»Barmherzigkeit ist das Allerwichtigste«
Herr Niedecken, seit der Apostel Paulus in seinem berühmten Brief an die Korinther über Glaube, Liebe und Hoffnung schrieb, sind die Christen sich ja irgendwie sicher: Das sind unsere wichtigsten Tugenden. Sehen Sie das auch so? Oder ganz anders?
Wolfgang Niedecken: Also, bei »Glaube, Liebe, Hoffnung« ist man ja schon ganz oben angekommen. Vielleicht kann man es ja auch ein bisschen kleiner angehen? Anstand ist zum Beispiel etwas ganz Wichtiges. Man muss immer bei sich selbst überprüfen: Verhält man sich anständig? Oder zieht man jemanden über den Tisch? Ob das in einer Beziehung ist oder ob wir uns hier gegenübersitzen. Oder man geht zum kategorischen Imperativ: Wenn mein Verhalten Gesetz werden könnte, weil ich mich so verhalte, wie ich auch gerne hätte, dass man sich mir gegenüber verhält – dann sinn mer doch do.
Sie sind rund um St. Severin in der Kölner Südstadt großgeworden. In der Legende vom Heiligen Severin heißt es, er habe die Musik der Engel hören können. Haben Sie das gewusst?
Niedecken: (lacht) Nein. Mit den Heiligen habe ich es auch nicht so. Obwohl ich einen meiner Söhne Severin genannt habe.
Mit Heiligen können Sie wenig anfangen?
Niedecken: Na ja, ihre Geschichten sind gut. Letztlich baut ja unsere gesamte Kultur auf diesen christlichen Geschichten auf, ob die nun wahr sind oder nicht. Meine Kinder sind nicht getauft, und ich habe ihnen dieses christliche Kulturfundament nicht vermitteln können. Wenn ich heute über etwas reden will, was in einem katholischen Kontext steht, dann wissen die gar nichts darüber. Und das ärgert mich.
Was sind denn konkrete religiöse Aspekte, die Ihnen viel bedeuten?
Niedecken: Religionen haben immer etwas Tröstendes. Sie haben auch immer einen Leitfaden gegeben, wie man durch dieses Jammertal kommt. Das ist ja ein Zitat aus dem Lied, was wir im Internat jeden Abend singen mussten: »Wir sind nur Gast auf Erden.« Und erst viel später ist mir aufgegangen, was wir da jeden Abend gesungen haben: Und wie kommen wir durch dieses Jammertal durch? Mit einem Leitfaden. Und furchtbar wäre natürlich die Erkenntnis: Es macht überhaupt keinen Sinn. Als Nihilist könnte ich nicht rumrennen.
Eines meiner Lieblingsstücke von Ihnen ist »Weißt du noch?«
Niedecken: Müssen wir unbedingt wieder mal spielen.
Das Lied ist eine Art Fotoalbum des katholischen Milieus, in dem Sie aufgewachsen sind. Unter anderem erzählen Sie vom Tag Ihrer Erstkommunion. Und wer dieses Lied hört, kann sich vorstellen: Dieses Milieu war für Sie Fluch und Segen zugleich.
Niedecken: Ja. Mein Vater war sehr religiös. Er hatte diesen ganz naiven Kinderglauben. Was aber auch in Ordnung war. Er stammte aus einer bäuerlichen Familie, ist nach Köln gezogen und hat sich an seinem Glauben festgehalten. Und dann wurden sie geschieden, er und die Mutter meines Halbbruders, und er hat darunter gelitten wie ein Schwein. Er ist jeden Sonntag in die Kirche gegangen und wäre so gern kommunizieren gegangen – aber er durfte nicht. Das war furchtbar unbarmherzig. Mittlerweile wird das ja Gott sei Dank mal diskutiert; für meinen Vater wäre das ein großer Segen gewesen. Meine Mutter war eher so: »Jaja, dä Herrjott ess in Ordnung.« Sie ist meinem Vater zuliebe in die Kirche gegangen. Ich habe auch daran geglaubt, dass mir ein Geistlicher die Sünden vergeben kann. Hat mir mein Vater beigebracht. Daran habe ich nicht gezweifelt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich als Kind, wenn ein Politiker im Fernsehen war, meinen Vater angeguckt und ihn gefragt habe, ob der okay ist oder nicht. Und wenn der gesagt hat: Der ist okay, dann war der auch für mich okay.
In Ihren Texten finden sich viele biblische Bilder. Ist die Bibel für Sie ein inspirierender Fundort?
Niedecken: Ja, auf jeden Fall. Ich habe in meinem Tourschrank immer eine Bibel, in der viele Klebezettel drin sind. Zum aktuellen Tourprogramm gehört auch das Stück »Prädestiniert«. An dem Abend, an dem ich das Stück geschrieben habe, suchte ich die Stelle »Alles hat seine Zeit«, aber ich habe sie nicht gefunden. Eigentlich wollte ich aufgeben. Da klingelt es an der Tür, und draußen stehen die Zeugen Jehovas. Ich hab gesagt: »Kommt rein, setzt euch!« Und dann haben wir einen anregenden Abend verbracht. Das waren nette Leute, die von ihrer Sache auch vollkommen überzeugt waren, und so eine Gelegenheit hatten die wohl noch nie. Normalerweise geht das ja so: Ach du lieber Gott! Jetzt stehen die Zeugen Jehovas schon wieder draußen! Aber das war wirklich schön. Und Kohelet 3, Vers 1 bis 8, das war die Stelle: Die hat uns an diesem Abend sehr beschäftigt.
Was verbinden Sie denn mit dem Gedanken »Alles hat seine Zeit«? »Prädestiniert« – da könnte man ja denken, alles sei vorherbestimmt!
Niedecken: Ob es so ist oder nicht, weiß ich nicht. Ich halte so vieles für möglich, und ich verhalte mich dementsprechend. Ich könnte mir vorstellen, dass ich vor demjenigen, der irgendwann zu urteilen hätte, lieber mit einem reinen Gewissen stünde. Ich benutze gelegentlich den Satz: »Ich bin mit mir im Reinen.« Ich muss auch manchmal harte Entscheidungen fällen in diesem kleinen Familienbetrieb, vor denen ich mich lieber drücken würde. Wenn ich dann aber selber merke: Jetzt hast du alles Mögliche getan, um dieses Ding anständig zu lösen, dann kann ich eine solche Entscheidung auch fällen.
Jetzt wissen wir ja, dass es einen neuen Erzbischof in Köln geben wird. Interessiert Sie das?
Niedecken: Das interessiert mich insofern, dass ich denke: Der neue Papst wird jetzt Gott sei Dank mal den ganzen Mief wegpusten! Ich interessiere mich erst in zweiter Linie für das, was hier in Köln passiert. Ich interessiere mich hauptsächlich für das, was in der sogenannten Dritten Welt abgeht. Da engagiere ich mich im Projekt Rebound für traumatisierte Kindersoldaten. Ich bin in Ländern in Afrika unterwegs, die erzkatholisch sind. Und für die der Papst wichtig ist. Nicht der Kölner Bischof. Aber auch der kann einiges auf den Weg bringen. Vielleicht auch, wie Menschen wieder den Zugang zu solidarischem Handeln, zur Hoffnung finden. Diese Richtschnur. Und wenn du dann jemanden hast, der wirklich barmherzig ist, dann ist das schon viel besser als so ein verknöcherter Typ, der ein Korinthenkacker in Gottes Namen ist. Barmherzigkeit ist doch das Allerwichtigste, was es in diesem Zusammenhang gibt.
Der Regisseur Edgar Reitz hat neulich im Radio gesagt: »Ohne die Liebe wäre ich niemals vom Uhrmacher zum Filmregisseur geworden.« Er meinte damit, dass das Filmen eine Liebe ist, die er immer in sich trug und die ihn nie verlassen hat. Geht es Ihnen mit Ihrer Arbeit ähnlich?
Niedecken: Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als ich zum ersten Mal den Weg von der Severinstraße 1 zum Ubierring ging, am ersten Morgen meines Studiums. Ich war so was von stolz und von glücklich, dass ich nicht mehr aufs Gymnasium gehen musste, sondern zur Hochschule für Bildende Kunst gehen konnte, in die Werkschule! Das war ein ganz erhabenes Gefühl. Und das war nichts, was ich mir vorher so vorgestellt hatte. Es hat mich einfach getroffen. Ich wusste: Das war der erste Schritt in die richtige Richtung.
Vor allem in Ihrer ersten Zeit haben Sie Songs geschrieben, die sehr verstörend waren, wütend und hoffnungslos. Heute engagieren Sie sich für Kindersoldaten.
Niedecken: Ich weiß ja, dass ich irgendetwas tun kann, um die Situation von einigen von denen zu verbessern. Und dann muss ich das auch tun. Ich finde auch, dass das anständig ist. Das gehört sich so. Ich habe früher immer gedacht, ich muss zu allem eine Lösung parat haben. Irgendwann musste ich mir mal eingestehen: Ich hab die Lösung nicht. Aber trotzdem kann ich darüber nachdenken. Und hoffe dann, dass mehr Leute drüber nachdenken. Und vielen Leuten fällt natürlich eher was ein als mir kleinem Rock ’n’ Roller.
Hoffnung in einem religiösen Sinn bedeutet ja auch, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist …
Niedecken: … wäre schön …
… ist das ein Gedanke, der Sie beschäftigt?
Niedecken: Jeder Mensch denkt darüber nach. Wenn dieser Gedanke wegfallen würde, welche Religion würde es dann überhaupt noch geben?
Der Tod macht Ihnen also keine Angst?
Niedecken: (lacht) Da bin ich zu kölsch für, ehrlich gesagt. Der Kölsche sagt: »Duhd ess duhd!« Ich habe meinen Kindern immer gesagt: Ich weiß nicht, ob es einen lieben Gott gibt. Aber wenn es den gibt, dann müsst ihr davor keine Angst haben. Dann ist der lieb.
