Buchbesprechungen
Aktuelle Sachbücher
Irmtraud Tarr
Einsamkeit
Patmos. 208 Seiten. 19 €
Flüssig geschriebene Überlegungen zu einem schwierigen Thema, über das derzeit viel zu lesen ist. Ausgehend vom eigenen Erleben (von ihren Depressionen, dem Tod ihres Ehepartners, den Gesprächen mit Betroffenen in ihrer psychologischen Praxis) schreibt die Autorin »vom Mut, sich selbst und anderen zu begegnen«, beleuchtet ausführlich Aspekte von Einsamkeit – immer in Abgrenzung zum Alleinsein, ergänzt durch prominente Zitate, wobei ich verblüfft registriere, von Aristoteles zwar den Satz zu lesen: »Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile«, aber nicht seinen oft zitierten Begriff »zoon politikon«, der das Phänomen nicht nur zu einem psychologischen, sondern auch zu einem sozialen macht. Natürlich weiß Tarr, wie sehr wir Menschen einander brauchen, wie sehr wir auf einen Mit-Menschen angewiesen sind, aber das braucht keine ständige Nähe, es braucht eine kluge Balance von Nähe und Distanz. Es braucht die Zuneigung und Zuhörerschaft von einem Gegenüber. Harald E. Gersfeld
Grace Blakeley
Die Geburt der Freiheit aus dem Geist des Sozialismus
Tropen-Verlag. 496 Seiten. 28 €
Der Verlag vermarktet das Buch der Ökonomin Grace Blakeley unter einem anderen Titel als dem englischen Originaltitel. Er lautet »Raubtierkapitalismus« und gibt gut wieder, was die Autorin meint. Denn vom Sozialismus ist kaum die Rede, vielmehr von einer konsequenten Demokratisierung als Gegenmittel gegen den herrschenden Kapitalismus. Kapitalismus heißt freier Markt. Doch das sei ein Irrglaube, er zerstöre die Freiheit und die Demokratie. Die Frage sei nicht, ob geplant wird, sondern von wem, für wen und wer davon profitiert. Blakeley will den Kapitalismus überwinden, doch sie bleibt nicht bei dieser Maximalforderung. Sie zeigt den Weg dorthin durch konkrete Verbesserungen im Kapitalismus, sei es durch Bürgerhaushalte oder Unternehmen in Arbeiterhand. Echte Freiheit gebe es nur in einer demokratischen Wirtschaft und durch demokratische Planung. Das Buch ist ein großes Plädoyer für die Demokratisierung der Arbeit, der Unternehmen, des Staates, der Gesellschaft. Insgesamt ein Buch, das das Unbehagen am Kapitalismus mit kenntnisreichen Argumenten unterlegen kann. Franz Segbers
Anna Böck
Ausgeschöpft?
Neukirchener. 192 Seiten. 20 €
Anna Böck hat sich nach vielen Konflikten aus ihrem Pfarramt verabschiedet, betreibt einen Instagramaccount, arbeitet im Verlag und ist bei der »Letzten Generation« aktiv. In ihrem jüngsten Buch, in dem sie Gleichgesinnte zu Wort kommen lässt, reflektiert sie ihren Glauben angesichts der Klimakatastrophe. Als pietistisch geprägte Christin ist sie auf der Suche nach einer Schöpfungsspiritualität und beruft sich auf Jesus, der nicht neutral, sondern unbequem gewesen sei. Sie versteht sich als Prophetin gegen ein krankes System von Kapitalismus und Macht, leistet zivilen Ungehorsam und steht als Aktivistin vor Gericht. All das schreibt Böck durchweg authentisch in ihrer »losen Blattsammlung«, ohne wirklich Neues zu sagen. Ihre Argumentation ist assoziativ, ja appellativ. Ihre zahlreichen Tipps – »Male hier eine Pflanze hin« oder »Mein Bild vom Reich Gottes« – sind Geschmackssache. Torsten Habbel
Christian Firus
Sieben Sachen für die Seele
Patmos. 160 Seiten. 18 €
Was mit einem schlichten Titel daherkommt, ist in Wirklichkeit ein Leitfaden für ein gesundes Leben, ja geradezu eine Psychotherapie. Der Verfasser Christian Firus ist Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Psychiatrie als leitender Oberarzt in der Rehaklinik Glotterbad bei Freiburg. In sieben Kapiteln behandelt er die fundamentalen Bedürfnisse, deren Erfüllung für die psychische Gesundheit elementar sind. Neben Sicherheit und Schutz betont er vor allem die Notwendigkeit einer guten Bindung im frühen Kindesalter, in dem freilich auch ein stabiler Selbstwert, Orientierung und Kontrolle wurzeln. Lieben und Geliebtwerden sieht er als Menschenrecht, dessen Missachtung fatale Folgen hat. Firus unterstreicht, wie wichtig und hilfreich eine Sinnorientierung sein kann, und dass es sich lohnt, nach Authentizität zu streben, das Eigene zu entdecken und zu leben. Aus seiner klinischen Erfahrung heraus benennt er klar, wo Defizite zu psychischen Problemen führen. Anregungen zur Selbstprüfung und konkrete Übungen ergänzen diese lesenswerte Darstellung. Helmut Jaschke
Johannes Siegmund
Tausend Archen
Klaus Wagenbach. 176 Seiten. 20 €
Geflüchtete können durch ihre Flucht Selbstbestimmung und Eigenständigkeit zurückgewinnen, schreibt Johannes Siegmund. Für den in der Antirassismusarbeit tätigen Autor ist Flucht eine »politische Handlung«. Fluchtbewegungen seien politische Bewegungen, die für radikale Solidarität einstehen. Die Flüchtenden bleiben inmitten gewaltvoller Krisen handlungsfähig und kämpfen gegen Lager, Abschiebungen, Rassismus und Grenzen. Seit den 1990er-Jahren werden diese Proteste von Millionen von Menschen unterstützt. Der Autor setzt sich dabei mit den Schriften von Hannah Arendt auseinander. Die Exilantin erlebte, wie die Vertreibung von Minderheiten am Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Höchststand erreichte. Bei einer Weltbevölkerung von damals 2,3 Milliarden Menschen gab es 175 Millionen Flüchtlinge – 7,6 Prozent der Weltbevölkerung. Für den Autor sind Flüchtende politische Subjekte mit revolutionärem Potenzial. Sie verändern ihre Zielländer. Wiltrud Rösch-Metzler
Thomas Holtbernd
Der Weg ist Dein Coach
Bernardus. 196 Seiten. 15 €
Der Theologe, Philosoph und Berater Thomas Holtbernd hat selbst den Jakobsweg in Etappen bewältigt und ist auch durch andere Langstrecken mit dem Pilgern bestens vertraut. Doch während andere Autoren Mittel bereitzustellen suchen, wie man wirkungsvoll pilgert, ist es Holtbernds Mission, dem Pilgerziel seine Bedeutung zu nehmen. Er ist der Ansicht, dass nicht einmal der Weg das Ziel ist. Wohl ist der Weg mit dem Ziel verbunden. Doch einzig das Unterwegssein und das Gehen sind wichtig: Sie lehren den »Unterwegsmenschen«, was wichtig für ihn ist. Nur so kann sich ergeben, dass man Klarheit gewinnt oder die vielen Verrückten, die auf dem Wege sind, neu sehen lernt. So wird viel Neues und Überraschendes allmählich zum Normalen. A. Martin Steffe
Christian Urech
Das Gegenteil von warm
ist heiß
Books on Demand. 532 Seiten. 21,99 €
Sprache ist ein Kommunikationssystem, mit dem wir Ideen und Informationen, Gedanken und Emotionen mitteilen. Es geht aber um mehr – ein entscheidender Unterschied zwischen tierischer Kommunikation und menschlicher Sprache: Mit ihr weisen wir Bedeutung zu. Für den Autor Christian Urech hat Sprache einen spirituellen Urgrund. Sprache kann zur Kunstform werden, die bleibende Werke von existenzieller Tiefe schafft. Sie kann aber auch missbraucht werden, etwa als Machtdemonstration oder als Mittel der Entmenschlichung. Mit anschaulichen Beispielen und anhand von künstlerischen Biografien geht das Buch der Frage nach, »wie Sprache die Wirklichkeit formt« – so der Untertitel. Aber auch umgekehrt: wie Sprache den Menschen macht. Ohne Sprache könnten wir weder den Menschen noch Gott denken. Axel Bernd Kunze

