Hamburg anders – mit uns
Wer die Geschichte der Kirchentage kennt, weiß: Kirchentag heißt Veränderung. Nie bleibt alles, wie es ist – und genau das macht die »Haltbarkeit« dieser Treffen aus.
Als 1949 der erste Deutsche Evangelische Kirchentag stattfindet, ist die Sehnsucht nach Neuvergewisserung im Glauben groß. Jahre der Naziherrschaft und des Zweiten Weltkriegs liegen hinter den Menschen. Gustav Heinemann, Präses der EKD-Synode und späterer Bundespräsident, verliest die Gründungserklärung: Der Kirchentag solle »der Zurüstung (!) der evangelischen Laien für ihren Dienst in der Welt dienen« und »die Gemeinschaft und den Austausch mit den Laien der im Weltrat der Kirchen zusammengeschlossenen Kirchen fördern«.
Doch über die Jahre ändert sich vieles: OBWOHL nicht im Weltrat der Kirchen organisiert, werden gerade die Katholiken ein Thema für den Kirchentag. Schließlich kann man an der realen deutschen Ökumene-Situation nicht vorbei. OBWOHL gesamtdeutsch angelegt, wird der Kirchentag ein Opfer der deutschen Teilung. Nach dem Mauerbau im Jahr 1961 bricht die Idee gemeinsamer deutscher Kirchentage faktisch in sich zusammen, denn die DDR lässt ihre Christinnen und Christen immer seltener ausreisen. So finden in Deutschland Ost schließlich eigene Kirchentage statt. Und: OBWOHL es doch in der Gründungsurkunde hieß, der Kirchentag solle der »Zurüstung der evangelischen Laien für ihren Dienst in der Welt dienen«, lassen sich die Menschen immer unwilliger auf das »Zurüsten« ein. Sie wollen selber denken, selber reden, selber glauben – und nicht Vorgegebenes wiederkäuen.
Ende der 1960er Jahre wird deshalb der Kirchentag entschlossen aufgefrischt. Die deutsche Gesellschaft säkularisiert sich in rasantem Tempo; mit ihr säkularisieren sich die Christinnen und Christen. Die Kirchenmitgliedschaft bleibt vielen noch lange selbstverständlich, doch Glaube und Handeln in der Welt werden individuellen Maßstäben unterworfen. Aufklärung, Emanzipation, Ökologie: Das sind die Themen der 1970er Jahre. Sie werden auch zu Themen der Kirchentage. Es wird diskutiert und demonstriert, gebetet und über Texten gebrütet. In dieser Zeit wird es üblich, dass Kirchentage Aufrufe gebären, Manifeste vor sich hertragen und sich politischen Bewegungen anschließen. Die Bürgergesellschaft ist da – sehr wesentlich getragen von evangelischen Christinnen und Christen.
Alles wird anders: Eine Erfahrung, die Menschen täglich machen
Und heute? Immer flexibler, immer mobiler leben die Menschen – manche freiwillig, andere notgedrungen. Die Welt ist komplex geworden, für manche zu komplex. Wohin soll man sich wenden? Wo ist noch Heimat? Und welche Werte gelten? Aus der Grunderfahrung der Unsicherheit heraus suchen immer mehr Menschen den Weg in eine neue Selbstvergewisserung, die die Soziologen »Re-Fokussierung« nennen: Wer bin ich? Was will ich? Und wer geht mit mir?
Die 150.000 Menschen, die sich in diesen Tagen in Hamburg versammeln, leben – bewusst oder unbewusst – im Zeitalter der Metamorphose. Das Alte wandelt sich ins Neue; und wenn es gut läuft, wird aus der Raupe ein Schmetterling. Es kann natürlich auch anders kommen: Dann bleibt der Kokon geschlossen, bleibt das Neue ungeboren, das Bunte und Lebendige eingezwängt.
Damit es nicht so kommt, gibt es die Kirchentage. Und mitten unter den 150.000 Menschen in Hamburg gibt es auch uns, die Leute von Publik-Forum.
Wir wollen, dass Sie Schmetterlinge fliegen sehen. Deshalb erzählen und kommentieren wir Ihnen die Ereignisse des Kirchentages, hier in unserem Online-Tagebuch »Hamburg anders«.
Schafft der Kirchentag den Wandel? Findet er sich – und eine klare Richtung – am Beginn des 21. Jahrhunderts? Kann es Zeichen, kann es Worte geben, die politisch nachhaltig und religiös zukunftsweisend sind? Wir spüren diesen Fragen nach. Schauen Sie gern täglich in unser Tagebuch, das von mehreren Journalistinnen und Journalisten im Wechsel geschrieben wird.
Wir laden Sie außerdem herzlich in unser Publik-Forum-Zentrum ein; das Programm finden Sie genau hier. Wenn Sie kommen, dann können wir Ihnen unsere Gedanken zur Metamorphose von Kirche und Gesellschaft mit auf den Weg geben: Welche Zukunft hat Religion? Wie wird der Kapitalismus menschlicher? Und wie werden die Kirchen wieder glaubwürdig, wo Menschen den Glauben an sie verloren haben? Dann gibt es auch immer wieder Zeit zum Gespräch. Wir freuen uns auf Begegnungen in Hamburg. Alles wird anders – mit uns.
