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Vom Glück und Unglück des Pilgerns

von Thomas Seiterich 04.06.2017
Pilger gehen mit Gottvertrauen und leichtem Gepäck. Sie sind unterwegs, um in der Ferne Frieden zu finden. Doch es kann auch Unvorhergesehenes passieren, ein Unfall zum Beispiel. Thomas Seiterich ist es so auf dem Jakobsweg in Spanien ergangen. Doch er fand unverhofft barmherzige Samariter
Unterwegs nach Santiago de Compostela: Beim Pilgern kann man manchmal Überraschendes erleben. (Foto: Seiterich)
Unterwegs nach Santiago de Compostela: Beim Pilgern kann man manchmal Überraschendes erleben. (Foto: Seiterich)

Pilger sind bedürftig. Sie sind auf die Menschen angewiesen, durch deren Orte sie kommen, und die nehmen sie in der Regel freundlich auf. Wer auf den wenig begangenen Wegen mit der Jakobsmuschel in Richtung Santiago de Compostela pilgert, wird von den Einheimischen mindestens gegrüßt. Fragen nach dem Weg oder einer Bar, in der es Kaffee gibt, beantworten die Bewohner gerne, manchmal laden sie die Pilger sogar zum Essen ein oder schenken ihnen Süßigkeiten.

Die Pilger erinnern die Menschen daran, dass es noch etwas anderes gibt, als das eigene mühevolle, von Arbeit bestimmte, sesshafte Leben. Und manchmal ereignen sich zwischen Einheimischen und Pilgernden geradezu wunderbare Geschichten.

Mir ist es jüngst so ergangen. Es war an einem Sonntag, zwölf Uhr mittags, als ich auf dem wenig begangenen Pilgerweg der Via de la Plata, von Sevilla nordwärts in Richtung Santiago de Compostela, schwer stürzte. Wir waren an einem Kreisverkehr angekommen, im Asphalt tat sich ein Loch auf. Und da passierte es: Ich knickte mit meinem rechten Fuß um, fiel auf den Asphalt und knallte ungebremst mit dem Kopf auf den Boden. Meine Hände, die mich hätten abstützen können, steckten in den Schlaufen meiner Wanderstöcke fest.

Überall Blut. Meine Stirn, meine Hände, Hemd und Hose blutig. Ich bot einen schrecklichen Anblick. Meine zwei Mitpilger halfen mir hoch. Setzten mich auf die Leitplanke, gaben mir Papier, um mich ein wenig zu säubern.

Plötzlich fährt ein weißer Transporter in den Kreisverkehr. Darin sitzen zwei spanische Arbeiter, Männer um die fünfunddreißig mit Tattoos und dunklen Sonnenbrillen. Sie halten. Was sich dann abspielt, kann mithalten mit der biblischen Geschichte vom barmherzigen Samariter.

»Hombre, du siehst gerade scheiße aus«

Die Männer geben mir Wasser, damit ich meine Hände waschen kann. »Hombre, du siehst gerade scheiße aus«, sagt einer der beiden. Es dauert etwas, bis sie mir anbieten: »Wir nehmen dich dorthin mit, wohin du heute gehen möchtest.« Unser Etappenziel heißt heute Guillena, ein großes Dorf in Andalusien. Die beiden Arbeiter räumen die Bank neben dem Fahrersitz frei. Meine Frau und ich steigen ein. Einer der beiden Männer verstaut unser Gepäck im dunklen Transportraum und setzt sich selbst dazu. Der andere startet den Transporter.

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Eigentlich ist ihr Ziel gar nicht Guillena. Die beiden Arbeiter wollen ganz woanders hin, wie ich während der Fahrt erfahre. In Guillena angekommen, fragt mich unser Fahrer, wohin er uns bringen soll. »Zur Kirche«, antworte ich. »Von dort aus finden wir weiter zum vorgebuchten Quartier.« Da fällt dem Mann ein, dass es in dem Dorf eine »Urgencia« geben müsse, einen staatlichen Gesundheitsposten. »Du siehst zu schlimm aus«, sagt er und ignoriert meine Bitte. Er fragt sich durch zur Urgencia.

Als wir ankommen, warten schon drei Sanitäter auf mich. Mein Fahrer hat uns telefonisch angemeldet. Die beiden männlichen Sanitäter haken mich unter, führen mich durch die Menge von wartenden Patienten hindurch. In aller Genauigkeit untersuchen mich erst die Sanitäterin, dann die beiden Sanitäter. Als sie ausschließen können, dass eine Art Schlaganfall oder eine Ohnmacht zu meinem Sturz geführt hat, legt sich ihre Anspannung. Sie versorgen die große Schürfwunde auf meiner Stirn und Nase. Sie zeigen meiner Frau, wie sie mit Jod an den kommenden Tagen die Wunde zu versorgen hat.

Sie sagen uns, dass die Wunde auf dem Pilgerweg mit einem Kopftuch vor Staub, Dreck und Insekten geschützt werden müsse. Dann entlassen sie uns. Im harten Bett der Unterkunft zittere ich anschließend zwei Stunden lang, so sehr bin ich geschockt.

Doch dann setzt auf der Straße die Blasmusik ein. Es ist die große Osterprozession des Dorfes. Viele Dutzend Männer aus Guillena tragen die Prachtfiguren des auferstandenen Christus und der Virgen, der Gottesmutter Maria, hin und her über die Hauptstraße. Hinterdrein Eis schleckend die Kinder, auf High Heels, im Kostüm und mit Kinderwagen die jungen Mütter – das Gottesvolk des Ortes.

Kleine Freuden und großes Glück

Wer pilgert, setzt sich Zufällen aus. Auch Unfällen, so wie ich am Ostersonntag auf dem Jakobsweg in Andalusien. Doch wer sich leicht macht, den Ballast zu Hause lässt und lospilgert, erfährt meist auch großes Glück.

Ich bin schon mehrfach auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen. Das Leben reduziert sich dabei aufs Gehen und wird ganz einfach. Im Laufe der vielen Etappen werde ich innerlich ganz still, zufrieden mit meinem Dasein und sehr bescheiden. Kleine Freuden wie zum Beispiel ein Schattenplatz auf sonnenheißer Strecke oder eine geöffnete Bar in einem Dorf machen das Leben schön. Am härtesten sind stets die verfluchten letzten Kilometer, in der Mittagshitze oder vom Regen durchnässt, vor dem Tagesziel. Am besten aber ist das Ankommen.

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Maria Obermeier
06.06.201710:34
Diese Artikel gefällt mir sehr gut und würde ihn gerne in unsere Pfarrzeitung geben . Ist das möglich?

Mit freundlichen Grüßen,
Maria Obermeier
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