Freiheit mit Grenzen
»Die Leute im Sperrgebiet kriegen heut keine Post«, sagt schwitzend der dicke Postzusteller und zieht sein gelbes T-Shirt zurecht. Er steht im kühlen Treppenhaus und draußen geht so gut wie nichts mehr. Straßen in Berlin-Mitte sind abgesperrt, rot-weiße Gitter stehen da, martialische grüne Räumpanzer. Überwachungs-Hubschrauber donnern am wolkenlosen Himmel. Dort soll die Freiheit grenzenlos sein. Hier unten ist es nicht ganz so. Barack Obama, der Präsident der Freiheit, ist in Berlin.
Die meisten Berliner aber nehmen s gelassen. - Bis auf die, für die der Besuch erst mal Folgen für den Geldbeutel hat. »Ick bleibe hier, bis mich wer vertreibt«, hatte noch am Vortag Martin Blunck erklärt und trotzig in seiner Rikscha am Potsdamer Platz gesessen. Wo er sein Gefährt dann hinziehen musste, ist offen. Der junge asiatische Koch des kleinen Restaurants Avan in der Berliner Kronenstraße stöhnt. Nicht wegen der Hitze, sondern weil Hui heute morgen für seinen täglichen Anfahrtsweg aus Reinickendorf statt 30 Minuten mehr als 90 brauchte. Auch in Stadtteilen, in die Obama keinen Fuß setzen sollte wie Wedding oder Prenzlauer Berg, waren diverse Straßen weitläufig gesperrt.
Nur kurz darauf strömten rund 6000 geladene Gäste in der glühender Sonne an einen Kontrollpunkt am S-Bahnhof Friedrichstraße, um sich genaustens »checken« zu lassen. Dann jubelten sie vor dem Brandenburger Tor mit amerikanischen und deutschen Fähnchen Obama zu. Begeistert flanierten sie auch wieder zurück. Mitten »Unter den Linden« und auch mitten auf den Nebenstraßen.
Die anderen, die nicht in den Genuss gekommen waren, Gäste zu sein, standen hinter den Absperrgittern und sahen ihnen nun zu. Obama bekamen sie hier nicht zu Gesicht. »Wenigstens hätte man hier eine Leinwand zur Übertragung aufbauen müssen, wie das Unter den Linden bei Fußballspielen üblich ist «, sagt eine Württembergerin, die gerade in Berlin Urlaub macht und extra hergeradelt ist. »Sogar die Polizei war dieser Meinung«, empört sie sich. Ganz im Unterschied zu einer großen Roma-Familie aus Neukölln. Mit diversen Kinderwagen irrt sie von Absperrung zu Absperrung. »Ach so, der Obama ist hier«, sagt die junge Frau in der Gruppe. »Das wussten wir doch nicht.« Nein, sehen wollen sie den Präsidenten da auch eigentlich nicht: »Wir wollten doch nur ins Grüne, wir wollten einfach an diesem schönen Tag zum Brandenburger Tor.«
