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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2018
Der Mord und der Westen
Der Fall Saudi-Arabien: Handel, Macht und Menschenrechte
Der Inhalt:

Glaubenskrise im Gottesstaat

von Britta Baas vom 10.11.2018
Die Iraner vertrauen ihrer Theokratie schon lange nicht mehr. Doch der Islam beschert ihnen Momente des Glücks. Gibt er auch Hoffnung auf einen Wandel? Besichtigung einer Utopie
Geistliche Oberhäupter, überall präsent: Plakate mit den Konterfeis Ajatollah Khomeinis (links) und seines Nachfolgers Ajatollah Khamenei säumen die Straßen in den Städten Irans. (Foto: Morteza Nikoubazl/ZUMA Wire/Alamy Live News)
Geistliche Oberhäupter, überall präsent: Plakate mit den Konterfeis Ajatollah Khomeinis (links) und seines Nachfolgers Ajatollah Khamenei säumen die Straßen in den Städten Irans. (Foto: Morteza Nikoubazl/ZUMA Wire/Alamy Live News)

In dieser Nacht ist an Schlafen nicht zu denken. Der Wind zerrt an den Ästen und Blättern der Bäume, draußen vor dem Hotel. Es ist kurz nach 23 Uhr, in den Straßen der Stadt Tabriz wird die Dunkelheit lebendig. Zuerst sind sie nur ganz von Ferne zu hören: Männerstimmen, die rhythmisch singen, tief aus dem Bauch. Es müssen Hunderte sein. Ihr Gesang ist ein Atmen und Hauchen, ein Stöhnen und Stillwerden, in immer neuen Wellen. Dann sind auch Trommeln zu hören. Die Schläge klingen tief, verschmelzen mit dem Rhythmus der Männer. Es vergeht Stunde um Stunde. Ist noch Nacht? Oder schon Morgen? Irgendwann werden die Stimmen leiser, die Trommeln verstummen.

Es sind die ersten Stunden von Tasua, dem Tag vor dem großen Ashurafest. Jahr für Jahr gedenken die Schiiten mit Trauerzeremonien, Passionsspielen und Prozessionen des Märtyrertods des dritten Imams. Hoseyn, ein Enkel des Propheten Mohammed, ist 680 mit einer Gruppe von Getreuen und Familienangehörigen auf der Rückkehr von einer Pilgerreise, als er von den Truppen des herrschenden Kalifen besiegt und getötet wird. Im Stich gelassen von den Bewohnern der Stadt Kufa, die ihm Schutz und Unterstützung versprochen hatten, leidet er vor seinem Tod Hunger und Durst, wird zusammen mit seinen Leuten eingekesselt und vom nahe gelegenen, rettenden Wasser abgeschnitten. Die Qual dauert viele Tage, am Ende steht der Tod durch das Schwert.

Wer den Iranern in den Tagen rund um Ashura begegnet, stellt fest: Für viele ist die Erinnerung an Hoseyn nicht nur ein Trauerfest. Es ist auch eine Zeit des Miteinanders, des Teilens, der Selbstvergewisserung. Wer sind wir, was macht uns zu Schiiten? Was heißt es, zwölf Imame aus der Linie Mohammeds – leibliche Nachkommen also – al

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