Pater Mertes, übernehmen Sie!
Schwamm drüber? Alles Schnee von gestern? Knapp drei Jahre nach der Aufdeckung der massenhaften sexuellen Gewaltverbrechen von katholischen Geistlichen gegen Kinder scheint die öffentliche Empörung in Deutschland abgeebbt zu sein. Nur ein Opfer-Vertreter wie der ehedem in der Kirche sexuell missbrauchte Norbert Denef fastet aktuell im Hungerstreik, um gegen das Vergessen und Übergehen der Opfer zu protestieren.
Die Konservativen innerhalb der katholischen Amtskirche nutzen nun das schnelle Vergessen der Gesellschaft und lassen die groß angelegte Aufklärung der sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche platzen. Ein Forschungsprojekt, das vor anderthalb Jahren öffentlich mit dem prominenten Strafrechtsprofessor und Chef des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, vereinbart worden war, missfiel der Kirche offenbar so, dass sie nun – wie heute Morgen die Deutsche Bischofskonferenz offiziell mitteilte – nach einem »neuen Partner« Ausschau hält.
Damals, in der sensiblen Öffentlichkeitslage des 13. Juli 2011, war der Abschluss der katholischen Kirche mit dem unabhängigen, hoch angesehenen – und vor allem nicht katholischen – Wissenschaftler Pfeiffer für die Bischöfe ein Coup. Denn fortan konnte man davon ausgehen, dass die Aufklärungsarbeit über sexuellen Missbrauch durch Priester in den zurückliegenden Jahrzehnten in guten, weil unabhängigen und höchst fachkompetenten Händen war.
Doch nun erklärt die Bischofskonferenz mit Schreiben 005 vom 9. Januar 2013 das Vertrauensverhältnis mit Pfeiffer öffentlich für »zerrüttet«. Dahinter steht das Faktum: Die Oberhirten teilen sich in radikale Aufklärer, ängstliche Leisetreter und heimliche Vertuscher. Und die Vertuscher sind dabei, die Oberhand zu gewinnen.
Ob es gelingen wird, einen ähnlich unabhängigen und kompetenten Forscher zu finden, der das Gesamte des amtskatholischen Missbrauchs aufklären kann, ist nach der brüsken Trennung von Pfeiffer höchst fraglich. Jeder Nachfolge-Wissenschaftler wird nach dieser Vorgeschichte automatisch unter dem Verdacht stehen, ein handzahmes Werkzeug in Händen der Bischöfe zu sein.
Der eine spricht von Zensur, der andere von Fehlern
Christian Pfeiffer wirft den Bischöfen »Zensur« vor. Das Projekt sei »an den Kontrollwünschen der Kirche gescheitert«. Entgegen der ursprünglichen Vereinbarung habe die Kirche darauf beharrt, über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowie über die Auswahl der beteiligten Wissenschaftler bestimmen zu dürfen. Seitens der Kirche weist der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, diese Vorwürfe zurück und wirft Pfeiffer seinerseits ein »fehlerhaftes Kommunikationsverhalten« vor, das die Vertrauensbasis zerstört habe.
Wie dilettantisch und lückenhaft sieht der nicht öffentliche Vertrag der Bischöfe mit Pfeiffer aus? Wer hat während des Forschungsprozesses die Kommunikation schleifen lassen? Und: Wer in der katholischen Oberkirche hat Interesse an dem Scheitern des Forschungsauftrags des unbestechlichen Aufklärers?
Der Missbrauchsbeauftragte Bischof Ackermann selbst hat viel Vertrauen verloren, seit der SPIEGEL 2012 nachwies, dass er in seinem Bistum mehr als ein halbes Dutzend Alt-Missbrauchstäter als Priester beschäftigt. Von der von Rom geforderten Null-Toleranz ist die Diözese des Missbrauchsbeauftragten weit entfernt.
Holt Klaus Mertes zurück!
Bleibt Pater Klaus Mertes SJ. Der Jesuit hatte die Missbrauchsskandale im Alleingang aufgedeckt. Er ist dafür von konservativer Seite in der Kirche gescholten und geschnitten worden. Man hat ihn vom Canisius-Kolleg in Berlin ins abgelegene Jesuiten-Kolleg nach Sankt Blasien im Hochschwarzwald versetzt. De facto eine Abschiebung. Als Papst Benedikt XVI. im September 2011 im nahen Freiburg auftrat, war Klaus Mertes kirchlicherseits dort nicht erwünscht. Kein deutscher Bischof stand zu Mertes – anders als der Wiener Kardinal Christoph Schönborn.
Den couragierten Jesuiten Klaus Mertes sollte die deutsche Kirche im aktuellen Glaubwürdigkeitsdesaster bitten, die Aufklärungsarbeit der sexuellen Gewaltskandale zu leiten. Denn kein anderer Geistlicher hat innerhalb der deutschen Öffentlichkeit das Ansehen und die moralische Integrität, diese schwere Aufgabe zu übernehmen. Und offenbar ist auch kein anderer in der Lage, mit unabhängigen Wissenschaftlern angstfrei zu kooperieren.
Mehr zum Thema, zu den Hintergründen des Konflikts und zur Zukunft der deutschen katholischen Kirche nach dem Aufklärungs-Desaster lesen Sie auch in der Ausgabe 2/2013, die am Freitag, 25. Januar, erscheint.
