Das Bett, die kirchenfreie Zone
Herr Professor Goertz, die katholischen deutschen Bischöfe haben die Ergebnisse ihrer Umfrage in ungeschminkter Form veröffentlicht. Papst Franziskus hatte sie angestoßen. Dabei wird deutlich, dass eine breite Mehrheit der Katholiken die kirchliche Argumentation in der Ehe- und Sexualmoral schlicht nicht versteht und auch nicht teilt. Ist das nicht ein Desaster für die katholische Kirche?
Stephan Goertz: Ja und nein. Die Ergebnisse sind ja nicht neu. Man hat sie nur halt über Jahrzehnte nicht zum Anlass für eine Selbstkritik genommen. Ein Desaster ist das Ergebnis für jene, die immer noch meinen, mit dem Einsatz katholischer Autorität die Gläubigen vor der Moderne beschützen zu müssen. Die nun praktizierte Offenheit der Analyse ist ein gutes Zeichen für eine kirchliche Selbstbesinnung. Die alten, oft allzu schlichten Schuldzuweisungen an den Zeitgeist haben offenbar ausgedient.
Wie erklären Sie sich die große Kluft zwischen der kirchlichen Lehre und dem Denken und Handeln der Gläubigen? Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, findet sie ja – so sagte er jetzt dem Wiesbadener Kurier – alles andere als erstaunlich ...
Goertz: Im Grunde hat die katholische Kirche in der Moderne die Deutungsmacht über die Moral der individuellen Lebensführung verloren. Nach dem Ende des traditionellen katholischen Milieus partizipieren die Katholiken im Guten wie im Schlechten am gesellschaftlichen Leben. Sie werden zu wirklichen Mitbürgern der Moderne mit ihren Verheißungen und ihren Ambivalenzen. Im Bereich der Sexualität ist es zu einer Befreiung von alten Zwängen und Verboten gekommen. Werte wie Gleichberechtigung und Verantwortung stehen nun im Zentrum. Und die Freuden des Körpers werden nicht länger misstrauisch beäugt. Dies alles führt gewissermaßen zu einer Entdramatisierung der Sexualität. Unter diesen Vorzeichen will es immer weniger Menschen einleuchten, dass jede nicht auf Zeugung ausgerichtete und nichteheliche Sexualität eine Sünde sein soll.
Die Menschen denken selbst und handeln entsprechend. Braucht es die Kirche im Feld der Ehe- und Sexualmoral überhaupt noch?
Goertz: Zumindest braucht es die Kirche nicht, um überhaupt im Bereich der Ehe- und Sexualmoral zu ethischen Einsichten darüber zu gelangen, was menschlich verantwortbar ist und was nicht. Das ist auch gar nicht die originäre Aufgabe der Kirche. Der Kirche als Glaubensgemeinschaft kommt die unverzichtbare Aufgabe zu, die Botschaft von dem die Menschen unbedingt liebenden Gott zu verkünden und zu bezeugen und all denen zur Seite zu stehen, die unter die Räder einer gnadenlosen Konkurrenzgesellschaft geraten sind.
Also weg von der Verbotsmoral, hin zu einer Stärkung des Gewissens?
Goertz: Mit dem Bekenntnis zur Religionsfreiheit hat die katholische Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen epochalen Schritt vollzogen, was den Respekt vor der Suche der Person nach der religiösen Wahrheit betrifft. Im Bereich der Gewissensfreiheit ist der Weg der Kirche jedoch noch unklar. Es geht um den Respekt vor Entscheidungen, die Menschen in sittlicher Verantwortung für sich treffen und an denen ihre Identität als Person hängt. Dass damit nicht jede Entscheidung einer Person gesellschaftlich zu tolerieren ist, versteht sich von selbst.
Es gibt Stimmen, die davor warnen, die Ergebnisse der Umfragen überzubewerten. Mehrheiten könnten nicht über Richtig oder Falsch entscheiden. Wie sehen Sie das?
Goertz: Es stimmt: Ethische Fragen werden nicht durch Abstimmungen beantwortet. Aber wer hätte das je behauptet? Ethisch relevant aber ist die Tatsache, dass viele Gläubige aus ihrer christlichen Überzeugung und moralischen Urteilskompetenz heraus bestimmte kirchliche Normen nicht mehr einsehen können. Ihre Wertvorstellungen beruhen dabei auf ihren eigenen Erfahrungen. Dies gilt es theologisch-ethisch zu begleiten und zu reflektieren.
Man kann seitens der Kirche jedenfalls nicht sagen: Jeder vorehelicher Sex ist falsch, aber wir akzeptieren eure falsche Gewissensentscheidung. Jeder gleichgeschlechtliche Sex ist objektiv falsch, aber wir akzeptieren eure falsche Gewissensentscheidung. Es muss doch auch um eine inhaltliche Neubewertung gehen.
Goertz: Sie haben recht, das wäre zu einfach und auch nicht ehrlich. Die deutschen Bischöfe hätten zum Beispiel nicht 1968 nach dem Erscheinen der Enzyklika »Humane vitae« ihre »Königsteiner Erklärung« veröffentlicht und würden sie nicht bis heute verteidigen, wenn es nur darum gegangen wäre, einen Gewissensirrtum der Gläubigen in Fragen der Empfängnisregelung zu tolerieren. Nein, im Bereich der »verantworteten Elternschaft« gibt es tatsächlich einen Spielraum für eine Gewissensentscheidung. Es gibt nicht den einen sittlich richtigen Weg.
Man muss also ethisch von den Menschen und ihren Beziehungen ausgehen, nicht so sehr von einer angeblich objektiven Natur?
Goertz: Zugespitzt könnte man sagen: Die Fortpflanzung ist eine natürliche Sache, menschliche Sexualität und erst recht menschliche Beziehungen sind kulturelle Phänomene. Wir Menschen können und müssen uns zu unserer eigenen Natur verhalten. Das macht unsere besondere Würde aus, weil hier die Fähigkeit zur Freiheit grundgelegt ist. Was soll für ein geschichtliches Freiheitswesen also eine objektive Naturvorgabe sein? Die Natur ist Vorgabe und Aufgabe in einem. Wir müssen in diesen Fragen lernen, komplexer zu denken.
Sollte man sich vom Naturrechts-Denken überhaupt verabschieden?
Goertz: Nein, das nicht. Aber das Naturrecht hat eine Geschichte, in der es zu manchen Engführungen gekommen ist. Es hat das Menschenrechtsdenken der Neuzeit mit vorbereitet, es hat aber auch dazu gedient, etwa den Frauen aufgrund ihrer besonderen Natur bestimmte Rechte vorzuenthalten. Es kommt darauf an, welche Variante des Naturrechts man vertreten will.
Die Bischöfe nennen vier Bereiche, bei denen die Kluft zwischen der offiziellen Lehre und den Gläubigen besonders deutlich sei: beim vorehelichen sexuellen Zusammenleben, bei der Homosexualität, der Empfängnisreglung und beim Umgang mit den wiederverheirateten Geschiedenen. Wo ist der Veränderungsbedarf aus Ihrer Sicht am stärksten?
Goertz: Da muss man zwischen binnenkirchlichen Bereichen und gesellschaftlichen Herausforderungen unterscheiden. Innerkirchlich ist sicher die Frage des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen momentan das bestimmende Thema. Aus sozialethischer und religionspolitischer Perspektive aber scheinen mir die Fragen des Umgangs mit sexuellen Minderheiten, etwa den Homosexuellen, und der Schutz vor dem HI-Virus, also die Kondomfrage, drängendere Problem zu sein.
Wie schätzen Sie die weltkirchliche Situation ein? Lässt sich eine Generallinie im Verhalten der Gläubigen weltweit feststellen?
Goertz: Das kann ich nicht einschätzen. Das wird bei einzelnen Fragen unterschiedlich sein. Zu einer Reform dürfte es am ehesten bei den wiederverheirateten Geschiedenen kommen. Ich vermute schon, dass es bei anderen Fragen zu Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten und innerkirchlichen Richtungen kommen wird. Das wird sehr von der Dialogbereitschaft aller abhängen.
