»Dieser Moment, wo ich ostdeutsch werde«
Publik-Forum: Herr Schachtschneider, sind Sie ein Revolutionär?
Robert Schachtschneider: Nein, bin ich nicht. Für mich ist Revolution ein Wort aus der Erinnerung. Vor allem an 1989. Damals war ich vier Jahre alt. Da war ich allenfalls für meine Eltern ein Revolutionär.
Und heute gibt es nichts, wogegen Sie revoltieren? Wenigstens innerlich?
Schachtschneider: Doch. Mich regt auf, dass so viele von den Leuten, die den Umbruch damals auslösten, die auf der Straße waren und demonstriert haben, sich heute nicht mehr für Politik zu interessieren scheinen. 1989 wurden die Menschen von einfachen Botschaften erreicht: »Wir sind das Volk!« »Keine Gewalt!« »Demokratie – jetzt oder nie!« Es war ein gemeinsamer Kampf für Freiheit. Großartig! Heute gehen die, die diese Revolution vorangetrieben haben, oft nicht mal mehr wählen.
Hätte es nicht anders kommen müssen? Bei so viel Revolutionsgeist?
Schachtschneider: Eigentlich ja. Aber die Leute, die etwas gestalten wollten, haben ja schon kurz nach dem Herbst 1989 feststellen müssen, dass sie ihre Ziele und Ideale nicht teilen konnten. Sie sind vom Gesellschaftsmodell Deutschland West einfach dominiert worden. Letztendlich wurde die DDR übernommen, politisch und juristisch. Im Einigungsvertrag von 1990 ist vom »Beitritt« zur Bundesrepublik die Rede. Das Signal war: Niemand muss jetzt was Neues denken. Das Gesellschaftsmodell West muss einfach nur nachgelebt werden.
Ende der Revolution?
Schachtschneider: Ja ...
... das klingt ja furchtbar.
Schachtschneider: Stimmt. Aber ich mache der Generation meiner Eltern keinen Vorwurf. Sie wurde anteilslos, weil sie politisch kaum beteiligt wurde. Dazu kam: Die ersten Jahre nach der Revolution waren eine enorme Überforderung. Durch die neue Gesellschaftsordnung wurde alles durcheinandergewirbelt, man musste sich beruflich völlig neu aufstellen, sehen, dass man persönlich nicht unterging. Wie sollte da noch viel Zeit bleiben für politische Debatten?
Ist es das Schicksal von Revolutionären, dass sie das, was nach der Revolution kommt, nicht mehr in der Hand haben?
Schachtschneider: Solange die Revolution dauert, funktioniert sie als Massenbewegung. So war es auch mit der Friedlichen Revolution von 1989. Alle wollten Freiheit. Als die Freiheit dann da war, wurde schnell klar: Die vielen, die demonstriert haben, haben im Detail doch unterschiedliche Ziele. In Tschechien und Polen zum Beispiel, wo ja auch Revolutionen abgelaufen sind, haben sich danach alle an einen Tisch gesetzt und ausgehandelt: Wo gehen wir jetzt hin? So sind dann auch Revolutionäre in politische Führungspositionen gekommen, wie Vaclav Havel oder Lech Walesa. In Deutschland lief es anders. Das Aushandeln fand nicht wirklich statt, denn viele Plätze an den Verhandlungstischen waren schon an Westdeutsche vergeben. Die hatten ihr Modell im Kopf.
Sprechen Sie in Ihrer Familie heute noch von der Revolution? Oder schweigen alle?
Schachtschneider: Ich weiß, dass meine Eltern demonstrieren gegangen sind – und dass es schwierig war, nach draußen zu gehen. Aber seit langem ist das Gespräch zwischen uns – also zwischen meinen Eltern, meiner älteren Schwester und mir – davon bestimmt, was nach der Revolution kam.
Was kam denn danach?
Schachtschneider: In meinem Heimatort in Brandenburg hat sich viel verändert. Große Fabrikkomplexe stehen heute leer, Wohnungen verfallen, Tausende Menschen sind weggegangen. Und von denen, die dablieben, sind viele in die Arbeitslosigkeit abgerutscht. Also, die Euphorie der Revolution war schnell weg.
Ist das ein gemeinsame Erfahrung Ihrer Generation? Der viel beschworenen »Dritten Generation Ost«?
Schachtschneider: Ich weiß nicht, ob wir wirklich eine Generation mit einem gemeinsamen Lebensgefühl sind. Uns eint eigentlich nur die Erkenntnis, dass wir zwischen allen Stühlen sitzen. Aber wir machen unser Ostdeutschsein zum Thema. Aus einem Gefühl der Stärke, des Selbstbewusstseins heraus. Wir sprechen die Probleme, die es 25 Jahre nach der Revolution gibt, offen aus. Reden über Privatisierung, Korruption, Insider-Deals, die dazu geführt haben, dass Ostdeutschland verramscht wurde. Wir können gar nicht anders, denn die Veränderung, die durch die Revolution geschehen ist, ist unsere Erfahrung im Osten. Im Westen gab es ja für niemanden die Herausforderung, mit einer neuen Gesellschaftsordnung klar zu kommen.
Aber Sie mussten doch auch nicht mit einer neuen Ordnung klar kommen. Sie sind doch Nach-DDR-Geborener.
Schachtschneider: Trotzdem ist mein Lebensgefühl stark von dem Anpassungsdruck geprägt, unter dem meine Eltern standen. Von den Veränderungen, die meine Eltern selbst wollten, und von den Veränderungen, die ihnen aufgezwungen wurden. Diesen Druck, der sich aus der Veränderung ergab, habe ich als Kind und Jugendlicher erlebt. Er hat mich geprägt, auch wenn er mich in meinen Möglichkeiten nicht persönlich eingeschränkt hat. Ich hab im Ausland studiert, bin viel herumgereist. Ich konnte immer sagen, was ich denke. Diese Erfahrung von Freiheit hätte ich in der DDR nicht machen können.
Warum entsteht aus dieser Erfahrung, die Sie ja mit Menschen ihrer Generation teilen, kein gemeinsames Denken heute?
Schachtschneider: Vielleicht weil wir in alle Welt verstreut sind? Viele von uns sind ja nicht in Ostdeutschland geblieben. Wir sind überall. Und dann haben wir ja auch verschiedene Eltern und Großeltern. Angepasste. Stasi-Leute. Revolutionäre. Unser persönliches Erbe im Blick auf die Revolution ist also nicht gleich. Die innerfamiliären Konflikte, die wir erleben oder auch nicht –, die trennen uns.
Trennen die Sie auch von Ihren westdeutschen Freunden?
Schachtschneider: Oft habe ich das Gefühl, dass uns eigentlich nichts trennt. Aber dann gibt es Momente, in denen ich zum Ostdeutschen werde. Das sind die Momente, in denen ich merke: Die haben ja gar keine Ahnung von meiner Geschichte. Die wissen nichts vom Alltag, der meine Kindheit und Jugend bestimmt hat. Von dem Umbruch, den nur wir Ostdeutschen erlebten.
Haben Sie Angst, Ihren Eltern gefährliche Fragen zu stellen? Die Harmonie zu zerstören?
Schachtschneider: Eigentlich stelle ich alle Fragen. Wir diskutieren viel, offen und emotional. Aber meine Eltern, die ihre Sozialisierung in der DDR erfahren haben, und ich, das »Transitkind«, das im vereinten Deutschland groß geworden ist, denken oft sehr unterschiedlich. Manchmal verstehen wir wechselseitig nicht, was wir meinen. Das gilt für die Retrospektive auf die DDR genauso wie für gegenwärtige Probleme.
Wenn Sie es mit wenigen Worten beschreiben sollten: Wie ist Ihr Lebensgefühl heute?
Schachtschneider: Mir geht es super. Ich bin glücklich. Ich fühle mich immer wieder mal als Ostdeutscher. Das ist schon noch ein Label. Aber ich nehme es locker und spiele damit.
