»Der Brexit überschattet unser Leben«
Als wir Briten im Sommer 2016 über den Brexit abstimmten, ahnte ich noch nicht, wie sehr dieses Referendum mein Leben überschatten würde. Viele meiner sozialistischen Freunde in England haben damals für den Austritt gestimmt, weil sie die unsoziale Politik der Europäischen Union ablehnten. Die EU hat oft bewiesen, dass sie kein Freund der Arbeiter ist. Sie hat Länder wie Griechenland und Spanien unter Druck gesetzt, ihren Staatshaushalt auf Kosten der Armen zu sanieren. Auch die Abwehr der Flüchtlinge an den europäischen Außengrenzen fanden meine Freunde zynisch. Als Sozialist und Mitglied der Labour-Partei konnte ich diese Argumente gut nachvollziehen, habe aber trotzdem für »Remain«, den Verbleib in der EU, gestimmt. Denn ich glaube nicht, dass Großbritannien ohne die EU irgendeine Rolle in der Welt spielen kann – außer vielleicht als Hündchen von Donald Trump und den USA.
Keine Mehrheit für irgendetwas
Ich komme aus Crowborough an der Südküste. Das ist eine schöne grüne Gegend, die vielen durch Urlaube im nahegelegenen Brighton, aber auch durch »Winnie the Pooh« bekannt ist, den beliebten Bären aus dem Kinderbuch von Alan Milne. In London habe ich Jura und Internationales Recht studiert und danach in Lewes in der Regionalregierung gearbeitet. Ich bin immer gern gewandert, und beim »Hillwalking« mit einer Studentenorganisation habe ich vor fünf Jahren Sara kennegelernt, meine deutsche Freundin, die gerade ein Auslandssemester in England machte. Da war vom Brexit noch nicht die Rede.
Irgendwann war uns klar, dass wir zusammenbleiben wollen. Und weil Sara so an ihrer Familie und den Freunden hängt und sich nicht vorstellen kann, für immer in England zu leben, habe ich nach ein paar Jahren Fernbeziehung beschlossen, zu ihr nach Deutschland zu ziehen. Ich fand das auch spannend und reizvoll, habe mit großem Interesse Deutsch gelernt, meinen Job in der Regionalregierung gekündigt –, und dachte, dass es eigentlich kein großes Problem sein würde, in ein europäisches Nachbarland umzuziehen.
Aber jetzt verfolgen wir beide hier in Saras Wohnung in Darmstadt immerzu die Nachrichten aus London und Brüssel. Im britischen Parlament gibt es ständig neue Abstimmungen über die Weise des EU-Austritts, die aber alle ohne Ergebnis bleiben! Keine Mehrheit für den von Theresa May ausgehandelten Vertrag mit Brüssel. Keine für den Austritt ohne Deal. Keine für ein neues Referendum, und auch nicht für acht andere Alternativen… Für mich und für Sara bedeutet das eine tiefe Verunsicherung. Wir wissen einfach nicht, wie es weitergeht. Und wegen des Brexit-Chaos habe ich immer noch keine Ahnung, ob und wie ich dauerhaft hierbleiben kann. Auch die Behörden, bei denen wir jetzt öfter vorstellig geworden sind, wissen es nicht. Aber wir müssen doch wissen, was mit uns passiert. Wir wollen wissen, was unser Status ist! Nur dann kann ich mich auch ernsthaft um einen Job in Deutschland bewerben.
Die Regierung hat total versagt
Lange haben wir beide auf das verbindliche Austrittsdatum am 29. März 2019 gestarrt, jetzt ist der Austritt verschoben. Und wieder tickt die Uhr, ohne dass sich irgendeine Lösung abzeichnet. Die Regierung von Theresa May hat total versagt – oder, wie meine Freunde in England sarkastisch formulieren: »Die könnten nicht mal ein Besäufnis in einer Brauerei organisieren …«
Im Deutschkurs an der Fachhochschule habe ich erst richtig gemerkt, wie viel leichter als andere Ausländer es EU-Bürger in diesem Land haben. Meine Mitschüler aus Syrien, Russland oder Nepal haben mich um diesen Status beneidet. Verglichen mit den Unsicherheiten, mit denen Flüchtlinge aus anderen Kontinenten hier im Land zu kämpfen haben, ist die Situation der Auslandsbriten ja wirklich noch harmlos. Manche meiner Kursteilnehmer haben mich gefragt, warum ich ein attraktives Heimatland wie England überhaupt verlassen will. Ich sagte: »Der Liebe wegen.« Sie haben darüber nur den Kopf geschüttelt. In diesem Moment fühlte ich mich irgendwie privilegiert: Weil ich es mir leisten kann, die Liebe so wichtig zu nehmen. Viele andere können das nicht.
Und deshalb werden Sara und ich nun im Juni heiraten. Der Brexit ist nicht der Grund für unsere Eheschließung, aber er hat die Entscheidung sehr beschleunigt. Wir beide wollen eben sicher sein, dass wir zusammen in Deutschland leben können. Wir brauchen endlich Boden unter den Füßen.
Protokoll: Eva-Maria Lerch
