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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2017
Was heißt Auferstehung?
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Patrick Roth und der Theologin Margareta Gruber
Der Inhalt:

Verhelfen Katholiken Le Pen zum Sieg?

Bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich an diesem Sonntag könnte es die rechtsextreme Marine Le Pen auch dank der Katholiken in die Stichwahl schaffen. Es fehlt ein klares Wort der französischen Bischöfe

Der Wahlkampf in Frankreich wird gern als Wahl-Krampf bezeichnet angesichts der zahlreichen Korruptionsfälle sogenannter Spitzenpolitiker. Auch gegen Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin der Rechtsextremen, wird ermittelt. Doch selbst ihre Bindung an den Freund und Gönner Wladimir Putin verzeihen ihr ihre Fans gern. Le Pen liegt in Umfragen mit 22 Prozent nur knapp hinter Emmanuel Macron (23 Prozent) für den ersten Wahlgang am 23. April. Noch erstaunlicher ist: So viele Katholiken wie nie zuvor, 26 Prozent, wollen angeblich Le Pens Front National (FN) wählen.

Andere Umfragen nennen sogar 29 Prozent. Schon bei den Regionalwahlen 2015 hatten 25 Prozent der »praktizierenden Katholiken« FN gewählt. Das heißt im Umkehrschluss zwar, dass 75 Prozent der praktizierenden Katholiken nicht Le Pen wählen, sondern mehrheitlich die bürgerliche Rechte. Aber der FN wird auch deshalb stark bleiben, weil die bisherigen Sympathien der Christen für die bürgerliche Rechte nach den Betrugsaffären »ihres« Kandidaten François Fillon schwinden. Fillon hatte sich als seriöser, kirchentreuer und überzeugter Katholik präsentiert. Tatsache ist: »Die Verbindung mit dem Katholizismus verhindert nicht mehr wie einst die Option für den FN«, betont der Politologe Claude Dargent.

Aus der EU austreten?

Politologen nennen den FN nach wie vor rechtsextrem, selbst wenn sich Marine, die seit 2011 Parteichefin ist, moderater äußert als ihr Vater Jean-Marie Le Pen. Dieser fiel als Gründer des FN 1972 durch antisemitische Hetzparolen auf, mehrfach wurde er deswegen verurteilt. Marine Le Pen will dagegen einen »normalen« FN präsentieren. Sie selbst bezeichnet sich sogar als »prozionistisch«. Gleichzeitig jedoch warnt die Politikerin vor jüdischen Finanzexperten. Absolut nationalistisch ist ihre abschreckende und abschottende Ausländer- und Flüchtlingspolitik. Zu einer starken Nation gehört für sie der Austritt aus der Europäischen Union.

Unter Katholiken hat Marine Le Pen Zustimmung gefunden, weil sie ständig die »christlichen Wurzeln Frankreichs« beschwört: Deswegen will sie die Kirchen nicht attackieren, auch wenn »der Klerus nur in die Sakristei gehört«. Marine Le Pen, geboren 1969, nennt sich zwar eine Katholikin, doch sie bekennt, den Glauben nur sehr selten zu praktizieren. Sie lobt die Laicité, die Trennung der Religion vom Staat, betont aber: Die Muslime könnten diese Laicité wegen ihrer Bindung an den alles bestimmenden Koran prinzipiell nicht anerkennen. Deswegen passe »der« Islam nicht nach Frankreich. Le Pen gibt sich nicht offen rassistisch, verbreitet aber eine strafrechtlich nicht so leicht greifbare Anti-Islam-Ideologie. Ihr Ziel: Muslime dürfen nur noch privat oder in schlichten Moscheen beten; der Islam soll aus der französischen Öffentlichkeit verschwinden. Er gilt als »der Feind«, der »eine Okkupation im Land vorbereitet«.

Warum Katholiken für den Front National stimmen

Französische Katholiken stimmen für den Front National, weil sie dort ihre alte Liebe zur Nation wieder pflegen und die Wiederkehr der angeblich guten alten Zeiten erträumen können, in denen es noch keine gesetzlich erlaubte Homo-Ehe und Abtreibung gab. Ausschlaggebend ist ferner die Angst vor dem islamistischen Terror und die Sehnsucht nach mehr Kontrolle und Sicherheit. Zur »Normalität« des FN tragen auch progressivere katholische Kreise bei. So präsentiert etwa die katholische Wochenzeitung La Vie, Auflage 99 000, Anfang März auf ihrem Titelblatt Marine Le Pen. In einem vierseitigen Interview kann die Präsidentschaftskandidatin in aller Ausführlichkeit ihre Behauptungen ausbreiten; die Deutungshoheit liegt eindeutig bei der FN-Führerin.

Vor allem Marion Maréchal-Le Pen, die Nichte von Marine Le Pen, verstärkt die Sympathien von Katholiken fürs Rechtsextreme. Die 27-jährige FN-Abgeordnete in der Pariser Nationalversammlung ist im konservativen katholischen Milieu großgeworden. Sie besuchte ein Mädchen-Gymnasium der mit Rom versöhnten traditionalistischen »Dominikanerinnen vom Heiligen Geist« und nimmt gern an den von reaktionären Katholiken organisierten Wallfahrten nach Chartres teil. Sie war die treibende Kraft, als sich eine katholische Massenbewegung 2013 mit dem FN in den Demonstrationen gegen die »Homoehe« verbündete.

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Dem FN nicht abgeneigt ist neben einigen anderen Bischöfen Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie kurz vor den Regionalwahlen ungehindert ihre Ideologie verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 Prozent aller Wähler. »Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen«, schreibt der Theologe Christian Terras. Gegen die Annäherung von Katholiken und FN gibt es unter den Bischöfen nur schwachen Widerspruch.

Ein Brief der Bischofskonferenz

Deutlich wurde nur ein Laie, der Koordinator der katholischen Menschenrechtsorganisation ACAT, Jean-Etienne de Linares: »Die Verbindung von FN und Rassismus ist evident. Der FN spricht dem anderen, dem Muslim, den Wert als Mensch ab. Ich bedauere, dass die Kirche nun aus dem FN eine respektable Partei macht.« Eher zaghaft erklärte später Erzbischof Laurent Ulrich von Lille: »Man kann nicht Christ und fremdenfeindlich sein.« Den FN nannte er nicht.

Die Französische Bischofskonferenz hat im Oktober 2016 einen Text veröffentlicht, der sich an »alle Bewohner des Landes« richtet. Darin ist vom allgemeinen Zerfall der politischen Kultur die Rede. Aber mit keinem Wort wird eine der Hauptschuldigen genannt: Marine Le Pen und ihre Partei. Zudem wurde diese Mahnung nur als Buch in einer Auflage von 10 000 Exemplaren verkauft. Mit dem Satz: »Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bischöfe sagten, wen man wählen soll«, hat sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier von Marseille, aus der Affäre gezogen. Zwar warnte er auf der Vollversammlung der Bischöfe im März erneut vor einer muslimfeindlichen Politik, doch Le Pen erwähnte er nicht namentlich. Radikaler denkt Jacques Gaillot, der ehemalige Bischof von Evreux, der von Johannes Paul II. im Januar 1995 seines Amtes enthoben wurde. Gaillot unterstützt den trotzkistischen Kandidaten Philippe Poutou von der »Neuen Antikapitalistischen Partei«.

Die Protestanten, deren Anteil an der Bevölkerung nur zwei Prozent beträgt, wählten bisher eher links. Aber auch bei ihnen ist – vor allem im Elsass – eine starke Nähe zu den Rechtsextremen zu beobachten. Immerhin hat der Präsident des protestantischen Kirchenbundes, François Clavairoly, klar vor dem FN gewarnt.

Den aussichtsreichsten Kandidaten Emmanuel Macron (»En Marche«) empfinden viele Katholiken als zu wenig spirituell. Er verweist auf seine Ausbildung in einer Jesuitenschule in Amiens. Selbst wenn Macron im zweiten Wahlgang zum Präsidenten gewählt wird: Die etwa zehn Millionen FN-Wähler werden sich vom Ungeist der Rechtsextremen kaum distanzieren.

Kommentare
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Thomas Kopfer
05.05.201713:52
Für mich stellen sich zwei Fragen:
Nach so viel Jahren Demokratie und Wahlen in Europa und Frankreich sowie 70 Jahren Frieden - müssen die Intellektuellen und Geistlichen nicht den Wählern die Mündigkeit, das Erwachsensein und die richtige Wahl selbst überlassen bzw. wie in den USA, sie auch die negativen Konsequenzen ausbaden lsssen?!
Ist die Kirche überhaupt über ihre Bischöfe dazu ermächtigt worden oder nicht bzw. sollte es nicht genügen, wenn das Spitzen-Management nur ein paar erfüllbare Kriterien vorgibt, die aus kirchlicher Sicht ein künftiger Präsident zu erfüllen habe, wie Religions- und Meinungsfreiheit, kein Fremdenhass oder -verachtung, Menschenrechte auch für Zugezogene und Asylwerber aus den Kolonien, gleiche Schul- und Berufschancen für alle usw. Das ist doch mehr als genug.
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