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»Keinen! Frieden! Mit der AfD!«

von Anne Strotmann 12.05.2018
Vor dem Stadtmuseum in Münster zieht der Demonstrationszug vorbei. Er wird von der AntiFa angeführt, die schwenkt Fahnen und brüllt: »Keinen! Frieden! Mit der AfD!« Aus dem Museum stürzt eine Frau, sie stellt sich zu mir an den Straßenrand und sieht besorgt aus ...
»Keinen! Frieden! Mit der AfD!« Nicht weit vom Dom, vor dem Stadtmuseum in Münster, zieht der Demonstrationszug vorbei. (Foto: pa/dpa/Robert B. Fishman)
»Keinen! Frieden! Mit der AfD!« Nicht weit vom Dom, vor dem Stadtmuseum in Münster, zieht der Demonstrationszug vorbei. (Foto: pa/dpa/Robert B. Fishman)

Ihr Blick gleitet unruhig durch die Menge. »Mein Sohn macht da auch mit«, sagt sie. Sie arbeite im Museum. Jetzt, wo sie das Geschrei hört, wolle sie doch mal nach ihm schauen. Es sei ja richtig, gegen die AfD zu demonstrieren, wenn sie gerade nicht arbeiten müsse, würde sie es auch tun, aber so aggressiv? Wo soll das hinführen? Jetzt wird der Zug ruhiger, es ziehen Regenbogenfahnen vorbei, die meisten schweigen. Endlich hellt sich ihr Blick auf. »Da ist er!« Sie winkt. Ein junger Mann lächelt uns an, er trägt die Fahne der JuSos, eine Faust, die eine Rose trägt.

Drinnen im Stadtmuseum gehe ich durch die Ausstellung »Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden«. Der Westfälische Friede, der 1648 hier in Münster ausgehandelt wurde und den Dreißigjährigen Krieg beendete, war der deutschen Bevölkerung jahrhundertelang nicht genug. Er wurde als Schmachfrieden angesehen, weil er nicht zu einem Deutschen Nationalstaat geführt hatte. Zu seinem 250. Jubiläum plante der Münsteraner Altertumsverein ein Friedensdenkmal. Nur unter Protest wurde es 1905 eingeweiht. Sieben Meter hoch. Es zeigt die Friedensgöttin Pax auf einem hohen Sockel. Unten steht ein Soldat, der sein Schwert niederlegt. Auch die Standarte, die Truppenfahne, ist schon abgelegt. Der Bildhauer Wilhelm Bolte verzichtete auf jedes Zeichen oder Attribut des Sieges. Offenbar war das Friedensdenkmal in Münster im Deutschen Kaiserreich das einzige, das sich ausdrücklich als reines Friedensdenkmal verstand. Über Münster hinaus hatte es keine Bedeutung. Wenige Jahrzehnte später wurde es von den Nazis für wertlos befunden; 1942 wurde es für die Kriegsproduktion eingeschmolzen. Karten aus der NS-Zeit zeigen die Paranoia des Regimes, das an den Grenzen Deutschlands nur Feinde sah, die jederzeit einzufallen drohten.

Ein paar Meter weiter ein Foto von 1948. Der Krieg ist vorbei und Münster begeht das 300. Jubiläum des Westfälischen Friedens. »Gedenken, nicht feiern«, ist sein Motto. Die Stadt ist zerstört. Auf dem Foto fliegen Tauben vor dem zerbombten Dom in den Herbsthimmel. Was die Teilnehmer der Friedenskundgebung bei diesem Anblick wohl gefühlt haben? Ein Film der Wochenschau zeigt ernste, müde Gesichter.

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Nebenan im Raum noch mehr Fotos der zerstörten Stadt und von den Trümmern in der Lambertikirche. Daneben ein Wahlplakat, das auffordert, nach der Unfreiheit der Hitler-Jahre wieder selbst zu entscheiden. »Wir haben nicht entscheiden dürfen, was unsere Kinder mit ihrer Freiheit anfingen. Wir haben nicht entscheiden dürfen, ob wir aufrüsten, Krieg anfangen, andere Länder besetzen sollten oder nicht.« Was es bedeutet, selber zu regieren, sagt das Plakat auch: »Kümmerst du dich darum, wie deine Kinder in der Schule erzogen werden? Kümmerst du dich darum, ob die Kranken, die Schwachen und Alten versorgt werden? Kümmerst du dich darum, dass dein Nächster ein Bett und ein Dach hat?«

Ich stehe lange vor diesen Fotos, denke auch an die Demonstranten draußen und gegen wen sie siebzig Jahre später durch die wieder aufgebauten Straßenzüge laufen. Vielleicht liegt es auch an diesem Katholikentag. Doch in diesem Moment, vor den Zeugnissen der Zerstörung, komme ich mir nicht so naiv vor wie sonst, weil ich Matthäus 5,5 glauben will: »Selig die Sanftmütigen. Denn sie werden das Land erben.«

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