Tebartz-Krise: Ruhe vor dem Sturm
Nein, das kann ich nicht mehr ertragen. Wirklich nicht. Nachdem Pater R. die letzten Worte seiner Predigt gesprochen hat, erhebe ich mich aus der Kirchenbank und gehe dem Ausgang zu. Die Kirchentür meiner katholischen Ortsgemeinde im Bistum Limburg lasse ich so laut wie möglich ins Schloss donnern. Mir reicht´s!
Etwa eine halbe Stunde habe ich an diesem Sonntagmorgen geduldig erst zwei Lesungen, dann einem Evangelium, schließlich den auslegenden Worten des Paters gelauscht. Immer mit dem Gedanken: Wann wird er endlich eine Andeutung im Blick auf den Gegenwartsbezug dieser Texte machen? Wann spricht er über die Katastrophe in Limburg, an unserem Bischofssitz? Ich vermute: Ich bin nicht die einzige, die darauf wartet. Aber wer weiß? Alle sind still, es liegt eine Grabesruhe über dem Gottesdienst. Ja, es ist viel stiller als sonst. Totenstill. Nur ein kleines Kind ruft immer mal zwischendurch fröhlich: »Mama!« Es klingt wie aus einer anderen Welt.
Pater R. geht völlig über den drängenden Gegenwartskontext hinweg. Er hält eine Predigt jenseits von Zeit und Raum, mit der Kernaussage: In der Eucharistie leben wir Gemeinschaft und bringen gleichzeitig dem großen Gott unseren Dank. Deshalb sollten wir uns alle – er schaut dabei in die Runde – unserer Aufgabe als Christen bewusst sein, immer die Gemeinschaft zu suchen, zu verzeihen und neu anzufangen.
Was soll ich daraus lesen? Pater R. hält erkennbar eine Predigt ohne Kontextbezug. Er WILL offenbar eine Predigt ohne Kontextbezug halten. Das scheint ihm ungeheuer wichtig zu sein. Doch er erreicht das Gegenteil: Da ich, seine Zuhörerin, in einer real existierenden kirchlichen und gesellschaftlichen Welt lebe, die ich mit in die Kirche gebracht habe, beziehe ich seine Worte selbstständig auf den Zusammenhang, der meinen Alltag berührt. So, wie er den Alltag aller Katholikinnen und Katholiken berührt, die da vor Pater R. in den Kirchenbänken sitzen.
Der Pater sagt, ich solle im Alltag tun, was die Bibelstellen mir nahelegen. Aha! Soll ich also nun schon mal dem Bischof verzeihen, der keinerlei Reue zeigt? Verletze ich meine Christinnenpflicht, wenn ich mich nicht symbolisch schützend vor Tebartz-van Elst werfe, sobald jemand ein kritisches Wort über ihn sagt? Soll ich demütig die Machenschaften des Bischofs und seiner Helfershelfer hinnehmen? Soll ich ergeben schweigen über alles, was die höhere Kaste, die Priesterschaft – zu der ja auch mein Bischof gehört, und die nach römisch-katholischem Kirchenrecht genau das ist, nämlich eine höhere Kaste – in ihrer Allmacht tut?
Pater R. bieten sich durch die Lesungen aus dem Buch der Könige und aus einem Paulusbrief eigentlich Steilvorlagen, um auf den Fall Limburg einzugehen. Noch steiler ist die Vorlage im Evangelium dieses Sonntags, das von Jesus, dem Heiler, berichtet, der gleich mehrere Menschen von ihren körperlichen und seelischen Leiden erlöst. Nur einer dieser vielen kehrt zu Jesus zurück und dankt ihm dafür. Jesus freut sich über den Dank – aber vermittelt gleichzeitig, dass er heilt um des Heilens willen. Zur Not tut er es eben auch ohne Dank. Einfach deshalb, weil Heilung nötig ist.
Während ich zu diesem Zeitpunkt noch in der Kirchenbank sitze, denke ich: »Ja, dieses ganze Bistum hat jetzt Heilung bitter nötig! Es ist verletzt, geschunden, verraten durch das Handeln seines Bischofs. Es ist gedemütigt und beleidigt worden, und die Demütigungen und Beleidigungen nehmen kein Ende. Vor allem ist es nackt und bloß, denn jedermann kann nun sehen, dass es keine Mitbestimmung der Basis in dieser Kirche gibt. Dass Kontrollgremien versagen, weil sie die Kirchenhierarchie höher bewerten als ihre Aufgabe, nachzufragen, zu protestieren, zu kontrollieren. Dass viel zu lange Menschen an entscheidenden Stellen meinten: Ja, wenn der Bischof es so will und das Geld irgendwie kommt, dann lassen wir es mal so laufen! Dass viele Millionen von der Deutschen Bank geliehen wurden und der Bischof seinem Umfeld Schweigen darüber verordnete. Dass er das große Bauprojekt formal in viele kleine zerlegen ließ, damit er einer Kontrolle durch den Vatikan entgehen konnte, der bischöfliche Bauvorhaben über fünf Millionen Euro eigentlich zwangsweise prüft. – Und jetzt kommt auch noch ein Pater daher und predigt, wir müssten alle lieb und gütig sein, dann würde es schon besser werden mit der Welt! Das heißt doch faktisch: Wir, die Jesus anschaut in dieser aktuellen Lage des Bistums Limburg, wir werden von einem Türsteher namens Pater R. weggeschickt mit den Worten: Ach, kehrt doch mal bitte vor eurer eigenen Haustür. Bestimmt habt ihr auch was auf dem Kerbholz.«
Soweit meine Gedanken, kurz bevor ich die Kirche verlasse. Einer Eucharistiefeier will ich nach dieser Predigt nicht beiwohnen, kann ich einfach nicht. Pater R. hat es mir unmöglich gemacht. Vielleicht hätte ich doch besser auf den Domplatz von Limburg gehört? Dort findet just zu diesem Zeitpunkt eine Protestkundgebung statt, unter dem Titel »VolKSlversammlung«. (Lesen Sie weiter auf Seite 2.)
Als ich die Kirche verlasse, treffe ich vor der Tür auf einen älteren Herrn. Er hat einen heftigen Hustenanfall, hält sich ein Taschentuch vor den Mund. Er schaut mich an und sagt entschuldigend: »Ich musste schon drin so furchtbar husten. Da bin ich lieber raus. Ich wollte ja nicht stören.« »Ach«, antworte ich, »vielleicht wäre eine ordentliche Störung da drin nicht das Schlechteste gewesen.«
