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Dürfen Streiks ein Land lahmlegen?

Die Lokführer-Gewerkschaft GDL ruft zum längsten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn auf. Auch die Pilotengewerkschaft Cockpit hat in diesem Jahr schon Streiks organisiert. Geht es nach der Regierung, sollen kleine Gewerkschaften künftig nicht mehr einzeln agieren. Steht das Streikrecht über dem Gemeinwohl? Ein Pro und Contra von Stephan Hebel und Wolfgang Kessler. Bei der Umfrage zu diesem Thema ist Ihre Meinung gefragt
vom 05.11.2014
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Ja, Streiks dürfen das Land sogar lahmlegen, sagt der Publizist Stephan Hebel (links), denn zu streiken ist ein Grundrecht. Nein, meint Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler, Beschäftigte, die an wichtigen Schaltstellen sitzen, dürfen ihre Macht nicht missbrauchen (Fotos: privat; Publik-Foum)
Ja, Streiks dürfen das Land sogar lahmlegen, sagt der Publizist Stephan Hebel (links), denn zu streiken ist ein Grundrecht. Nein, meint Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler, Beschäftigte, die an wichtigen Schaltstellen sitzen, dürfen ihre Macht nicht missbrauchen (Fotos: privat; Publik-Foum)

Stephan Hebel: Ja, das Streikrecht gilt, auch wenn es wehtut

Zugegeben: Die Lokführer-Gewerkschaft GDL hat das Ende der Geduld bei vielen Streikbetroffenen provoziert. Wenn streikende Arbeitnehmer urlaubenden Arbeitnehmern die Erholung verderben, ist Verständnis kaum zu erwarten. Die Antwort lautet dennoch: Ja, Streiks dürfen das Land sogar »lahmlegen«, auch wenn diese Formulierung übertrieben erscheint. Ein lahmgelegtes Land sieht anders aus.

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Niemand sollte das grundgesetzlich verbriefte Streikrecht infrage stellen, weil ihm der Anlass nicht passt. Grundrechte dann zu verteidigen, wenn es nicht wehtut, ist einfach. Erst wenn ihre Wahrnehmung etwas kostet, erweist sich ihr Wert. Deshalb ist es besser, einen unverhältnismäßigen Streik zu ertragen, als nach Einschränkungen des Streikrechts zu rufen, die dann später künftig jeden Arbeitnehmer treffen können.

Wenn Stahlarbeiter streiken, merken die meisten Menschen zunächst nichts. In der Dienstleistungsbranche betreffen Streiks automatisch viele Bürgerinnen und Bürger. Soll man die Beschäftigten dafür bestrafen?

Richtig ist: Die GDL kämpft auch darum, bei der Bahn stärkste Arbeitnehmervertretung zu sein. Aber warum? Weil die große Koalition ein Gesetz angedroht hat, das in einem Betrieb nur der mitgliederstärksten Gewerkschaft das Recht auf Tarifverhandlungen zugesteht. Das ist nicht nur ein Angriff auf das Streikrecht kleinerer Gewerkschaften. Es ist die falsche Reparaturmaßnahme für einen Schaden, den die DGB-Gewerkschaften zu verantworten haben: Sie haben den unterschiedlichen Interessen der Berufsgruppen nicht ausreichend Rechnung getragen.

Ja, diese Streiks können einen furchtbar ärgern. Aber viel ärgerlicher wären die Folgen, schränkte man das Streikrecht deswegen ein.

Wolfgang Kessler: Nein, kleine Gruppen missbrauchen nur ihre Macht

Es geht hier nicht um die Einschränkung des Streikrechts. Es geht um den Missbrauch der Macht durch Beschäftigte, die an Schaltstellen sitzen und die Wirtschaft lahmlegen können.

Für mich als Gewerkschaftsmitglied hat die Vertretung der Arbeitnehmer vor allem mit Solidarität zu tun. Doch den Gewerkschaften der Lokführer, der Piloten oder der Ärzte geht es nicht um eine solidarische Interessenvertretung der Beschäftigten, sondern um die egoistischen Sonderinteressen ihrer Mitglieder. Im Zweifel handelt es sich um Privilegien.

Zwar verdienen Lokführer nicht allzu viel. Allerdings werden sie angesichts ihrer Streikbereitschaft bald unverhältnismäßig mehr verdienen als Zugbegleiter, denn diese haben weniger Macht, ihre Interessen durchzusetzen. Verkäuferinnen verdienen schon heute deutlich weniger als Lokführer. Doch sie werden bald weiter zurückfallen, weil ihre Streikmacht überaus begrenzt ist. Irgendeine Möglichkeit zum Einkauf finden die Kunden immer.

Dass kleine Gewerkschaften oft Privilegien verteidigen, zeigen die Piloten. Sie versuchen mit ihrer Schlüsselstellung zehn Prozent mehr Lohn und eine großzügige Frühverrentung für ihre Mitglieder durchzusetzen, die am Karriereende rund 250 000 Euro im Jahr verdienen.

Es geht nicht darum, gesetzlich gegen Splittergewerkschaften wie die Vereinigung Cockpit oder die Gewerkschaft der Lokomotivführer vorzugehen. Andererseits muss klar erkannt werden, dass diese Gesellschaft immer unsolidarischer wird, wenn kleine Gruppen mit besonderer Streikmacht für sich Sonderrechte erstreiken – auf Kosten ihrer Kolleginnen und Kollegen, die diese Macht nicht haben. Dagegen hilft vor allem eines: Mehr Verantwortungsgefühl der Gewerkschaftsführer im Umgang mit ihrer Macht.

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Personalaudioinformationstext:   Stephan Hebel, geboren 1956, ist Publizist und Kommentator für Zeitungen und Rundfunk. Von ihm erschien gerade das Buch »Deutschland im Tiefschlaf«. Wolfgang Kessler, geboren 1953, ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur von Publik-Forum. Er verfasste zuletzt das Buch »Zukunft statt Zocken«.
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