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Die katholische Kirche streitet

von Markus Dobstadt 14.02.2019
Der Offene Brief von neun prominenten Katholiken hat die Reformdebatte in der katholischen Kirche angeheizt. Gleich zwei Petitionen fordern dazu auf, das Anliegen der Autoren zu unterstützen. Auch Kritiker des Briefes melden sich zu Wort

Was folgt aus dem Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche tief erschüttert? Darüber wird zurzeit heftig gestritten. Der Offene Brief, den neun prominente Katholiken kürzlich veröffentlicht haben, fordert nicht weniger als eine Revolution: Abschaffung des Pflichtzölibats, das Weiheamt für Frauen öffnen, echte Gewaltenteilung und einen »Neustart mit der Sexualmoral«, inklusive einer verständigen und gerechten Bewertung von Homosexualität. Der Brief ist an Kardinal Reinhard Marx, den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, gerichtet, der demnächst zum Krisengipfel nach Rom reist. Vom 21. bis zum 24. Februar werden dort die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen über Folgen aus dem Missbrauchskandal beraten.

Petitionen finden zahlreiche Unterstützer

Doch inzwischen zieht das Schreiben deutlich weitere Kreise. Unter den prominenten Autoren sind Ansgar Wucherpfennig, Rektor der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, Klaus Mertes, Leiter des Kollegs St. Blasien, und die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Claudia Lücking-Michel.

Zwei Petitionen, die online unterschrieben werden können, stellen sich hinter den Brief. Die KirchenVolksbewegungWir sind Kirche, begründet ihre Petition: »Wenn der Krisengipfel im Vatikan ansatzweise gelingen soll, braucht Kardinal Marx eine möglichst breite Unterstützung der Katholikinnen und Katholiken in Deutschland«. Zugleich kritisiert sie in einer Pressemitteilung, der Gipfel in Rom habe »einen systemischen Mangel: Die Verantwortlichen, unter denen möglicherweise auch Täter sind, sitzen über sich selbst zu Gericht. Betroffene Opfer, die sich selbst Überlebende nennen, sind nur indirekt beteiligt. Frauen bleiben bei den Beratungen wieder außen vor. Der Männerbund wird nicht aufgebrochen, wenn dazu auch noch hinter verschlossenen Türen diskutiert wird.« Wir sind Kirche fordert, dass auch der Missbrauch von Nonnen in der Kirche, den der Papst kürzlich eingeräumt hat, auf die Tagesordnung der Konferenz kommen müsse. Über 2800 Unterstützer hat die Unterstützer-Petition innerhalb weniger Tage gewonnen.

Mehr als 1600 Unterzeichner fand bisher eine weitere Petition, deren Urheber nicht genannt wird: »#Wandel2019: Für einen tief greifenden Wandel in der katholischen Kirche«. »Sehr geehrter Herr Kardinal Marx«, heißt es darin: »Wir unterstützen den Offenen Brief von Johannes zu Eltz und seinen Mitunterzeichnern an Sie in jedem einzelnen Punkt.«

Beiträge von Monika Grütters und Wolfgang Thierse

Der Streit um Reformen in der Kirche wird auch über die Medien ausgetragen. In einem Gastbeitrag in der Zeit unterstützt die CDU-Politikern Monika Grütters, Mitglied im Zentralkomitee deutscher Katholiken, den Offenen Brief: »Wenn ein Fundament Risse bekommt, kann man das Haus nicht mit Reparaturen an der Fassade retten, sondern muss die Grundfesten erneuern«, schreibt sie und fordert die Bischöfe auf: »Gehen Sie an die Ursachen für die bröckelnden Bindungen.«

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Kardinal Marx beim Krisengipfel im Vatikan unterstützen:

Ich unterstütze den »Offenen Brief an Kardinal Reinhard Marx«

Petition der KirchenVolksBewegung .../mehr

Auch Wolfgang Thierse, SPD Politiker und ebenfalls im Zentralkomitee engagiert, schließt sich den im Brief genannten Forderungen an. Das Zentralkomitee habe im Herbst bereits »dasselbe gefordert«. Thierse, der auch Mitherausgeber von Publik-Forum ist, schreibt: »Viele deutsche Bischöfe sehen offenbar die Dringlichkeit der Missbrauchsaufklärung und der daraus folgenden notwendigen Kirchenreformen immer noch nicht ein. Beides geht viel zu langsam voran!« Die Kirchen müssten »endlich ein positives und nicht wie bisher ein negatives Beispiel geben« beim Umgang mit Missbrauch. Thierse sagt: »Ich glaube, das klerikale Sonderbewusstsein muss weg. Alles andere folgt daraus«.

Kritiker melden sich zu Wort

Aber es melden sich auch Kritiker des Offenen Briefes zu Wort. Das konservative »Forum Deutscher Katholiken« weist die im Schreiben genannten Forderungen zurück. Hubert Gindert, der Vorsitzende des Forums, wirft den Autoren vor, »die Missbrauchsfälle für eigene Ziele zu instrumentalisieren«. Auch der Freiburger Theologe Helmut Hoping meint, dass die Reformagenda mit dem »Missbrauchsskandal und seiner skandalösen Vertuschung zunächst einmal gar nichts zu tun hat«. Die Erwartung, dass bei der Konferenz in Rom über das Frauenpriestertum, eine Aufhebung des Verbots der Weihe von homosexuellen Männern oder des Zölibats diskutiert werde, hält er für »reichlich illusorisch«.

Schließlich kritisiert auch der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, in einem Beitrag in der Tagespost den Offenen Brief als einen »Anschlag auf die Einheit der Kirche«. Er bezeichnet die Autoren als »klerikal-männerbündische Gruppe um Wucherpfennig, Mertes, Eltz«. Ihnen wirft er vor, Kardinal Marx als »Vorkämpfer und Durchboxer ihrer Lieblings-Agenda zu engagieren«. Zugleich veröffentlichte Müller ein »Glaubensmanifest«, in dem er eine Weihe von Frauen zu Priesterinnen zurückweist, ebenso die Aufhebung des Pflichtzölibats. Doch auch Müllers Beitrag bleibt nicht unwidersprochen. Kardinal Walter Kasper hat wiederum sein »Glaubensmanifest« kritisiert. Es biete nur »halbe Wahrheiten«.

Gestritten wurde offenbar auch in Deutschen Bischofskonferenz, die Ende Januar tagte. Dort haben nach Informationen der Zeit vier Bischöfe ein Papier vorgestellt, in dem sie eine nationale Synode vorschlagen. Dort könnte über notwendige Reformen diskutiert werden. Doch die Idee fand offenbar keine Mehrheit.

Die katholische Kirche ringt um ihre Zukunft. Man darf gespannt sein, ob sie nach dem Spitzentreffen in Rom einen Schritt weiter sein wird.

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Paul Haverkamp
15.02.201909:19
Wem in Stein gehauene Dogmen wichtiger sind als Menschen, die von dieser Kirche bevormundet (Thema Sexualität), diskriminiert (Verbot der Frauenordination) und entmündigt wird (z.B. bei Fragen des Arbeitsrechts in kirchl. Einrichtungen), der macht aus der von Jesus ursprünglich auf Menschlichkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe angelegten relig. Gemeinschaft eine nicht den Menschen dienende, sondern den Menschen beherrschen wollende Ideologie.

Der von der kath. Kirche vertretene Glaube erhält (vor allem auch bei jungen Menschen!) nur dort eine Chance, wo er vor allem Wegbegleitung ist: nicht bevormundend und besserwisserisch, sondern dialogisch, nachdenklich, einfühlsam, ermutigend, tröstlich und befreiend – und vor allem dann, wenn er sich von den Worten und Handlungen des Menschen (!!!) Jesu inspirieren lässt. Diese Worte und Taten müssen in ihrem Kern freigelegt werden – befreit von allem hinderlichen dogmatischen Ballast!!!