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Das gefährliche »Glas zu viel«

Bier, Wein, Schnaps: Zwar trinken immer weniger Jugendliche Alkohol, aber immer mehr saufen sich ins Koma. Nicht selten werden Zwölf- bis 14-Jährige besinnungslos ins Krankenhaus eingeliefert. Wie können Eltern helfen? Unsere Leserfrage
Schon Kinder unter zwölj Jahren trinken Alkohol, und fast die Hälfte der Jugendlichen (Foto: pa/Burgi)
Schon Kinder unter zwölj Jahren trinken Alkohol, und fast die Hälfte der Jugendlichen (Foto: pa/Burgi)

Andrea Müller: (Name geändert) aus Potsdam: Meine Tochter (15) geht aufs Gymnasium. Sie ist eine gute Schülerin, aber ich beobachte, dass sie immer öfter eine regelrechte Alkohol-Fahne hat. Sie sagt, dass sie zusammen mit Freundinnen nach der Schule so eine Art Brause trinken würde, mehr nicht. Ich denke, sie lügt. Und ich befürchte, dass sie abhängig werden kann. Wie kann ich gegensteuern?

Monika Herrmann: Die »süße Brause« ist mit ziemlicher Sicherheit ein Alkopop-Getränk, das es in jedem Getränkemarkt gibt. Es schmeckt tatsächlich wie Brause, hat aber einen hohen Alkoholanteil. Oft erst viel später spürt man die Wirkung: Orientierungslosigkeit, Benommenheit, Artikulationsprobleme und Schwierigkeiten beim Gehen sind die häufigsten Folgen.

Alkopops als Einstieg

Diese Brause ist oft der Einstieg »zu einem Saufen, das kein Maß kennt«, meinen Suchtexperten. Falls nicht gegengesteuert wird, werden später härtere Sachen ausprobiert. Wodka zum Beispiel, in Cola gekippt. Also wieder süß und in der Wirkung verheerend. Irgendwann wird dann nur noch Wodka getrunken.

Das so genannte Koma-Saufen am Wochenende wird immer beliebter. Wer sich dem innerhalb einer Clique entzieht, wird schnell zum Außenseiter. Bernd Siggelkow, freikirchlicher Pastor in Berlin, hat in den letzten Jahren in seinem Kinder-und Jugendwerk Die Arche beobachtet, dass »Saufen bis zum Umfallen« zum Alltag von vielen Jugendlichen gehört. »Zehn Prozent der Kinder unter zwölf Jahren«, sagt Siggelkow, »trinken regelmäßig Alkohol«. Er spricht von der »Generation Wodka«. Zusammen mit Ärzten und Therapeuten warnt er vor dieser Entwicklung.

Nach einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beträgt der Anteil der Zwölf- bis 17-jährigen Jugendlichen, die in den letzten 30 Tagen vor der Befragung Alkohol getrunken haben, 42 Prozent. 15, 2 Prozent haben in dieser Zeit mindestens einmal fünf Gläser Alkohol hintereinander getrunken. Und 14,2 Prozent der Jugendlichen dieses Alters trinken mindestens wöchentlich Alkohol.

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Bereits kleine Mengen für Kinder gefährlich

Dabei ist Alkohol für Kinder gefährlicher als für Erwachsene. Ihr Nervensystem reagiert empfindlicher als das von ausgewachsenen Menschen, bereits ab 0,5 Promille Alkohol im Blut kann ein Kind bewusstlos werden. Je geringer das Gewicht ist, umso mehr bewirkt die aufgenommene Alkoholmenge, heißt es auf der Webseite des Vereins A-connect, eine online-Selbsthilfegruppe.

Die gesetzliche Regelung zum Trinken ist klar. Das Jugendschutzgesetz sieht vor, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren keine branntweinhaltigen Produkte wie Schnäpse oder Liköre trinken dürfen. Bier, Wein und Sekt dürfen nicht an Kinder unter 16 Jahren abgegeben werden. Aber was können Eltern tun, wenn Kinder trotz der Verbote trinken?

Müssen die Eltern auf Alkohol verzichten?

Sollen sie generell auf Alkohol verzichten, auf den Rotwein beim Abendessen etwa? Psychologen und Familientherapeuten sehen in solch rigidem Verhalten nicht die Lösung. Sie raten, in der Familie offen über das Problem zu sprechen. Eltern und Kinder sollten sich gegenseitig vertrauen und ehrlich sein. »Die Gefahren müssen den Kids bewusst gemacht werden«, sagt Olaf Lippke. Der systemische Familientherapeut leitet in Berlin das Elterntelefon der Diakonie und rät besorgten Eltern vor allem zu ehrlichen und offenen Gesprächen mit ihren Kindern bei deren Alkohol- oder auch anderen Suchtproblemen.

Falls das nicht möglich ist: In jeder größeren Stadt gibt es Beratungsstellen und Therapiemöglichkeiten. Manchmal sind auch anonyme Berater die besseren Gesprächspartner für die Kinder. Olaf Lippke weiß, »dass es vielen Eltern auch peinlich ist, über die Alkoholfahne ihrer Kinder zu sprechen«. Aber Offenheit und ehrliche Auseinandersetzungen seien die einzige Möglichkeit, das Problem in den Griff zu bekommen.

Aufklären statt verbieten

In die gleiche Richtung geht auch Bernd Siggelkow. Der Vater von sechs Kindern macht in seinem kürzlich erschienenen Buch »Generation Wodka« sogar das Problem in der eigenen Familie deutlich. Als er seinen ältesten Sohn von einer Party abgeholt, ist der schlecht ansprechbar. Offenbar hat er Alkohol getrunken. Fazit des Vaters: Kein striktes Alkoholverbot, stattdessen die Botschaft: »Wir haben nichts dagegen, dass ihr auch mal Alkohol trinkt - weil wir euch vertrauen und wissen, ihr geht verantwortungsvoll damit um.«

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