustand »berechnen« kann. Daraus folgt aber gerade nicht, dass wir in Zukunft etwas tun müssen, weil Gott es weiß, sondern umgekehrt weiß er es, weil wir es tun werden, obwohl wir jetzt selber noch nicht die Umstände, Motive et cetera unseres Handelns kennen. Aber diese sind alle aus dem heutigen Zustand des Universums ableitbar. Ein kleines harmloseres Beispiel aus dem Alltag liefert keine Antwort, hilft aber vielleicht weiter: Weil unsere Nachbarn wissen, dass wir gegen die Silvesterknallerei protestieren werden, handeln wir ja nicht unfrei, wenn wir dann wirklich protestieren.
Norbert Höfer 13.02.2026:
Über die scheinbare Konkurrenz zwischen der Allwissenheit Gottes und der menschlichen Freiheit hat bereits Boethius (circa 480-524) nachgedacht. Angesichts seiner drohenden Verurteilung zum Tod aufgrund einer Intrige am Hof des Gotenkönigs Theoderich formulierte er im Gefängnis seine Gedanken in Form eines Gespräches mit der »Frau Philosophie«. Boethius kam zu dem Ergebnis: Der Widerspruch verschwindet, wenn wir die ewige Schau des einen Gottes von unserem zeitlich gebundenen Vorausschauen unterscheiden. Jedoch ist für ihn ein Verkehr zwischen Gott und dem Menschen möglich: in Hoffen, im Gebet und durch philosophische Reinigung des menschlichen Verstandes. Im Dialog mit Frau Philosophie entledigt er sich Irrtümern in Bezug auf das Gute und das Glück im Leben und in Bezug auf Fragen des Schicksals. Für uns neuzeitliche Menschen ist der Gedanke fremd, dass wir mit Gott eins und frei werden könnten. Wir gründen unsere Freiheit auf unser selbstständiges Denken. Dabei mögen wir sicher sein, dass wir an der Zukunft der Welt mitwirken. Die Behauptung, wir könnten Gott mit unserem freien Handeln überraschen, übersteigt allerdings die Grenzen unseres Wissens.
Bernd Rudolph 13.02.2026:
Wenn im Sinne der Prozesstheologie Zukunft immer erst im Entstehen, im Werden ist und der Mensch dazu seinen Beitrag leisten kann, müssen wir dann nicht auch von Gott so denken? Gott ist nicht »fertig«. Mit dem Titel eines Buches von Eberhard Jüngel gesprochen: »Gottes Sein ist im Werden«. Was aber bedeutet das für unsere Erzählung von Gott? Ist im Werden nicht nur das Gelingen, sondern auch das Scheitern eingeschlossen? Und dürfte man Güte, Liebe als die vornehmsten Merkmale des sich im Scheitern und Gelingen durchsetzen wollenden Geistes als das Beständige im Wandel denken? Viele Fragen tun sich auf, zum Beispiel, was das für die traditionelle Lehre von den Eigenschaften Gottes (zum Beispiel allwissend) bedeutet. Aber ein so prozesshaftes Sprechen von Gott könnte, seelsorgerlich praktisch, helfen, die ganz aktuellen Zeitläufte auszuhalten und in ihnen die Hoffnung nicht zu verlieren: Es ist noch nicht aller Tage Abend, die Dinge sind noch offen.
Harald im Spring 13.02.2026:
Neben oft mehr als acht Stunden »Arbeit« im Sinne von Erwerbstätigkeit werden Haushaltsführung, Elternschaft, Vermögenssorge, Beziehungspflege, Mahlzeiten, Hygiene, Einkäufe, Schriftverkehr, Mobilität, Reparaturen, Ehrenamt, Bildung, Hobbys, Ausflüge, Besuche, Kultur und Muße unter dem Sammelbegriff »Freizeit« zusammengefasst. Vollerwerbstätigen bleiben für die letzteren fünf Freizeitaktivitäten (auch Muße ist eine Aktivität) allenfalls wenige Stunden, für die unter der Woche kaum noch mehr Kraft und Energie übrig bleien, als zur »Erholung« vor dem Fernseher oder im Internet. Wenn Tag und Nacht also schon in Stunden aufgeteilt werden, müssten erstere zwölf Tätigkeiten ebenfalls als »Arbeit« anerkannt werden, andernfalls sie nur zu Lasten von »Schlaf« oder »Freizeit« ausgeführt werden können. Solange das »Recht« auf einen gesunden Achtstundenschlaf nicht gefährdet werden soll, bleibt nur eine Reduzierung der Erwerbstätigkeit möglich, um ein würdevolles Leben mit Erholungszeiten zu garantieren.
Meinolf Spiekermann 12.02.2026, 12:29 Uhr:
Aus meiner Sicht ist die Zeit nur eine HIlfsgröße. Wir benötigen sie zum Feststellen oder Messen von Veränderungen von Seinszuständen. Zeit ohne die Feststellung der Veränderung von Seinszuständen ist weder Subjekt noch Objekt, sondern "Nichts".
Georg Lechner 22.01.2026, 17:28 Uhr:
Zu "Entstehen und Vergehen" gehört dazugesagt, in welchem Zusammenhang man das betrachtet. Für die Summe au Materie und Energie gilt ihre Unveränderlichkeit (Berücksichtigungvon Einsteins E=m.c hoch 2. Für das Leben und die sich entwickelnden und spätestens im Tod vergehenden kognitiven Fähigkeiten sieht es radikal anders aus und das bestimmt unseren Erfahrungshorizont.
Vergangenheit ist definitiv real, sie kann objektiv nicht verändert werden, sonden nur aus unlauteren Motiven umgelogen. Die Zukunft ist wohl auch real, aber in der konkreten Ausgestaltung offen.
Ich habe den Vedacht, dass die Zuschreibung kumulierter (allmächtig, allwissend) menschlicher Projektionen auf Gott dem Zweck dienen soll, einen Abglanz davon für das eigene oder institutionelle Image zu usurpieren (Fundament für Klerikalismus und Missbrauch).
Bernd Rudolph 15.01.2026, 15:25 Uhr:
Wenn im Sinne der Prozesstheologie Zukunft immer erst im Entstehen, im Werden ist, und der Mensch dazu seinen Beitrag leisten kann, müssen wir dann nicht auch von Gott so denken? Gott ist nicht „fertig“, mit dem Titel eines Buches von Eberhard Jüngel gesprochen: Gottes Sein ist im Werden.
Was aber bedeutet das für unsere Erzählung von Gott? Ist im Werden nicht nur das Gelingen, sondern auch das Scheitern eingeschlossen?
Und dürfte man Güte, Liebe als die vornehmsten Merkmale des sich im Scheitern und Gelingen durchsetzen wollenden Geiste (s.o. Geist ist überall) als das Beständige im Wandel denken?
Viele Fragen tun sich auf, zum Beispiel, was das für die traditionelle Lehre von den Eigenschaften Gottes (z.B. allwissend…) bedeutet…
Aber ein so prozesshaftes Sprechen von Gott könnte, seelsorgerlich praktisch, helfen, die ganz aktuellen Zeitläufte auszuhalten und in ihnen die Hoffnung nicht zu verlieren: Es ist noch nicht aller Tage Abend, die Dinge sind noch offen, s. 1.Joh.3,2
Ingrid Boss 15.01.2026, 09:43 Uhr:
Mein Zeit vergeht manchmal schnell, manchmal langsam.
Kommen Erinnerungen? Wie bewerte ich meine Erinnerungen?
Ich habe Dankeschönbriefe geschrieben an lebende Menschen und an
verstorbene Menschen, mir wurde bewusst, was ich meinen
Großeltern zu verdanken habe.
All dies nehme ich in die Gegenwart mit und in die Zukunft.