»Kein Morden im Namen Gottes!«
Gewalt: Die kann manchmal sogar gerechtfertigt sein. »Unter der Prämisse, dass nur so Gerechtigkeit hergestellt werden kann«; sagt die Islamwissenschaftlerin und Buchautorin Lamya Kaddor: »Machen wir uns nichts vor: Auch die Demokratie lebt davon, dass man es sich offenhält, Gewalt anzuwenden. Auf dieser Basis laufen parlamentarische Entscheidungen über Waffenlieferungen in andere Länder.«
Gewalt: Was haben die Religionen damit zu tun? Der Friedens- und Konfliktforscher Markus Weingardt hält sie für ein häufig angewandtes Mittel, um Konflikte zu verschärfen. Mit Religion seien viele Menschen leichter zu mobilisieren als ohne. Mit Religion gingen sie schneller auf die Barrikaden, seien gewalt- und opferbereiter: »Das erhöht die Siegchancen für den Konfliktführer.«
Aber, hallo??? Sind Religionen nicht Horte des Friedens und der Versöhnung? Sagen die Kirchen, die Islamverbände, die Anhänger des Dalai Lama – und wie sie alle heißen – nicht immerfort: »Das Christentum/der Islam/der Buddhismus ... ist eine Religion des Friedens?« Und ist damit nicht alles gesagt?
»Wir haben es gerade mit einem Paradigmenwechsel zu tun, den ich sehr begrüße«, sagt die Berliner Anwältin Seyran Ates: »Bis vor kurzem wiederholten die islamischen Verbände stereotyp: Die ganze Gewalt hat nichts mit dem Islam zu tun. Damit war dann die Diskussion vorbei. Aber jetzt fängt sie erst an! Und das ist gut so. Es liegt in der Verantwortung der Muslime, sich der Debatte über das Gewaltpotenzial ihrer Religion zu stellen.«
Seyran Ates hat deshalb auch eine Mahnwache ins Leben gerufen. Seit Wochen nehmen in Berlin immer wieder Menschen ganz unterschiedlicher Religionszugehörigkeit daran teil: »Wir wollen keine Gewalt, im Namen welcher Religion auch immer.« Die nächste findet am 24. März statt. Sie selbst kennt das Problem nur zu genau: Als Anwältin und Feministin ist sie schon häufig bedroht worden – von patriarchalen Männern, die es gar nicht gut fanden, dass sich Seyran Ates für Ehrenmord-Opfer einsetzte. Die es nicht gut fanden, dass eine Frau Frauen den Rücken stärkt. Die Telefonterror machten. Hasspost im Briefkasten hinterließen. Und unverhohlen mit Waffengewalt drohten. Vor einigen Jahren schloss Seyran Ates deshalb ihre Anwaltskanzlei. 2012 eröffnete sie sie aber wieder. »Angst«, sagt sie, so habe sie damals beschlossen, »soll mein Leben nicht beherrschen.«
Aber wie beendet man Gewalt, wenn sie einmal da ist? Wenn sie das Leben vergiftet und die Zukunft bedroht? Selber mutig zu sein, ist das Eine. Aber Lamya Kaddor kennt dieses Problem auch ganz anders. Wie bewältigt man das Gefühl der Ohnmacht und des Versagens? Die Realität, dass alles eigene Bemühen auch seine Grenzen hat? Fünf ihrer ehemaligen Schüler sind Dschihadisten geworden. »Das nagt an mir«, sagt sie. »Hätte ich irgendwas merken können?« Bis heute fragt sie sich: »Was treibt vier türkischstämmige junge Männer und einen Kosovaren dazu, zu sagen: Wir wollen in Syrien Gerechtigkeit herstellen? Wir wollen die Ungerechtigkeit, die uns in Deutschland in Form von Ausgrenzung widerfahren ist, andernorts umwandeln in Gerechtigkeit?« Lamya Kaddor kann es bis heute nicht begreifen: »Da geht bei mir innerlich alles hoch. Alles.«
Seyran Ates setzt darauf, sich den Tätern immer und immer wieder zuzuwenden. »Diese jungen Männer brauchen eine Psychotherapie«, sagt sie. Und Markus Weingardt zweifelt laut daran, dass es den Ex-Schülern wirklich um Gerechtigkeit ging, als sie sich dem »Islamischen Staat« anschlossen: »«Ich denke, es ging um das Gefühl der Stärke.«
Hat also der Dalai Lama recht, der jüngst bei einer offiziellen Veranstaltung laut seufzte und sagte: »An manchen Tagen denke ich, es wäre besser, es gäbe keinen Religionen«? Seyran Ates schließt sich dem bekannten Buddhisten an: »Religion ist das, was Menschen daraus machen. Und oft machen sie aus Religion Gewalt.« Lamya Kaddor dagegen glaubt nicht, dass Gewalt endet, wenn Religionen verschwinden: »Im Prinzip ist keine Religion auf Gewalt angelegt.« Sie dürften nur nicht anfangen, ihre Wahrheiten zu verabsolutieren. Dann freilich sei Gewalt nicht mehr weit. Und deshalb helfe nur eines: ein ständiges Training, sich seines Verstandes zu bedienen.
Und Markus Weingardt? Er will realistisch bleiben: »Ich frage mich immer: Warum, verdammt noch mal, gibt es nicht viel mehr religiöse Friedensakteure auf der Welt? Die religiösen Stimmen des Friedens müssen viel lauter werden!«
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