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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2018
Kennen wir uns?
Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch
Der Inhalt:

Zwei für Franziskus

Wie tickt die katholische Jugend? Das will der Papst im Hinblick auf die geplante Jugendsynode im Herbst wissen. Er lud 300 junge Menschen nach Rom ein. Mit dabei waren Thomas Andonie und Magdalena Hartmann, die für zwei Strömungen des jungen Katholizismus stehen
Zwei junge Katholiken: Magdalena Hartmann gehört der Schönstattbewegung an, Thomas Andonie ist Vorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, auf Einladung des Papstes diskutierten sie mit vielen anderen  in Rom über die Wünsche der Jugend an die Kirche (Foto: kna)
Zwei junge Katholiken: Magdalena Hartmann gehört der Schönstattbewegung an, Thomas Andonie ist Vorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, auf Einladung des Papstes diskutierten sie mit vielen anderen in Rom über die Wünsche der Jugend an die Kirche (Foto: kna)

Thomas Andonie und Magdalena Hartmann hätten sich vielleicht nie kennengelernt, wäre da nicht Papst Franziskus. Der will sich auf der sogenannten Jugendsynode, die sich im Oktober mit dem Thema Jugendliche, Glaube und Berufung beschäftigt, nicht allein auf seine Bischöfe verlassen. Er sammelte vorab per Internet Stimmen von jungen Leuten zwischen 16 und 29 Jahren und berief eine Vorsynode ein, bei der 300 Jugendliche ein gemeinsames Dokument erstellten. 16 Seiten sollen nun die Lebenswirklichkeit von jungen Menschen weltweit abbilden. Wo doch schon zwei so unterschiedlich sind, wie der 27-jährige Thomas Andonie, Vorsitzender des Dachverbandes Bund der Deutschen Katholischen Jugend, und die 22-jährige Magdalena Hartmann von der apostolischen Schönstattbewegung Mädchen/Junge Frauen. Zumindest auf den ersten Blick.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 09/2018 vom 11.05.2018, Seite 36
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Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch

Zwei Wochen nach dem Jugendtreffen in Rom sitzt Magdalena, die in Heidelberg Musiktherapie studiert, in der Aprilsonne auf ihrem Balkon, bietet selbst gemachten Eistee an und erzählt freimütig von sich. Sie ist auf dem Land in Rottenburg-Oberndorf großgeworden, in einem katholischen Elternhaus mit sechs Geschwistern. Seit sie mit zehn Jahren mit den Schönstättern Ferien machte, fühlt sie sich von der theologisch eher konservativen geistlichen Bewegung mit ihrer tiefen Frömmigkeit angezogen. Nach dem Abitur hat sie in der Schönstätter Wohngemeinschaft »Farbenspiel« gelebt, begleitet von einer Ordensschwester. Eine prägende Zeit.

Thomas Andonie wurde seine katholische Sozialisation nicht unbedingt in die Wiege gelegt. »Meine Mama ist überhaupt nicht kirchlich gebunden.« Er sitzt in seinem Büro im Jugendhaus Düsseldorf, der Bundeszentrale für katholische Jugendarbeit, repräsentiert 660.000 junge Menschen und sagt: »Ich bin da so reingerutscht.« Er ist im bayerischen Weiden aufgewachsen, in einem »typisch katholischen Dorf«, ging zur Kommunion, wurde Messdiener, trat der sozial engagierten Kolpingjugend bei. »Ich habe gemerkt, dass da was in mir war, und wollte darüber sprechen.« Die Fragen des kirchenunerfahrenen Jungen provozierten: »Warum sind nur Männer Priester? Warum darf nur der Pfarrer die Messe halten?« In seinen Gruppenleitern fand er Ansprechpersonen. »In den Jugendverbänden habe ich gelernt, dass meine Stimme zählt.« Auch heute geht er keiner Diskussion aus dem Weg. »Mir hat das geholfen, meinen Glauben erwachsen werden zu lassen, in einer komplexen, dynamischen Welt, in der ich immer wieder schauen muss: Wo sind denn die Spuren Gottes?«

Morgenimpuls aufs Handy

Für Thomas, der mit drei Geschwistern von seiner Mutter allein großgezogen wurde, war Gott »ein bisschen wie ein Papa, ein väterlicher Freund«. Heute ist er, einen Meter neunzig groß, mit seinem gutmütigen Lachen für etliche Jugendliche wohl selber sowas wie ein väterlicher Freund. Stolz erzählt er, was sie in den Verbänden leisten oder wie er an Ostern für »seine« Jugendgruppe daheim spontan einen Kreuzweg aus dem Ärmel zaubert. Gott, sagt Thomas, sei jemand, der ihn herausfordere und ihm einen Gewissenskompass biete, der ihm aber keine Entscheidung aufdrücke. Er trifft seinen »Coach« manchmal abends im Gebet, in einer Meditation oder auch »in einer schönen Vesper«. Dann kann er sich fallen lassen und einfach mal still sein.

Magdalena sind Morgen- und Abendgebet tägliche »Ankerpunkte«. Jeden Morgen bekommt sie per WhatsApp einen geistlichen Impuls als Sprachnachricht aufs Handy, abends liest sie in der Bibel. In Heidelberg hat sie einen »Schönstattkreis« für Studentinnen gegründet, in dem einmal im Monat zusammen gesungen, gebetet, diskutiert wird. Ihr kindliches Gottesbild habe sich völlig verändert, besonders, seit sie den Roman »Die Hütte« von William P. Young gelesen hat. Darin wird die Dreieinigkeit Gottes verkörpert von einer fürsorglichen Afroamerikanerin, einem hebräischen Handwerker und einer Asiatin, die sich um den Garten kümmert. Mit dem Buch, sagt Magdalena, habe sie »einen freien Blick« darauf gewonnen, dass es bei Gott viele Perspektiven gebe.

Hat auch jemand wie Magdalena Zweifel? »Krasse Glaubenskrisen hatte ich nicht, aber schon Phasen, wo ich mich gefragt habe, ob das ganze Sinn ergibt. Ich saß in der Messe, und es fühlte sich falsch an, das Glaubensbekenntnis mitzusprechen, weil ich einiges nicht so empfunden habe.« Magdalena war da etwa 16 Jahre alt. »Konkret darüber gesprochen habe ich nicht, das habe ich mich damals nicht getraut.« Erst später, in der Schönstatt-WG, fand sie dafür Raum.

Seit sie jetzt bei der Vorsynode in Rom mit so vielen Leuten diskutiert hat, traut sie sich noch mehr. Sie hat gemerkt, dass man verschiedene Ansichten haben kann. Magdalena war etwa dagegen, dass die »Schönstattmädels« dem BDKJ beitreten, aus Sorge, das geistliche Schönstatt-Profil könnte sich in der politischen Agenda des Dachverbandes verlieren. »Beim Weltjugendtag ist nicht das Erste, was ich hören will: ›Trinkt keine Coca-Cola.‹ Das ist zwar unterstützenswert, aber Glaube und Spiritualität sind wichtiger.«

Die Schönstattmannesjugend hingegen hat sich vor Kurzem dem BDKJ angeschlossen und Thomas freut sich darüber. Er hält von den Vorurteilen – hier der eher linkspolitische BDKJ, dort die braven frommen Schönstätter – überhaupt nichts. Ihm ist die Vielfalt der Jugendverbände wichtig, die spirituelle Angebote gestalten und sich aus ihrem Glauben heraus engagieren, auch politisch. »Klar gibt es Leute, die sagen: Die beten mir zu wenig. Aber wer bin ich denn, jemanden aufzufordern, mehr zu beten?«

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Thomas sieht sein Christsein darin verwirklicht, sich für eine Welt zu engagieren, in der alle Menschen die gleiche Würde haben und ihre Charismen entfalten können. »Es ist ja auch meine Verantwortung, dass das Reich Gottes kommt.« Das diskutiert er auch mit Jugendbischof Stefan Oster, wenn dieser die Verbände ermahnt, sie mögen doch bitte das Evangelium nicht vergessen. Von der Wand in Thomas’ Büro schauen die Gesichter seiner Vorgänger, im Hintergrund die Christusfahne der katholischen Jugendbewegung. Sie erinnern ihn an die politische Tradition des BDKJ, den Widerstand gegen die Nazis und daran, dass keine Autorität auf Erden sich an die Stelle Gottes setzen darf.

»Es ist nicht göttlich gefügt, dass nur Männer Priester sein dürfen«

Dass es viele Wege zu Gott gebe, habe auch die interreligiöse Vorsynode mit Jugendlichen aus aller Welt gezeigt. Thomas und Magdalena – sie beide seien auf einem anderen guten Weg zum gleichen Ziel. »Es zweifelt ja niemand von uns an Jesus oder wichtigen Grundlagen, sondern es geht darum, wie wir Kirche leben. Und da müssen wir eben immer wieder in den Ring steigen.«

Als BDKJ-Vorsitzender bringe er »Reizthemen«, wie Priesterinnen, Homosexuelle, Geschiedene, nicht auf, um sich zu profilieren, sondern weil es um konkrete Menschen geht, denen es die Kirche erschwert, ihre Charismen zu entfalten. »Ich kenne Frauen, die sich zur Priesterin berufen fühlen und denen das verweigert wird. Es ist doch nicht göttlich gefügt, dass nur Männer dieses Amt ausüben.« »Jesus war aber einfach ein Mann«, sagt dagegen Magdalena. Deshalb müssten auch die Stellvertreter Gottes Männer sein.

Doch auch sie möchte mehr Frauen in kirchlichen Führungspositionen sehen und könnte sich beispielsweise Diakoninnen vorstellen. Franziskus habe die Jugendlichen gebeten, kein Blatt vor dem Mund zu nehmen, und das tut Magdalena auch nicht. Ein Erlebnis in ihrer Sprachgruppe ist ihr in besonderer Erinnerung: »Als eine Vertreterin aus Österreich und ich auf Homosexualität zu sprechen kamen, haben uns die Delegierten aus Indien und Russland irritiert gefragt, ob wir wirklich für katholische Jugendliche sprechen.« Auf einmal fand sich Magdalena in der für sie ungewohnten Rolle, Homosexuelle zu verteidigen. Viele in der Schönstattbewegung machten bei diesem Thema drei Kreuzzeichen, sagt sie. Auch sie tue sich da schwer. »Aber ich habe für mich noch keine endgültige Antwort gefunden.« Sie wolle jedenfalls nicht, dass Homosexuelle sich von der Kirche ausgeschlossen fühlen.

Kirche ist kein exklusiver Club

Thomas findet es schade, dass junge Menschen sich in persönlichen Fragen wie der nach der eigenen Sexualität an andere Autoritäten wenden, weil sie die Sexualmoral der Kirche kaum ernst nehmen könnten. »Vieles ist ja gut und richtig. Eine Liebe, die lebenslang hält – das ist etwas, was sich viele Jugendliche wünschen.« Thomas will eine kirchliche »Willkommenskultur«, keinen exklusiven Club. Papst Franziskus habe ja auch gesagt, eine zerbeulte Kirche sei ihm lieber als eine mit hohen Mauern.

Auch Magdalena wirkt nicht, als wolle sie sich einmauern. Sie ist zu interessiert an anderen. In Rom war sie beeindruckt von der Muslimin in ihrer Gruppe. »Ich glaube schon, dass es auch in anderen Religionen Wahrheit gibt.« Magdalena faszinieren Frauen, die aus ihrem Glauben heraus das Kopftuch tragen. Sie selber trägt eine Halskette, daran Maria mit dem Kind.

Die Vorsynode hat sie ermutigt: »Es war ein Raum, wo die Jugend wirklich sprechen durfte. Aber ich hätte mir ehrlich gesagt gewünscht, dass dort auch Bischöfe sind, die uns zuhören, anstatt dass bei der Synode im Oktober nur ein totes Stück Papier vorgelesen wird.« Auch Thomas hofft, dass es nicht dabei bleibt. »Junge Menschen können für sich selbst sprechen.« Außer den beiden Delegierten der deutschen Bischöfe wurden übrigens noch sechs weitere junge Deutsche direkt vom Vatikan gebeten, an der Vorsynode teilzunehmen. Jugendbischof Stefan Oster war recht verwundert, als junge Leute anriefen, um ihm das mitzuteilen. Bei einem jungen Theologen aus Eichstätt, erzählt Magdalena belustigt, sei die Mail aus dem Vatikan gar im Spam-Filter hängen geblieben. Berufungen hängen eben manchmal an Kleinigkeiten.

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