Solidarität mit Pussy Riot
Kurz vor dem Jahreswechsel hat sich Maria Aljochina in einem Beitrag in der russischen Zeitung New Times zu Wort gemeldet: Aus dem Straflager, Kolonie 28, in der Nähe der russischen Stadt Perm. Dort muss sie ihre zweijährige Strafe verbüßen. Die harten Bedingungen in diesem Winter sind ein Beleg dafür, was sie ihr regimekritisches Verhalten kostet. »Waschen dürfen wir uns nur mit kaltem Wasser«, schreibt die 24-jährige studierte Journalistin aus dem Gebiet der östlichsten Stadt Europas, wo jetzt eisige Temperaturen von 27 Grad Kälte herrschen.
Die Gefangenen müssen die »Hausordnung« auswendig können
Wie alle anderen Frauen dort auch ist sie dazu verurteilt, die »Hausordnung« auswendig zu lernen. »Ein Nichtbeachten führt dazu, dass wir nicht vorzeitig entlassen werden«, so die Mutter eines fünfjährigen Sohnes, nach dem sie verständlicherweise große Sehnsucht hat. Doch: »Es gibt viele Gründe, nicht vorzeitig entlassen zu werden. Zum Beispiel, wenn man einen Knopf nicht richtig zuknöpft, oder wenn ein Etikett an einer Jacke nicht richtig aufgenäht wurde«, schreibt die Frau mit den langen dunkelblonden Locken, die wie die anderen Frauen in einer Schneiderwerkstatt arbeitet.
Wie aber kann das gehen, wenn die Finger steif sind, weil die Temperaturen auch in der Werkstatt unter Null fallen? Auch wer auf einer der harten Holzbänke im Straflager einschläft, darf nicht mit Gnade rechnen. Dabei, schreibt Maria Aljochina, »dreht sich gut die Hälfte der Gespräche aller Frauen um das Thema der vorzeitigen Entlassung wegen guter Führung«. Für sie aber käme die kaum in Frage. Denn dafür wäre es auch nötig, Spitzeldienste zu leisten.
Viele Menschen solidarisieren sich mit Pussy Riot
Für Publik-Forum hat dieses Lebenszeichen der verurteilten Regimekritikerin der Menschenrechtler der Politiker Bernhard Clasen aus Mönchengladbach aus dem Russischen übersetzt. Ihn lässt das Schicksal der Frauen nicht los. Aber er ist nicht der einzige, der sich mit ihnen solidarisiert. Die Liste weiterer Unterstützer ist lang: Die US-amerikanische Sängerin Madonna und der Musiker Paul McCartney, die Witwe von John Lennon, Yoko Ono, die Band The Who aber auch der mutige Chefredakteur Dimitrij Muratow der Moskauer Zeitung Nowaja Gazeta, von deren Redakteuren bereits so mancher sein Engagement für Menschenrechte mit dem Leben bezahlt hat.
Auch 121 Bundestagsabgeordnete hatten gegen die Inhaftierung der drei Frauen der Band Pussy Riot, von denen eine auf Bewährung verurteilt wurde, demonstriert. Eine weitere Gruppe von Unterstützern der nun zwei in Straflagern sitzenden Frauen – neben Maria Aljochina ist das die 1989 geborene Philosophin Nadeschda Tolokonnikowa – kam vor Weihnachten hinzu: die ehemaligen Frauen für den Frieden in der DDR.
Die hatten sich vor Weihnachten in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin versammelt, sich an ihr Engagement gegen die Militarisierung und den Unrechtsstaat DDR erinnert und über Konsequenzen nachgedacht. Was lag da näher, als ein Solidaritäts-Brief an die mutigen Frauen aus Russland zu schreiben? Unterzeichnet haben ihn unter anderem die Brandenburger Stasi-Beauftragte Ulrike Poppe, die selbst in der DDR im Knast saß, Lilo Fuchs, die Frau der verstorbenen Regimekritikers und Schriftstellers Jürgen Fuchs, der ebenfalls in der DDR inhaftiert war, die bündnisgrüne Politikerin Eva Quistorp und viele mehr.
Frauen für den Frieden fordern Freilassung
Sie erinnern in dem Brief daran, dass einige von den Unterzeichnern einst selbst politisch verfolgt wurden: »Die Unterzeichnenden sind mit Ihnen solidarisch und wünschen Ihnen die notwendige Kraft, um die Trennung von Ihren Familien und die Lagerhaft zu überstehen«, schreiben sie und äußern ihre Empörung über die Strafurteile und die Verleumdungen, die die russische Staatspropaganda über sie verbreitet. Ein zweiter Brief der Konferenzteilnehmer wurde an den russischen Botschafter in Berlin übergeben, in dem die sofortige Freilassung der beiden Frauen gefordert wird.
Eingeladen zu dem Berliner Treffen, das in der Solidarität mit den Pussy Riot Frauen mündete, hatte die Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft, die seit 1990 über den Widerstand in der früheren DDR informiert. Eine bei der Berliner Konferenz gezeigte Ausstellung kann man inzwischen für Schulen oder Rathäuser und andere öffentliche Orte bestellen. Auf 19 Plakaten wird die Geschichte der Frauen für den Frieden gezeigt. »Es geht um die fantasievolle Respektlosigkeit, mit der wir damals agiert haben und die uns so sehr mit den nun in russischen Straflagern inhaftierten zwei Frauen von Pussy Riot verbindet«, sagt Tina Krone von der Havemann-Gesellschaft.
Ihre Botschaft heute: Wenn man mit irgendetwas nicht klarkommt, das Unbehagen über gesellschaftliche Zustände riesengroß wird, muss man sich Verbündete suchen und auch nicht sich abschrecken lassen, wenn der Erfolg spät oder nie kommt. Genau darum geht es für sie auch bei Pussy Riot. »Wir sind nicht schuldig, davon spricht die ganze Welt«, hat Maria Aljochina aus dem Straflager der Kolonie 28 im fernen Perm geschrieben.
