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Die alte Frau und das Kind

vom 10.12.2021
von Inge Müller

Sie legte die Hand an die Klinke.
Die 365 vergangenen Tage
lasteten schwer auf ihren schmalen Schultern, die sich dennoch hielten, aufrecht und würdevoll.

Die Vergangenheit warf sich
wie ein grauer Schattenmantel
über ihr in allen Regenbogenfarben funkelndes Abendkleid, Spiegel jener bunten Verheißungen, Hoffnungen, Träume, Augenblicke, Wünsche, Erfüllungen, Chancen, die sie den Menschen übergeben hatte, damals, als sie jung war.

Sie wandte den Blick zurück.
Die Familie feierte.
Man lachte, man prostete einander zu.
Man schmähte und verdammte sie
an diesem letzten Abend.
Man freute sich auf ihren Abschied
und ersehnte das Neue.

Sie lächelte leise.
Wann würden sie je verstehen,
dass es kein Schicksal gab,
dass alles ein Geschenk war,
das allein in ihrer Hand gelegt wurde?
Jedes Jahr, jeder Tag,
jede Stunde, jede Sekunde?

Das Leid und die Freude,
die Einsiedelei und die Freiheit,
die Langeweile und die stille Erfüllung, die Grenzen und der freie Wille, die Einsamkeit und das Zusammensein, die Arten, zu reisen, einander zu begegnen, zu essen, zu singen, zu tanzen, wertzuschätzen und einander zu brauchen, zu beten, zu lieben, zu arbeiten, zu helfen, einander beizustehen, zu weinen und zu lachen, zu leben und zu sterben.

Sie trank ihnen im Geiste zu
und verabschiedete sich.
Wünschte ihnen Erinnerung,
Erkenntnis und Weisheit.

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Noch ein letzter Blick zurück.
Sie sah,
wie die Tür jenseits des Raumes sich öffnete.

Sie sah das kleine Mädchen,
das seinen Fuß auf die Schwelle setzte.

Sie überschritt im selben Augenblick
die Schwelle, die vor ihr lag.

Sie trat hinaus ins Freie,
öffnete den grauen Mantel,
sodass ihre Farben zu funkeln begannen – und vertraute sich an der sternklaren Nacht und der Ewigkeit.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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