250 Jahre USA
Mein Amerika
Als ich noch ein kleiner Junge war, gab es diesen Satz, der jedes kindliche Verlangen nach ein bisschen Luxus sofort zerstörte: »Um uns das leisten zu können, bräuchten wir einen reichen Onkel in Amerika.« Meine Verwandten lebten aber nicht am fernen Sehnsuchtsort, sondern in der südniedersächsischen Provinz. Also musste die teure Märklinlokomotive im Schaufenster bleiben und wir drängten uns mit vier Kindern auf die Rückbank eines VW Käfer. Tröstlich war allerdings, dass auch die meisten Menschen in unserer Umgebung keinen reichen Onkel in Amerika hatten. Erst viele Jahre später begriff ich, woher diese allgegenwärtige Redewendung kam. Es waren nicht nur die unmittelbaren Erinnerungen an Luftbrücke und Rosinenbomber, an Marshallplan und GIs, die als großmütige Besatzer ihre Kaugummi- und Schokoriegel mit den Kindern in den Ruinen der Städte geteilt hatten. Es waren auch die Fernsehbilder, die der legendäre ARD-Korrespondent Peter von Zahn in den 1950er-Jahren in die Wohnstuben der Deutschen brachte. Wer seine Reportagen sah, musste glauben, dass die durchschnittliche US-Familie auf einem weitläufigen Grundstück mit riesigem Holzhaus und einem Briefkasten zur Straße wohnte. Die Kinder wurden morgens mit dem gelben Schulbus abgeholt und nachmittags vor dem eigenen Haus abgesetzt. Der Vater fuhr natürlich einen Straßenkreuzer und die Mutter führte stolz vor, wie elektronische Wundermaschinen ihr die lästige Arbeit des Wäschewaschens und Geschirrspülens abnahmen. Die heile Welt des – natürlich ausschließlich weißen – Amerikas lieferte die perfekten Bilder für die Sehnsüchte des Wirtschaftswunder-Deutschlands.
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Arnd Henze ist WDR-Redakteur, Filmemacher und Publizist. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise. Sein Buch »Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht« ist im Publik-Forum-Shop erhältlich (Bestell-Nummer 20347). Henze hat Theologie studiert und ist Mitglied der EKD-Synode.

