Kirche im Web 2.0: (K)ein offenes Wort, bitte!

Zwei kirchliche Nachrichten waren dieser Tage kurz nacheinander zu lesen: In der Slowakei wurde Erzbischof Bezák von Rom seines Amts enthoben – ohne Angabe von Gründen. Auf die Proteste der Öffentlichkeit entgegnete der Sprecher der slowakischen Bischofskonferenz, es sei eine »irrige Ansicht«, wenn Menschen »hauptsächlich aufgrund der Medien überzeugt [seien], ein Recht auf alle Informationen zu haben«.
Auch die Deutsche Bischofskonferenz machte mit Öffentlichkeit Schlagzeilen: Sie veröffentlichte »Social Media Guidelines«, eine Handreichung für kirchliche Mitarbeitende, wie sie in sozialen Netzen auftreten sollen.
Die Guidelines sind sehr wertschätzend und ermutigend formuliert: Die neuen Medien und die Chancen zur Kommunikation werden positiv aufgenommen, kirchliche Mitarbeitende sollen ihr Engagement als »spannende und als lohnende Herausforderung« sehen. Aus einem säkularen Blickwinkel sind die Guidelines keine Nachricht: Viele Unternehmen und Organisationen haben ganz ähnliche Richtlinien, die kirchlichen fallen weder positiv noch negativ auf.
Die kirchliche Normalität in Sachen Kommunikation ist aber leider nicht die, die die »Social Media Guidelines« zeichnen – sondern allzu oft die öffentlichkeitsscheue Amtsverschwiegenheit, wie sie von der slowakischen Bischofskonferenz demonstriert wird.
Soziale Netze sind nicht einfach ein weiterer Kommunikationskanal, über den die eigene Botschaft gesendet werden kann. Sie sind ganz wesentlich geprägt von Dialog und kritischen Anfragen. Niemand kann dort mehr Deutungshoheit beanspruchen – und wer es tut, wird besonders kritisch diskutiert. Wer, wie der Sprecher der slowakischen Bischofskonferenz, andere mit Verweis auf die eigene Autorität rüde abkanzelt, bekommt den Zorn und (für die Kirche schlimmer noch, da subversiver) den Spott des Netzes zu spüren. Die demokratische bis anarchische Netzöffentlichkeit und der kirchliche Absolutismus gehen nicht zusammen.
Das neue Publik-Forum Dossier: Landraub
Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr
Wenn kirchliches Engagement in den sozialen Netzen ernst gemeint ist, und vor allem wenn die Ermutigung der eigenen Mitarbeitenden dazu ernst gemeint ist, dann müssen die kirchlichen Verantwortlichen den damit verbundenen Kontrollverlust in Kauf nehmen und sich in Gelassenheit üben. Bischöfe und ihre Apparate müssen lernen, dass ihre Autorität nicht von ihrer Macht qua Weihe, sondern nur von ihren Argumenten und ihrer Glaubwürdigkeit her kommt.
Noch ist das nicht der Fall. Selbst im zum Gespräch herabgestuften Dialogprozess wollen die Bischöfe gleichzeitig Partei und Schiedsrichter sein – ständig werden unliebsame Debattenbeiträge mit Einschätzungen wie »nicht hilfreich« delegitimiert ohne inhaltliche Auseinandersetzung. Inhaltliche Kritik wird sofort als persönlicher Angriff gewertet. Die Ratschläge der Social Media Guidelines zu wertschätzendem Umgangston und Respekt brauchen weniger die kirchlichen Mitarbeitenden und die Laien als die Bischöfe.
Findet sich in den Social Media Guidlines unter der Überschrift »Fehlerkultur« eine Aufforderung, zu den eigenen Fehlern offen zu stehen und daraus zu lernen, so endet der Abschnitt doch mit diesem Satz: »Machen Sie andere möglichst direkt, aber höflich, auf Fehler unsere Kirche betreffend aufmerksam.« Über einen Umgang mit legitimer Kritik an der Kirche (oder gar über eine eigene Äußerung solcher Kritik) findet sich nichts darin. Die Richtlinien verfolgen immer noch eine rein apologetische Kommunikationsstrategie.
Vielleicht ist die eigentliche Zielgruppe der Social Media Guidelines aber auch nicht die einfache Kirchenmitarbeiterin – , sondern es sind die Mitglieder der Bischofskonferenz selbst? Das wäre dann in der Tat ein großer Fortschritt.


