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von Friedrich Schorlemmer 14.01.2012Druckversion ohne Bilder

Boulevard Bundespräsident

Christian Wulff kann die Kabarettbühne nicht mehr verlassen. Er hat sie freiwillig betreten und alle Stufen hinter sich abgebrochen. Das Amt des Bundespräsidenten nimmt Schaden durch ihn, Tag für Tag. Wie lange noch? Der Gastkommentar von Friedrich Schorlemmer

Einen guten Denker, einen begabten Redner, einen weltkundigen Zeitgenossen, einen aufmerksamen Zuhörer und sensiblen Menschen - keinen Heiligen, keine Majestät, keinen Populisten -, einfach nur eine Persönlichkeit mit Strahlkraft, Redlichkeit und Sachkompetenz bräuchten wir als Bundespräsidenten. Das Amt trägt ihn nur bedingt. Im Wesentlichen trägt er mit seinem öffentlichen Auftreten das Amt.

Der gegenwärtig noch amtierende Bundespräsident hat in diesem Amt nichts gemacht, was strafrechtlich relevant wäre. Aber er hat das, was einem Bundespräsidenten in einer Konfliktsituation geziemt, nicht erfüllt. Der Konflikt hat zu der absurden und das Amt tief beschädigenden Situation geführt, dass seit zehn Tagen die Frage im Raum steht, ob man nun dem Boulevard oder dem Bundespräsidenten glauben soll.

Wulff hat völlige Transparenz zugesagt. Das kann man gar nicht. Denn es muss auch Vertraulichkeit geben und den Schutz der Privatsphäre. Völlige Transparenz verrät das, was man in der Politik eben auch braucht: Diskretion, damit Dinge wachsen und reifen können, Vertraulichkeit, ehe man öffentlich macht, was für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Wer indes Transparenz vollmundig ankündigt und meint, dass sich dadurch gleich die Republik verändern würde, wer die Medien neu »einbinden« möchte, hat nicht verstanden, worum es geht. Die Medien darf man nicht einbinden; sie müssen ihre Arbeit machen.

Wulff hat schöne Schuhe an. Aber die Schuhgröße passt nicht

Es gibt in der Politik einige Positionen, in denen man kaum noch zwischen Privatem und Öffentlichem unterscheiden kann. In einem zerschleißenden Vollzeitjob muss man fast immer verfügbar sein. Das ist eine permanente Belastung, aber ein Präsident darf trotzdem nicht die Contenance verlieren. Bei Wulff gewann man den Eindruck: Diesem Anspruch kann er nicht genügen. Er hat schöne Schuhe an; aber die Schuhgröße passt nicht.

Vielleicht kann er sein hohes Amt behalten. Aber er kann es nicht mehr ausfüllen. Es führt kein Weg zurück zur (Hoch-)Achtung gegenüber dieser Person in dieser Position. Dass der Bundespräsident kabarettreif geschossen wurde, hat er sich selbst zuzuschreiben.

Wulff selbst aber deutet seine Lage anders: Er meint, er habe viel Zustimmung im Volk. In seinem Fernsehinterview vom 4. Januar glaubte er, seine Luxuseinladungen bei lieben Freunden, die allesamt im Geld schwimmen, damit rechtfertigen zu können, dass sich doch »jedermann« von seinen Freunden gerne einladen lasse. Er sei wie alle anderen Menschen auch. Wie mag das bei den vielen Millionen Bürgern ankommen, die ihre bescheidenen Urlaube selber buchen und bezahlen müssen? Doch Wulff sagte unbeirrt Sätze wie diesen: »Ich bin beeindruckt davon, dass die Bürger wollen, dass ich im Amt bleibe.« Und: Es sei doch festzustellen, »dass ich das Amt wieder gestärkt habe und dass es wieder eine hohe Anerkennung genießt«. Sonst aber wählt er das »man«: »Durch den Umgang mit den Dingen hat man dem Land sicher nicht gedient.« Wer »man« sagt, wo er »ich« sagen müsste, ist einfach feige. Das Amt nimmt Schaden durch diesen Präsidenten.

Wulff ist jung genug, um seine Lebensplanung noch einmal neu zu justieren und sich ganz normal im Leben einzurichten. Er würde sich und dem Amt sehr nützen, wenn er in seinen eigentlichen Beruf als Jurist zurück ginge und bewusst auf die ihm lebenslang zustehenden Tantiemen verzichten würde. Denn die Wut im Volk darüber, dass er für den Fall seines vorzeitigen Ausscheidens lebenslang mit 200 000 Euro jährlich ausgesorgt hätte, wird zur Wut auf unser ganzes demokratisches System - besonders bei Menschen, die ihre Arbeit verlieren und nach einem Jahr in Hartz IV zurückfallen. Ein Beispiel könnte Wulff sich nehmen - an Margot Käßmann. Aber dazu bräuchte er das, was er nicht hat: Größe.

Christian Wulff kann die Kabarettbühne nicht mehr verlassen. Er hat sie freiwillig betreten und alle Stufen hinter sich abgebrochen. Das Amt des Bundespräsidenten nimmt Schaden durch ihn, Tag für Tag. Wie lange noch? Der Gastkommentar von Friedrich Schorlemmer

Einen guten Denker, einen begabten Redner, einen weltkundigen Zeitgenossen, einen aufmerksamen Zuhörer und sensiblen Menschen - keinen Heiligen, keine Majestät, keinen Populisten -, einfach nur eine Persönlichkeit mit Strahlkraft, Redlichkeit und Sachkompetenz bräuchten wir als Bundespräsidenten. Das Amt trägt ihn nur bedingt. Im Wesentlichen trägt er mit seinem öffentlichen Auftreten das Amt.

Der gegenwärtig noch amtierende Bundespräsident hat in diesem Amt nichts gemacht, was strafrechtlich relevant wäre. Aber er hat das, was einem Bundespräsidenten in einer Konfliktsituation geziemt, nicht erfüllt. Der Konflikt hat zu der absurden und das Amt tief beschädigenden Situation geführt, dass seit zehn Tagen die Frage im Raum steht, ob man nun dem Boulevard oder dem Bundespräsidenten glauben soll.

Wulff hat völlige Transparenz zugesagt[1] . Das kann man gar nicht. Denn es muss auch Vertraulichkeit geben und den Schutz der Privatsphäre. Völlige Transparenz verrät das, was man in der Politik eben auch braucht: Diskretion, damit Dinge wachsen und reifen können, Vertraulichkeit, ehe man öffentlich macht, was für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Wer indes Transparenz vollmundig ankündigt und meint, dass sich dadurch gleich die Republik verändern würde, wer die Medien neu »einbinden« möchte, hat nicht verstanden, worum es geht. Die Medien darf man nicht einbinden; sie müssen ihre Arbeit machen.

Wulff hat schöne Schuhe an. Aber die Schuhgröße passt nicht

Es gibt in der Politik einige Positionen, in denen man kaum noch zwischen Privatem und Öffentlichem unterscheiden kann. In einem zerschleißenden Vollzeitjob muss man fast immer verfügbar sein. Das ist eine permanente Belastung, aber ein Präsident darf trotzdem nicht die Contenance verlieren. Bei Wulff gewann man den Eindruck: Diesem Anspruch kann er nicht genügen. Er hat schöne Schuhe an; aber die Schuhgröße passt nicht.

Vielleicht kann er sein hohes Amt behalten. Aber er kann es nicht mehr ausfüllen. Es führt kein Weg zurück zur (Hoch-)Achtung gegenüber dieser Person in dieser Position. Dass der Bundespräsident kabarettreif geschossen wurde, hat er sich selbst zuzuschreiben.

Wulff selbst aber deutet seine Lage anders: Er meint, er habe viel Zustimmung im Volk. In seinem Fernsehinterview vom 4. Januar[2] glaubte er, seine Luxuseinladungen bei lieben Freunden, die allesamt im Geld schwimmen, damit rechtfertigen zu können, dass sich doch »jedermann« von seinen Freunden gerne einladen lasse. Er sei wie alle anderen Menschen auch. Wie mag das bei den vielen Millionen Bürgern ankommen, die ihre bescheidenen Urlaube selber buchen und bezahlen müssen? Doch Wulff sagte unbeirrt Sätze wie diesen: »Ich bin beeindruckt davon, dass die Bürger wollen, dass ich im Amt bleibe.« Und: Es sei doch festzustellen, »dass ich das Amt wieder gestärkt habe und dass es wieder eine hohe Anerkennung genießt«. Sonst aber wählt er das »man«: »Durch den Umgang mit den Dingen hat man dem Land sicher nicht gedient.« Wer »man« sagt, wo er »ich« sagen müsste, ist einfach feige. Das Amt nimmt Schaden durch diesen Präsidenten.

Wulff ist jung genug, um seine Lebensplanung noch einmal neu zu justieren und sich ganz normal im Leben einzurichten. Er würde sich und dem Amt sehr nützen, wenn er in seinen eigentlichen Beruf als Jurist zurück ginge und bewusst auf die ihm lebenslang zustehenden Tantiemen verzichten würde. Denn die Wut im Volk darüber, dass er für den Fall seines vorzeitigen Ausscheidens lebenslang mit 200 000 Euro jährlich ausgesorgt hätte, wird zur Wut auf unser ganzes demokratisches System - besonders bei Menschen, die ihre Arbeit verlieren und nach einem Jahr in Hartz IV zurückfallen. Ein Beispiel könnte Wulff sich nehmen - an Margot Käßmann. Aber dazu bräuchte er das, was er nicht hat: Größe.

Friedrich Schorlemmer wurde 1944 im brandenburgischen Wittenberge geboren. Der evangelische Theologe und Publizist war prominenter Protagonist der Opposition in der DDR und ist heute unter anderem Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und des Netzwerks attac. Er lebt in der Lutherstadt Wittenberg.

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/affaere-wulff-anstand-braucht-abstand-online
[2] http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/wackelkandidat-wulff-online

Artikel-URL: http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/boulevard-bundespraesident-online

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   // Kommentare
04.02.2012 15:01
Reinhard Gleißner  Wenn ich so diese Tragikomödie um den Inhaber des höchsten Amtes im Staate über die letzten Wochen hin verfoltge, so frage ich mich immer mehr, was Frau Merkel sich wohl dabei gedacht hat, als sie Herrn Wulff zum Präsidentschaftskandidaten machte, der dann auch dank ihrer damaligen Mehrheit von der Bundesversammlung gewählt wurde, gegen den allseits angesehenen Joachim Gauck.

Herr Gauck ist "gelernter" DDRler.

Das ist auch Friedrich Schorlemmer.

Beide sind evangelische Pastoren und waren Mitglieder der DDR-Bürgerrechtsbewegung.

Frau Merkel ist Pastorentochter und auch gelernte DDRlerin ...
Ob sie auch in der Bürgerrechtsbewegung aktiv war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Durch die Wahl von Christian Wulff schadet sie aber zweifellos dem Ansehen dieses Landes ebenso wie der derzeitige Amtsinhaber, dem die Schuhe dieses Amts viel zu groß (geworden) sind.

Herr Schorlemmer hat Recht mit seinem Kommentar.
17.01.2012 15:17
Hanna Leinemann  Leider, leider hat Christian Wulff eben nicht die Größe einer eigenen inneren Moral, eines ehrbaren Charakters, um zurückzutreten und auch noch auf den Ehrensold, den Sie lebenslang zustehende Tantiemen nennen, zu verzichten. Auch diejenigen, die ihn in dieses Amt wählten, scheinen meilenweit entfernt von solchen Vorstellungen zu sein; hier offenbart sich für mich nicht nur eine Schnorrer-Mitnehmen-was-nur-geht-Grundhaltung bei Christian Wulff, sondern auch bei denen, die ihn weiterhin stützen. Ich sehe nicht das Amt, sondern den Amtsinhaber durch eigenes Verschulden zutiefst beschädigt; er (und aus seinem Munde käme bestimmt ein "man") ist zur Witzfigur geworden und "hat fertig"; die Schäden sind irreparabel - er will es nur nicht wahrhaben und wird uns wohl ein weiteres Mal mit besonders polierten Worten einseifen wollen. Die betroffenen Rechtsanwälte sollten sich dafür zu schade sein und ihr Mandat niederlegen.