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Franziskus und der Donnerschlag

Papst Franziskus setzt einen »Rat der Weisen« ein, um die Reform der römischen Kurie voranzutreiben. Das gab er am Wochenende – nur vier Wochen nach seiner Wahl – bekannt. Der Rat besteht aus acht Kardinälen, die aus fünf Kontinenten kommen. Die Reformer haben klar die Oberhand gegenüber den Konservativen und Zauderern
von Thomas Seiterich vom 15.04.2013
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Auf Reformkurs: Papst Franziskus will einiges in der Kurie ändern. Dafür sucht er nun Rat und Unterstützung bei acht Kardinälen aus aller Welt. Nur einer davon kommt aus Italien - schon das ist ein deutliches Zeichen. (Foto: pa/Spaziani)
Auf Reformkurs: Papst Franziskus will einiges in der Kurie ändern. Dafür sucht er nun Rat und Unterstützung bei acht Kardinälen aus aller Welt. Nur einer davon kommt aus Italien - schon das ist ein deutliches Zeichen. (Foto: pa/Spaziani)

Das ist ein Donnerschlag. So etwas hat der Vatikan in acht Jahren unter dem Bedenkenträger Papst Benedikt XVI. nie erlebt. Exakt einen Monat nach seinem Amtsantritt richtet Papst Franziskus einen »Rat der Weisen« ein – für die dringend nötige Reform des Machtapparats der römischen Kurie. Eine Aufgabe, vor der der Gelehrtenpapst aus Bayern stets zurückgeschreckt war und schließlich kapituliert hatte. Italiens führende Tageszeitung La Repubblica kommentiert den Vorgang als »Revolution«.

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Franziskus ist offenbar zu klug, um die haarige Aufgabe der Kurienreform alleine zu schultern. Und der Papst aus Argentinien ist ein erfahrener Teamspieler, anders als Benedikt, der die anstehenden Aufgaben gerne im Alleingang schulterte. Franziskus berief nun acht Kardinäle in seinen »Rat der Weisen«. Die acht Kardinäle vertreten die fünf Kontinente. Es sind allesamt Kirchenmänner von Format. Die Progressiven haben klar die Überhand. Die Auswahl, die Franziskus getroffen hat, ist hoch interessant.

Auch Erzbischof Reinhard Marx ist dabei

Oscar Rodriguez Maradiaga, Kardinalerzbischof im mittelamerikanischen Honduras, ist der Koordinator des Rates. Viele »Eine-Welt«-bewegte Deutsche kennen Rodriguez, seit er die weltweite Anti-Verschuldungs-Kampagne zum Milleniumsjahr 2000 präsidierte. Rodriguez ist einer der Jüngsten und der politisch Progressivsten unter allen Kardinälen. Er setzt auf Basisgemeinde, Jugendarbeit, das Evangelium als politische wie persönliche Befreiungskraft. Und vor allem: Er ist nicht bloß Theologe oder Kirchenrechtler. Rodriguez, Mitglied im Salesianerorden, hat in Innsbruck Psychologie studiert und eine Therapeutenausbildung abgeschlossen. Er hat in Publik-Forum bereits das Kardinalskollegium geschildert, als eine Männergruppe mit vielerlei Ängsten. Rodriguez schaut aus verschiedenen Perspektiven auf die Kirchenspitze in Rom. Es lässt hoffen, dass dieser Mann der Protokoll- und Programmführer im Rat der Weisen für Kirchenreform ist.

Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, vertritt im Rat der Weisen die europäischen Kirchen. Er ist tatkräftig und in Unternehmensreformen erfahren. Oswald Gracias, der Erzbischof von Bombay, bringt die Erfahrungen und Bedürfnisse der asiatischen Kirchen ein. Laurent Monsengwo Pasinya, der Erbischof der kongolesischen Metropole Kinshasa, vertritt Afrika. Monsengwo ist als kritisches Gegenüber des kongolesischen Präsidenten Kabila das moralische Gewissen seiner Nation. Ein Menschenrechtler und Demokrat. Patrick O'Malley ist Kapuziner und Erzbischof von Boston. Er trat sein Amt an, als die Diözese nahezu bankrott war, weil sie wegen sehr vieler sexueller Missbrauchverbrechen von Priestern zig Millionen Dollar Schadenersatz zahlen musste. Sein Amtsvorgänger, der erzkonservative Kardinal Bernard Law, hatte als Vertuscher der Verbrechen in großem Ausmaß versagt. Patrick O'Malley dagegen ist ein Null-Toleranz-Bischof im Blick auf die Missbrauchsskandale, hart im Durchgreifen, wenn es um nötige Reformen der Kirchenleitung geht.

Neben diesen Aufgeschlossenen sitzen im Rat der Weisen auch zwei Konservative: Dazu gehört der der Schönstatt-Bewegung zugehörige Alterzbischof von Santiago de Chile, Francisco Javier Ossa, sowie der unvermeidliche Kardinal George Pell aus Sydney. Er steht dem Opus Dei nahe und bekämpft die aufgeschlossenen Bischöfe, Geistliche und Kirchengemeinden in Australien. Dass er in den Rat hineinrutschte ergibt sich daraus, dass der australisch-ozeanische Erdteil nur einen Kardinal hat – leider den Betonkopf Pell.

Für den römischen Kurienapparat sitzt nur einer, Kardinal Giuseppe Bertello, im Rat der Weisen. Er ist Präsident des Governorats, einer der Verwaltungsstrukturen im Vatikanstaat. Dass die Kurie so schwach gegenüber den weltweiten Ortskirchen vertreten ist, lässt tief blicken.

Als Rats-Sekretär hat Franziskus auf seinen Arbeitspartner bei der weltweiten Bischofssynode 2001 zurückgegriffen, Bischof Marcello Semeraro aus Albano. Ein »uomo di fiducia«, ein Vertrauensmann für Franziskus.

Schon muss der Vatikansprecher Pater Federico Lombardi betonen, dass die Kurie trotz des Rates der Weisen weiterarbeite, »ganz normal«.

Franziskus predigt über Konflikte unter den Aposteln: Aha!

Wie sieht es in Papst Franziskus aus? Er hat in den letzten Tagen mehrere Predigten gehalten in der Hauskapelle von Santa Marta, wo er wohnt – denn er weigert sich, in den prunkvollen Papstpalast zu ziehen. In Franziskus aktuellen Predigten ging es um Texte aus der Apostelgeschichte, in denen von Konflikten und Streit innerhalb der ersten Christengemeinde die Rede ist.

Der Papst machte klar, dass Konflikte stets Vorrang haben und offen besprochen werden müssen. »Kein Apostel versteckte sich und seine Position – sie trugen die Gegensätze offen aus.« Dies ist als eine Anspielung des neuen Papstes auf die gewundene und hinterfotzige Art der Kurie zu lesen, mittels Rufmord und Gerüchten Konflikte auszutragen. »Offenheit ist der erste Schritt«, predigt Franziskus.

Der Vatikan steht vor beträchtlichen inneren Veränderungen. Der Verbleib des alten Staatssekretärs Tarcisio Bertone, des Ratzinger-Vertrauensmannes und getreuen Fans von Berlusconi im Amt, wird vermutlich nicht mehr lange dauern.

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Personalaudioinformationstext:   Thomas Seiterich, Publik-Forum-Redakteur und Vatikan-Kenner, ist zur Zeit in Sizilien. Von dort erreichte uns sein Online-Beitrag über die jüngsten Ereignisse im Vatikan und die Reaktion der italienischen Öffentlichkeit.
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