Der Vertrauensmann
Dieses Buch ist eine Offenbarung. Eine Offenbarung katholischer Kirchenstrukturen. Eine Offenbarung der Ursachen und Gründe für die Größenordnung, in der sexualisierte Gewalt in der römisch-katholischen Kirche ihren Ort finden konnte. Und eine Offenbarung des Versuchs eines namhaften Jesuiten in Deutschland, »verlorenes Vertrauen« (so der Titel des Buches) für die Kirche zurückzugewinnen. Aber da fangen die Probleme schon an.
Klaus Mertes wurde im Jahr 2010 einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In einem offenen Brief an ehemalige Schülerinnen und Schüler des Berliner Canisius-Kollegs bat Mertes als dessen damaliger Direktor um Entschuldigung für »Missbräuche durch Jesuiten«. Deren Ausmaß war ihm durch Gespräche mit ebenden Schülerinnen und Schülern bekannt geworden. Klaus Mertes begann öffentlich über das Thema zu sprechen, gab Interviews und Pressekonferenzen.
In der Folge brach sich eine Erkenntnis über das »System Kirche« Bahn, die nicht mehr geleugnet werden konnte: Sexualisierte Gewalt konnte hinter Kirchenmauern gerade deshalb in großem Ausmaß geschehen, weil das System selbst auf strukturelle Unwahrhaftigkeit aufgebaut war – und ist.
Ebenjene strukturelle Unwahrhaftigkeit ist das unterschwellige Thema des Mertes-Buchs. Der Autor hofft auf »eine Erneuerung des Vertrauens in die Kirche«, indem sie selbst sich grundlegend und radikal erneuert. Er hofft, dass die Kirche zurückfindet zu ihren Wurzeln, zurückfindet zum Evangelium, zurückfindet »zur Gestalt Christi in den Armen«.
Das Buch endet mit dem Kapitel »Überraschung aus Rom«. Hier setzt Klaus Mertes seine Hoffnung auf den neuen Papst, der seinen Namen nach Franz von Assisi wählte. Dieser Heilige, so schreibt Mertes, »empfing zu Beginn seines geistlichen Weges in einer Vision den Auftrag: ›Baue meine Kirche wieder auf.‹« Auf einen solchen Wiederaufbau setzt auch der Autor. Papst Franziskus ist in der Pflicht.
Mertes´ Erwartung ist legitim. Ebenso legitim – vor allem aber erhellend – ist es, dass er in einem Parforceritt durch Dogmatik, Exegese und Kirchengeschichte die strukturelle Unwahrhaftigkeit der katholischen Kirche durchbuchstabiert. Er analysiert Machtstrukturen, Frauen- und Leibfeindlichkeit, Homphobie und Gehorsamsforderungen. Er entlarvt falsche Reinheitsvorstellungen und fatale Berührungsverbote, vor allem aber die zutiefst patriarchale Struktur dieser Kirche. Untrennbar miteinander verbunden, bilden diese Momente das Wurzelwerk für den Durchbruch pathologisch verformter, unterdrückter Menschlichkeit in sexualisierter Gewalt.
Das Buch zeigt seine glänzenden Momente in Analysen, die in einer klaren und bestens lesbaren Sprache verfasst sind. Der Autor ist authentisch in dem, was er sagt. Zu dieser Authentizität gehört aber auch, dass er seine Kirche liebt, über deren Zukunft er sich Gedanken macht. Mertes ist dabei auf dem Weg mit all jenen Katholikinnen und Katholiken, die aufmerksam sein Kapitel über die Selbstvergewisserung »Was ist katholisch?« lesen werden. Man müsste genauer sagen: »Was ist katholisch – in diesen Zeiten?«
Und doch bleibt am Ende der Lektüre eine Frage offen. Nützt es den Opfern sexualisierter Gewalt in der Kirche, sich für das Reformanliegen des Klaus Mertes zu interessieren? Anders gefragt: Gewinnt die katholische Kirche das Vertrauen jener Opfer zurück, wenn sie sich ihren blinden Flecken stellt? Wenn sie sich daraufhin grundlegend erneuert im Geist des Evangeliums? Die Frage lässt unterschiedliche Antworten zu.
Klaus Mertes gebührt die Ehre, dieser Frage nicht ausgewichen zu sein. Gleich zu Beginn erinnert er sich und damit auch die Leserinnen und Leser des Buches daran, wie alles begann: Der Veröffentlichung seines Briefes im Januar 2010 folgte viel Lob, aber auch heftiger Tadel. Von konservativer Seite wurde er als Verräter an der Sache der Kirche geschmäht. Manche argumentierten, er stelle aus puren Imagegründen die Opferperspektive vor die Imageinteressen der Institution. Andere sagten, er instrumentalisiere die Opferperspektive für eine kirchenkritische Agenda. Mertes widmet diesen Gedanken nur einen Satz – zu dem man gerne mehr erfahren hätte: »Es reicht, wenn man weiß, dass beides falsch ist.«
