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»Karikaturen zielen auf Emotionen«

»Ich werde weiter arbeiten wie bisher. Man muss zeichnen, was stimmt«, sagt der Karikaturist Gerhard Mester nach dem Attentat auf seine Kollegen bei »Charlie Hebdo«
von Eva Baumann-Lerch vom 09.01.2015
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(Zeichnung: Mester)
(Zeichnung: Mester)

Publik-Forum: Herr Mester, was war Ihr erster Impuls, als Sie von dem islamistischen Attentat auf die französische Satire-Zeitschrift »Charlie Hebdo« gehört haben?

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Gerhard Mester: In meiner Erschütterung habe ich sofort zum Stift gegriffen. Das waren ja Kollegen, die da ermordet worden sind. Ich habe die Szene gezeichnet: einen toten Karikaturisten, der am Boden liegt. Und ganz viel Blut. Dazu habe ich dann im Koran geblättert und fand dort Worte wie »Allerbarmer« und »Barmherziger«. Worte, die gut klingen, die einen liebevollen Gott beschreiben. Diese schreiende Diskrepanz habe ich dann auch ins Bild gesetzt: Ein Islamist schmiert diese schönen Gottesnamen mit Blut an die Wand.

Fühlen Sie sich jetzt auch selbst bedroht?

Mester: Nein. Aber die Geschehnisse in Paris machen mir meine Verantwortung bewusster. Man muss sich überlegen, was man zeichnet, was man damit auslöst. Trotzdem werde ich weiter arbeiten wie bisher: Man muss zeichnen, was stimmt.

Haben Sie selbst Karikaturen über den Islam gemacht?

Mester: Nein, als Zeichner habe ich mich bisher mehr am christlichen Fundamentalismus meiner Kindheit und der katholischen Kirche abgearbeitet. Ich bin zwar inzwischen ausgetreten, aber die negativen Erfahrungen sitzen tief und prägen viele meiner Karikaturen. Die Gefahr liegt im Fundamentalismus – nicht im Islam. Diese Gefahr wohnt jeder Religion inne, wenn sie sich selbst zu ernst und ihre Schriften zu wörtlich nimmt.

Im Christentum reagiert man aber vergleichsweise gelassen auf Karikaturen.

Mester: Ja, aber noch gar nicht so lange. In der Reformationszeit etwa war die Karikatur ein scharfes Propagandamittel gegen die Papisten. Damals hatten die Menschen kaum Bilder; und wenn Leute wie Lukas Cranach den Papst als Esel darstellten, hatte das enorme suggestive Kraft! Damals gab es noch keine Kalaschnikows – aber den Künstlern ging es da auch an den Kragen.

Warum sind es immer Karikaturen, die so heftige Reaktionen auslösen? Polemische Texte wirken längst nicht so explosiv.

Mester: Bei Karikaturen kann man schlechter weggucken. Man sieht sie – und Zack – ist man getroffen. Bilder lösen Emotionen aus, Texte sind kognitiver.

Die Karikaturen von »Charlie Hebdo« gelten als besonders scharf. Gefallen sie Ihnen?

Mester: Ich kann die nicht beurteilen, dafür ist mein Französisch zu schlecht. Satiren sind im Ausland ohnehin oft schärfer. Ich würde in Deutschland kaum eine Zeitung finden, die mir so etwas abkauft. Was den Abonnements schaden könnte, wird halt nicht gedruckt.

»Die Waffe Karikatur ist längst stumpf geworden«, schreiben Sie in Ihrem Buch.

Mester: Den Satz muss ich nach den Ereignissen noch mal neu überdenken.

Was hatten Sie denn damit gemeint?

Mester: In der Flut der Bilder verliert die Karikatur ihre Kraft: In der heutigen Zeit wird die satirische Zeichnung kaum ernst genommen, es kümmert kein Schwein, was wir da zeichnen! Da freut man sich sogar, wenn sich jemand beschwert, wenn man überhaupt wahrgenommen wird.

Was treibt Sie an? Was ist das innerste Motiv eines Karikaturisten?

Mester: Sich zu entlasten und von den Mächtigen, die einem ja oft wie ein Mühlstein um den Hals hängen, zu befreien. Sigmund Freud hat die Satire als ein »Verfahren zur Herabsetzung des Erhabenen« bezeichnet. Vielleicht haben Sie das selbst schon mal erlebt, wenn Sie als Kind auf einem Wahlplakat einen Zahn geschwärzt haben: Mit wenigen Strichen hat man den mächtigen Mann zu einer lächerlichen Figur gemacht. Da kommt schon eine kleine Freude auf.

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Personalaudioinformationstext:   Gerhard Mester, geboren 1956, arbeitet als freier Karikaturist für verschiedene Tageszeitungen und für Publik-Forum. 2013 erhielt er den Karikaturenpreis der deutschen Zeitungen. Sein Karikaturenbuch »Das kann nur besser werden« ist im Publik-Forum-Verlag erschienen. Mester lebt mit seiner Familie in Wiesbaden.
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