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Wir sind Großinquisitor: Müller geht nach Rom

Benedikt XVI. ernennt Gerhard Ludwig Müller, den Bischof von Regensburg und Rechtsaußen in der Deutschen Bischofskonferenz, zum Pro-Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation. Das verheißt nichts Gutes
Gerhard Ludwig Müller, Bischof mit herrscherlicher Attitüde: Jetzt wird er der mächtigste Mann in Rom, gleich hinter dem Papst. (Foto: pa/Weigel)
Gerhard Ludwig Müller, Bischof mit herrscherlicher Attitüde: Jetzt wird er der mächtigste Mann in Rom, gleich hinter dem Papst. (Foto: pa/Weigel)

Aufatmen im Bistum Regensburg. Bangigkeit, ja Besorgnis in den Theologie treibenden Orden der Jesuiten, Dominikaner und Franziskaner sowie an vielen Universitäten in aller Welt: Werden katholische Theologinnen und Theologen künftig keine neuen und kreativen Wege mehr in Forschung und Lehre beschreiten können?

Gerhard Ludwig Müller, den dröhnenden Bischof mit herrscherlicher Attitüde, sind die Regensburger Katholiken nach einem Jahrzehnt voll rechtem Kirchenchaos endlich los. Nun macht der angeschlagene Papst Benedikt XVI. Müller zum Chef der römischen Glaubenskongregation. Sie ist den übrigen Behörden des Vatikans übergeordnet und besitzt in fast sämtlichen Fragen päpstlicher Politik und Lehre Mitsprachepflicht. Der matt wirkende Papst zeigt damit Entscheidungskraft. Er setzt mit dem Entscheid für einen theologischen Rechtsaußen und strengen Verfechter des römischen Zentralismus einen Richtungsentscheid. Benedikt will, dass es in Zukunft noch konservativer weitergeht als bisher.

Denn Müllers Vorgänger im Amt des Großinquisitors, der US-amerikanische Kardinal William Joseph Levada, hatte sich während seiner wenigen Amtsjahre in Rom als ein Konservativer mit Augenmaß entpuppt. Solches Augenmaß ist die überlebensnotwendige Technik für jeden Chef der römischen Glaubensbehörde. Denn angesichts eines theologischen Mitarbeiterstabes in Rom von maximal zwei Dutzend Theologen bei jährlich mehreren tausend eingehenden Fällen und Anzeigen würde jeder kleinliche Verfolger kleiner theologischer Abweichungen im Meer der Fälle untergehen.

Augenmaß dieser Art hat der Inquisitor Gerhard Ludwig Müller in seinen Regensburger Bischofsjahren nicht an den Tag gelegt. Im Gegenteil. Müller verhedderte sich im Klein-Klein von Auseinandersetzungen. Die trug der Streithansel-Bischof nicht selten vor den deutschen Gerichten aus. Die Beseitigung der Pfarrgemeinderäte und die Gängelung der Regensburger Theologieprofessoren waren ganz besonders wichtige Anliegen für Müller, der im Kontakt mit Nichttheologen, also mit ganz normalen Leuten von heute, eher gehemmt auftritt.

Benedikt XVI. holt sich mit Müller aber auch den schärfsten konservativen Widerpart der vom Papst umworbenen Traditionalistensekte der Piusbrüder ins zweitmächtigste Amt im Vatikan. Angesichts des Traditionalisten-Zentrums in Zaitzkofen im Bistum Regensburg war Müller dauerhaft mit den Piusbrüdern konfrontiert. Er bekämpfte sie theologisch – viel härter als der eine Generation ältere Dogmatikerkollege Joseph Ratzinger – ohne Wenn und Aber.

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Der angesichts der italienischen Intrigenskandale in der Kurie isolierte Papst holt sich mit Müller auch etwas menschliche Wärme nach Rom – einen Theologen aus Bayern, einen Süddeutschen, einen jüngeren Mann – ähnlich dem, der der heute 85-jährige Joseph Ratzinger selber einmal war, als er vom polnischen Papst Johannes Paul II. in den Vatikan berufen wurde.

In der vatikanischen Glaubenskongregation wird künftig wieder Deutsch gesprochen. Denn außer Müller hat auch der Sekretär der Kongregation, der Jesuit Luis Ladaria Ferrer, in Deutschland studiert.

Schwertun dürfte sich Müller mit der neuen Abteilung der Glaubenskongregation, in der weltweit die Anzeigen wegen sexueller Gewalttaten von Priestern gegen Kinder und Jugendliche behandelt werden. Denn Müllers Bistum Regensburg hinkt seit vielen Jahren in der Aufklärungsarbeit anderen Diözesen hinterher. Und Bischof Müller stand, als die Skandalwelle vor gut zwei Jahren losbrach, innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz für das Kleinreden und Vertuschen – nicht für den vom Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch durchgesetzten Kurs eines Offenlegens und Aufarbeitens. Opfern sexueller Gewalt durch Geistliche hat Müller kaum zugehört.

Gerhard Ludwig Müller ist für einen Bischof – und Kardinal – relativ jung. Er steht im 65. Lebensjahr. Vor der katholischen Weltkirche liegen vermutlich viele Jahre, in denen ein rauflustiger Erzkonservativer und römischer Zentralist im Bremserhäuschen der Glaubenskongregation wirken wird. Das sind alles andere als erfreuliche Aussichten.

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