Die schwierige Bibel
Auge um Auge, Zahn um Zahn?
Auge um Auge, Zahn um Zahn – diese Formel wird gerne gebraucht für Vergeltungsschläge. Das gilt für politische und gesellschaftliche Fragen ebenso wie für populistische Forderungen nach Rache. »Auge um Auge« scheint also auf den ersten Blick nicht erklärungsbedürftig zu sein. Die Verwendung ist häufig gepaart mit einer antijudaistischen Abwertung zur Untermauerung eines Überlegenheitsgefühls von sogenannten westlich-christlichen Werten. »Auge um Auge« wird dabei teils doppelschneidig verwendet: einerseits um Vergeltung als ein alttestamentliches beziehungsweise jüdisches Prinzip zu erklären und andererseits Vergeltung unterschwellig zu rechtfertigen. Dass die Bezeichnung des Rechtsgrundsatzes mit dem Wort »Talionsprinzip« (von lateinisch: talio, Vergeltung) wiedergegeben wird, spiegelt, dass wir das Prinzip nicht von seinem alttestamentlichen Kontext, sondern von der römischen Rechtsgeschichte her rezipieren. Doch entgegen der scheinbar simplen Eindeutigkeit fragt der Grundsatz nach einer Erklärung und Auslegung, wie sich die Ausgleichsleistung zu vollziehen hat. Davon zeugen auch die neutestamentlichen Texte, etwa die Bergpredigt, sowie die rabbinische Auslegung in den ersten Jahrhunderten. Für die pharisäische Tradition war klar: »Auge um Auge« ist im Sinne einer ausgleichenden Geldzahlung und nicht als Körperstrafe zur Vergeltung zu verstehen. Es geht um einen verhältnismäßigen Schadensausgleich zur Wiedergutmachung, nicht um Rache. Das Prinzip dient somit auch der Einschränkung von Gegengewalt.
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Dorothea Erbele-Küster, geboren 1969, ist außerplanmäßige Professorin für Altes Testament in Mainz. Wenn Sie eine Bibelstelle hier ausgelegt haben möchten, schreiben Sie an: [email protected],Betreff: Bibelstelle

