Taizé-Treffen in Tallinn
Beten an der Grenze
Nieselregen fällt vom Himmel, als Hannah Winkler aus dem Bus steigt. Vom Meer kommt ein kalter Nordwind, er weht Hannah ins Gesicht und dringt durch ihre Winterjacke. Sie zieht die lila Mütze tiefer über die Ohren und wickelt den Schal fest um den Hals. Es ist dunkel, seit einigen Stunden schon, denn in Tallinn beginnt die Dämmerung im Dezember schon am frühen Nachmittag. Jetzt ist es kurz vor sieben, und Hannah geht die wenigen Schritte vom Bus zur Messehalle, wo gleich das Abendgebet stattfinden wird. Drinnen angekommen zieht sie ihre Stiefel aus und setzt sich auf ihre Jacke. Schulter an Schulter reihen sich die etwa 3500 jungen Menschen. Ganz vorne, etwa 100 Meter entfernt, hängen große Banner von der Decke herab, die blau angestrahlt sind. Nur das Kreuz, der Altar und eine Christusikone leuchten in warmen, gelben Tönen und kontrastieren das blaue Licht. Dann beginnt ein Chor zu singen: »Adsumus Sancte Spiritus. Veniat nos adesto nobis. Wir stehen vor dir, Heiliger Geist. Komm zu uns, steh uns bei.« Hannah schließt die Augen, atmet tief ein, atmet aus und stimmt dann mit Tausenden anderen in den Gesang mit ein. Die kommenden fünf Tage wird sie das noch öfter tun: morgens, mittags, abends, immer wieder die gleichen Gesänge. So wird sie das alte Jahr abschließen und das neue beginnen.
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