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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2011
Das Rätsel des Bösen
Der Inhalt:

Sonst wirst du verrückt

von Ulrike Gruska vom 04.05.2012
In Weißrussland bringen junge Menschen ihre Verzweiflung über die Diktatur auf die Bühne. Obwohl der KGB im Publikum sitzt

Irina kann es nicht mehr hören, dieses fast schon geflügelte Wort von der »letzten Diktatur Europas«. Doch das ist immer das Erste, was den Leuten einfällt, wenn sie hören, dass Irina aus Belarus kommt, aus Weißrussland. Seit 17 Jahren, seit Alexander Lukaschenko praktisch allein regiert, klebt dieses Etikett auf dem Land. Selbst wenn man es abkratzt, hinterlässt es hässliche Rückstände, durch die alles irgendwie trostlos aussieht und grau.

Dabei ist das Leben von Irina Herasimovich alles andere als grau. Die 32-Jährige organisiert Kulturveranstaltungen in Minsk und kommt dabei mit Künstlern und ausländischen Gästen genauso oft in Kontakt wie mit dem Geheimdienst. Vor ein paar Monaten ist sie mit einem guten Freund zusammengezogen, dem Schauspieler Vitali Krauczanka. Den Nachbarn haben die beiden erzählt, sie seien verheiratet, denn in einer WG zu wohnen ist in Belarus ebenso ungewöhnlich wie freiberuflich zu arbeiten. Sie haben die Wände bunt gestrichen und die barock anmutenden Sessel der Vormieter in die Küche verfrachtet, die dadurch noch kleiner wirkt – aber dafür umso gemütlicher, wenn sie hier mit Freunden zusammensitzen.

Irina hat Schokolade aufgedeckt, Kekse, Orangen, Tee und Wein. In dichten Schwaden hängt Zigarettenrauch über dem Tisch. Dasha Moroz ist gekommen, eine Konzertpianistin, die am Konservatorium lehrt, und Sascha Kazella, der mit Vitali zusammen auf der Bühne steht. Immer wieder klingelt es an der Tür. Auf Vitalis Laptop läuft ein Video: die jüngste Produktion des Korniag-Theaters, eines der wenigen unabhängigen Theater im Land, zu dessen Ensemble Vitali und Sascha gehören. Im »Stück Nr. 7« sitzt das Volk, wie hier in der Realität, an einem Küchentisch und diskutiert. Manchmal rafft es sich zu Demonstrationen auf, hält Plakate ohne Losungen in die Luft – und verschwindet wieder schnell und verschämt. Am anderen Ende der Bühne thront, hoch über dem Geschehen, ein Wesen aus einer anderen Welt. Wenn Regisseur Evgeni Korniag in Interviews nach einer Interpretation gefragt wird, sagt er blumig, dort säße das Schicksal. Dabei weiß jeder, wer gemeint ist.

Alexander Lukaschenko regiert Belarus seit 1994. Damals gewann er die ersten – und bisher einzigen – freien Präsidentschaftswahlen. Über die Jahre stützte er seine Macht auf drei Säulen: eine Planwirtschaft sowjetischer Art, die dem Volk einen bescheidenen, aber stabil

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