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von Christian Modehn 10.01.2012Druckversion ohne Bilder Audio-Artikel

Taizé wird katholisch

Kulturen und Konfessionen bunt gemischt: Über Jahrzehnte pflegte die Bewegung von Taizé eine ökumenische Spiritualität. Doch ihr europäisches Jugendtreffen in Berlin offenbarte jetzt: Die Bruderschaft - einst vom Protestanten Roger Schutz gegründet - ist sehr katholisch geworden

Am Abend werden vier Ausstellungshallen am Berliner Funkturm zu spirituellen Orten. Das Flackern der Kerzen erhellt die Dunkelheit. Auf dem Boden sitzen viele Hundert Jugendliche eng beieinander. In der Mitte knien, in weißem Habit, Mönche aus dem ökumenischen Kloster Taizé. »Da pacem domine«, gib uns Frieden, Herr: In mehreren Sprachen gleichzeitig wird das Lied gesungen, eine angenehme europäische Vielstimmigkeit. Dann für einige Minuten tiefes Schweigen. »Hier kann ich für ein paar Monate auftanken«, flüstert mir Anja aus Potsdam zu. Pjotr aus Poznan sagt später: »Jetzt zählt nicht die jeweilige Konfession, sondern der gemeinsame Glaube, wunderbar.«

Auf dem Pilgerweg des Vertrauens

Zwischen Weihnachten und Neujahr folgen junge Menschen aus ganz Europa der Einladung der Mönche von Taizé. Sie machen - wie jedes Jahr - in einer europäischen Großstadt halt auf ihrem »Pilgerweg des Vertrauens«. Diesmal haben die Kirchen der Bundeshauptstadt und der Berliner Senat eingeladen. Etwa 28000 junge Menschen sind dabei, 20000 kommen aus allen Teilen Europas, vor allem aus Polen und der Ukraine. In den 1990er-Jahren nahmen noch 100000 Jugendliche an den Treffen teil. Jetzt zeigt sich auch hier die zunehmende Kirchendistanz unter den Jugendlichen. Viele Teilnehmer kennen sich schon von Taizé her. In dem Dorf in Burgund bietet die ökumenische Mönchsgemeinschaft seit fünfzig Jahren Gastfreundschaft und spirituelle Begleitung.

Gründer Roger Schutz wollte die Welt verändern

Der Gründer von Taizé, der reformierte Theologe Roger Schutz (1915-2005), hatte seinen Brüdern eingeschärft, die Botschaft der Bibel als Aufforderung zur Verwandlung der Kirche und der Welt zu verstehen. »Auf dem Weg zu einer neuen Solidarität« lautet denn auch das Motto des Berliner Treffens. Einige Mönche hatten es mit ehrenamtlich engagierten Jugendlichen innerhalb weniger Monate vorbereitet. Kirchensteuergelder standen nicht zur Verfügung. Nicht alle auswärtigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten privat unterkommen. Rund 2000 mussten in »Massenunterkünften« schlafen. Zum Thema »Solidarität« gibt es zahlreiche Veranstaltungen. In einer evangelischen Gemeinde im verarmten Stadtteil Wedding wird über die Zusammenarbeit der Kirche mit den Bürgerinitiativen diskutiert. Vor der Abschiebehaftanstalt in Köpenick gibt es eine Mahnwache. Im Reichstag werden Gespräche mit hochrangigen Politikern der Grünen, der Linken und der SPD geführt. Der Prior von Taizé, der katholische Laientheologe Frère Alois, erklärt: »Für die Zukunft von uns allen ist ein Teilen der materiellen Güter unumgänglich.« Die reichen Gesellschaften müssten den Verzicht lernen. »In Solidarität zu leben ist zunächst eine innere Einstellung.«

Die Taizé-Bewegung ist politisch unverbindlich geworden

Doch konkrete Absprachen mit außerkirchlichen Bündnispartnern gibt es nicht. Bruder Alois verweist auf seine Kontakte zur spanischen Occupy-Bewegung. In Berlin werden sie nicht vertieft. Bündnisse etwa mit Attac oder ökologischen Gruppen werden nicht angestrebt. Die Taizé-Bewegung bleibt politisch unverbindlich.

Die spirituellen Erklärungen des Priors haben einen feierlich-abgehobenen Ton. In seinem diesjährigen »Brief aus Taizé« setzt er Gott als gegeben voraus, ebenso den »unter uns gegenwärtigen Auferstandenen«. So will er Menschen erreichen, die »unseren Glauben nicht teilen«? »Das Evangelium verlangt von uns einen anspruchsvollen Sprung in die göttliche Wirklichkeit«, sagt Bruder Alois. Gibt es keine vernünftigeren Argumente für den Glauben?

Völlig ignoriert wird in seinen offiziellen Statements, dass Jugendliche sich für die Themen Sexualität und Partnerschaft interessieren. Kein hilfreiches Wort zu der Frage, was denn Christen von anderen Religionen lernen können. Deutlich betont wird von Taizé die exklusive christliche Identität.

Merkwürdig vor allem, dass Bruder Alois vorschlägt, »mehr Andachten und Wortgottesdienste zu feiern, um die Einheit der getrennten Christen voranzubringen«. Dabei sind die Mönche selbst in ihrer alltäglichen Praxis in Taizé viel weiter: Sie feiern seit vielen Jahren an jedem Sonntag in ihrer Kirche die katholische Messe, bei der die protestantischen Brüder und die protestantischen Gäste selbstverständlich die Kommunion empfangen. Rom gestattet diese Praxis. Derartige »ökumenische Messen« sind bei Ökumenischen Kirchentagen in Deutschland verboten.

Kulturen und Konfessionen bunt gemischt: Über Jahrzehnte pflegte die Bewegung von Taizé eine ökumenische Spiritualität. Doch ihr europäisches Jugendtreffen in Berlin offenbarte jetzt: Die Bruderschaft - einst vom Protestanten Roger Schutz gegründet - ist sehr katholisch geworden

Am Abend werden vier Ausstellungshallen am Berliner Funkturm zu spirituellen Orten. Das Flackern der Kerzen erhellt die Dunkelheit. Auf dem Boden sitzen viele Hundert Jugendliche eng beieinander. In der Mitte knien, in weißem Habit, Mönche aus dem ökumenischen Kloster Taizé. »Da pacem domine«, gib uns Frieden, Herr: In mehreren Sprachen gleichzeitig wird das Lied gesungen, eine angenehme europäische Vielstimmigkeit. Dann für einige Minuten tiefes Schweigen. »Hier kann ich für ein paar Monate auftanken«, flüstert mir Anja aus Potsdam zu. Pjotr aus Poznan sagt später: »Jetzt zählt nicht die jeweilige Konfession, sondern der gemeinsame Glaube, wunderbar.«

Auf dem Pilgerweg des Vertrauens

Zwischen Weihnachten und Neujahr folgen junge Menschen aus ganz Europa der Einladung der Mönche von Taizé. Sie machen - wie jedes Jahr - in einer europäischen Großstadt halt auf ihrem »Pilgerweg des Vertrauens«. Diesmal haben die Kirchen der Bundeshauptstadt und der Berliner Senat eingeladen. Etwa 28000 junge Menschen sind dabei, 20000 kommen aus allen Teilen Europas, vor allem aus Polen und der Ukraine. In den 1990er-Jahren nahmen noch 100000 Jugendliche an den Treffen teil. Jetzt zeigt sich auch hier die zunehmende Kirchendistanz unter den Jugendlichen. Viele Teilnehmer kennen sich schon von Taizé her. In dem Dorf in Burgund bietet die ökumenische Mönchsgemeinschaft seit fünfzig Jahren Gastfreundschaft und spirituelle Begleitung.

Gründer Roger Schutz wollte die Welt verändern

Der Gründer von Taizé, der reformierte Theologe Roger Schutz (1915-2005), hatte seinen Brüdern eingeschärft, die Botschaft der Bibel als Aufforderung zur Verwandlung der Kirche und der Welt zu verstehen. »Auf dem Weg zu einer neuen Solidarität« lautet denn auch das Motto des Berliner Treffens. Einige Mönche hatten es mit ehrenamtlich engagierten Jugendlichen innerhalb weniger Monate vorbereitet. Kirchensteuergelder standen nicht zur Verfügung. Nicht alle auswärtigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten privat unterkommen. Rund 2000 mussten in »Massenunterkünften« schlafen. Zum Thema »Solidarität« gibt es zahlreiche Veranstaltungen. In einer evangelischen Gemeinde im verarmten Stadtteil Wedding wird über die Zusammenarbeit der Kirche mit den Bürgerinitiativen diskutiert. Vor der Abschiebehaftanstalt in Köpenick gibt es eine Mahnwache. Im Reichstag werden Gespräche mit hochrangigen Politikern der Grünen, der Linken und der SPD geführt. Der Prior von Taizé, der katholische Laientheologe Frère Alois, erklärt: »Für die Zukunft von uns allen ist ein Teilen der materiellen Güter unumgänglich.« Die reichen Gesellschaften müssten den Verzicht lernen. »In Solidarität zu leben ist zunächst eine innere Einstellung.«

Die Taizé-Bewegung ist politisch unverbindlich geworden

Doch konkrete Absprachen mit außerkirchlichen Bündnispartnern gibt es nicht. Bruder Alois verweist auf seine Kontakte zur spanischen Occupy-Bewegung. In Berlin werden sie nicht vertieft. Bündnisse etwa mit Attac oder ökologischen Gruppen werden nicht angestrebt. Die Taizé-Bewegung bleibt politisch unverbindlich.

Die spirituellen Erklärungen des Priors haben einen feierlich-abgehobenen Ton. In seinem diesjährigen »Brief aus Taizé« setzt er Gott als gegeben voraus, ebenso den »unter uns gegenwärtigen Auferstandenen«. So will er Menschen erreichen, die »unseren Glauben nicht teilen«? »Das Evangelium verlangt von uns einen anspruchsvollen Sprung in die göttliche Wirklichkeit«, sagt Bruder Alois. Gibt es keine vernünftigeren Argumente für den Glauben?

Völlig ignoriert wird in seinen offiziellen Statements, dass Jugendliche sich für die Themen Sexualität und Partnerschaft interessieren. Kein hilfreiches Wort zu der Frage, was denn Christen von anderen Religionen lernen können. Deutlich betont wird von Taizé die exklusive christliche Identität.

Merkwürdig vor allem, dass Bruder Alois vorschlägt, »mehr Andachten und Wortgottesdienste zu feiern, um die Einheit der getrennten Christen voranzubringen«. Dabei sind die Mönche selbst in ihrer alltäglichen Praxis in Taizé viel weiter: Sie feiern seit vielen Jahren an jedem Sonntag in ihrer Kirche die katholische Messe, bei der die protestantischen Brüder und die protestantischen Gäste selbstverständlich die Kommunion empfangen. Rom gestattet diese Praxis. Derartige »ökumenische Messen« sind bei Ökumenischen Kirchentagen in Deutschland verboten.

Was bedeutet für die Brüder eigentlich Ökumene?

»Ich bin wegen der Ökumene hier«, sagt Tanja aus Rotterdam, »aber was bedeutet für Taizé eigentlich Ökumene?« Eine berechtigte Frage. Für Bruder Alois gibt es Ökumene nur als »sichtbare Einheit«, als »Vereinigung« aller Christen in einer einzigen Kirche. Der nicht nur unter Protestanten übliche Begriff einer »versöhnten Verschiedenheit der Kirchen« - also einer bleibenden konfessionellen Vielfalt - wird in Taizé nicht verwendet.

Bruder Alois schrieb im vergangenen Jahr in einem Beitrag für die theologische Zeitschrift Concilium, dass Roger Schutz geglaubt habe, die »katholische Kirche habe seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil den wesentlichen Forderungen der Reformation stattgegeben«. Die römische Kirche sei also bereits eine »reformiert-katholische« Kirche.

Folgt Taizé hier einem Wunschbild? Bruder Alois schreibt: »Ohne Unterlass suchte die katholische Kirche ein Gleichgewicht zwischen Ortskirche und Weltkirche. Das Dienstamt der Gemeinschaft (also der Papst) half, Einmütigkeit im Glauben zu gewährleisten.« Die Unterdrückung abweichender theologischer Meinungen durch Rom wird ebenso wenig gesehen wie die Ablehnung protestantischer Gemeinschaften als Kirchen. Taizé, so heißt es weiter, wolle der Kirche von Rom nicht unbegrenzt Bedingungen stellen, »sondern der römischen Kirche von innen her helfen, sich weiterzuentwickeln«.

»Man lebt dort einen offenen Katholizismus«

Diese Hilfe »von innen« kann nur bedeuten: Die Gemeinschaft von Taizé selbst ist de facto (also nicht formell, de jure) in ihrer Glaubenshaltung katholisch geworden. Der protestantische Pastor James Woody von der Gemeinde Oratoire in Paris sagt: »Es handelt sich um einen offenen Katholizismus, dagegen habe ich gar nichts. Vielleicht bezeichnet sich Taizé nur nach außen hin als ökumenisch, während es sich längst um einen katholischen Ort handelt.«

In Frankreich erinnern dieser Tage Theologen daran, dass Roger Schutz schon 1972 im Haus des katholischen Ortsbischofs von Autun das katholische Glaubensbekenntnis gesprochen und dort auch die Kommunion empfangen habe. Kurienkardinal Walter Kasper schrieb 2005: »In seinem Bewusstsein ist Roger Schutz in das Geheimnis des katholischen Glaubens eingetreten, so wie jemand, der langsam in etwas hineinwächst. Aber er hat auch nicht mit seiner früheren Überzeugung gebrochen.«

Roger Schutz also ein bi-konfessioneller Christ? Vielleicht, aber seine innige Verbundenheit mit dem Papsttum ist eindeutig. Von allen Päpsten wurde er aufs Höchste geschätzt. Kardinal Kasper leitete die kirchliche Trauerfeier für Roger Schutz.

Ökumene in Taizé - das ist ein eher undurchsichtiges Thema. Vielleicht gibt es mehr Klarheit Ende dieses Jahres: Dann findet das Taizé-Treffen in Rom statt.


Artikel-URL: http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/taizé-wird-katholisch-online

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   // Kommentare
15.01.2012 20:27
Helga Hofmann  Ich habe bei meinen Aufenthalten den letzten Jahren nach einer langen Zeit der Taize-Abstinenz eher das Gefühl gewonnen, dass die Communauté sich sehr der orthodoxen Kirche zugewendet hat. - Allerdings ist ja auch bekannt, dass die römisch-kath. Kirche eher auf die orthodoxen Kirchen zugeht und sich eher eine Ökumene mit diesen vorstellen kann als mit den protestantischen Kirchen.
13.01.2012 17:14
Mirko Hein  Ich selbst bin ev.-meth. Christ, aber lange Jahre schon im katholischen Raum unterwegs - ohne meine protestantischen Überzeugungen zu leugnen. Ich wünsche es der Gemeinschaft von Taizé, daß sie katholisch - also allumfassend - geworden ist (nicht römisch-katholisch!)...
10.01.2012 15:02
Thomas Wystrach  Die Frage, ob die ökumenische Gemeinschaft von Taizé inzwischen eine römisch-katholische Bewegung geworden ist, wird schon seit Jahren gestellt, verstärkt nach dem Tod des charismatischen Gründers Frère Roger Schutz, vgl.: http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu117/Taize.htm